# taz.de -- Europäisches Stromnetz: Punkt 22 Uhr gerät das Netz aus dem Takt
       
       > Wiederkehrende Frequenzeinbrüche beschäftigen die Energiewirtschaft – die
       > Ursache liegt vermutlich in den Lärmauflagen der Windkraft.
       
 (IMG) Bild: Pünktlich um 22 Uhr müssen Windkraftanlagen gedrosselt werden – wegen Lärmbestimmungen
       
       An windreichen Tagen macht sich im europäischen [1][Stromnetz] ein Phänomen
       bemerkbar, das auf den ersten Blick skurril wirkt: Pünktlich um 22 Uhr
       sinkt die Netzfrequenz deutlich, was auf einen Mangel an Stromerzeugung
       hindeutet. Die Frequenz, die idealerweise exakt 50 Hertz beträgt, fällt
       dann um 0,1 bis 0,2 Hertz ab. Unterhalb von 49,8 Hertz ist die Stabilität
       des Netzes gefährdet.
       
       Am vergangenen Dienstag war der Frequenzabfall besonders deutlich.
       Unmittelbar nach 22 Uhr fiel binnen 62 Sekunden die Frequenz um 0,193
       Hertz. Ein solcher Abfall entspricht dem plötzlichen Verlust von 3,2
       Gigawatt Erzeugungsleistung im kontinentaleuropäischen Netz. Dann muss
       schnell gegengesteuert werden. Die verfügbaren Regelkapazitäten –
       Primärregelleistung genannt –, liegen in Europa aktuell bei 3,45 Gigawatt.
       Sie waren also fast ausgeschöpft.
       
       Eine plausible Erklärung für dieses wiederkehrende 22-Uhr-Phänomen liefert
       die Windkraft. An besagtem Dienstagabend waren alleine durch die Anlagen an
       Land rund 40 Gigawatt Windstrom im deutschen Netz. Doch pünktlich um 22 Uhr
       griffen für zahlreiche Anlagen die Lärmschutzauflagen auf Basis der
       Verwaltungsvorschrift „Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm“, kurz TA
       Lärm; die Maschinen dürfen dann bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr nur noch
       gedrosselt laufen.
       
       Da das bei allen betroffenen Anlagen synchron geschieht, bricht im Netz bei
       starkem Wind schlagartig eine Leistung weg, die in der Summe mehreren
       Großkraftwerken entsprechen kann. Genaue Zahlen zum Umfang der betroffenen
       Anlagen kennt die Branche aber nicht.
       
       ## Keine unmittelbare Gefährdung der Netzstabilität
       
       Die Übertragungsnetzbetreiber, die für die Netzstabilität zuständig sind,
       aber auch andere Stromnetzexperten, brachten das Phänomen jetzt an die
       Öffentlichkeit. Ulf Kasper, Leiter Regelreserven und Systembilanz beim
       Übertragungsnetzbetreiber Amprion, spricht bei dem 22-Uhr-Einbruch von
       einer „deterministischen Frequenzabweichung“, also einem nicht zufällig
       auftretenden Ereignis.
       
       Zwar seien zur vollen Stunde Frequenzsprünge im europäischen Netz weit
       verbreitet, weil an den Grenzen der stromwirtschaftlichen
       Abrechnungsintervalle in den Kraftwerken viele Schaltvorgänge stattfinden.
       Doch die Praxis zeige: „Besonders markant sind Frequenzeinbrüche bei
       starkem Wind um 22 Uhr.“
       
       Zwar ergebe sich daraus aktuell „keine unmittelbare Gefährdung der
       Netzstabilität“, sagt Kasper, trotzdem sei es „sinnvoll, zeitnah
       Gegenmaßnahmen zu entwickeln“. Zum Beispiel, indem künftige
       Windkraftanlagen zeitversetzt vom Netz genommen werden. Auch beim
       Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz hält man „eine Anpassung der Regulatorik
       für sinnvoll“.
       
       ## Lösung liegt auf der Hand
       
       Ähnlich urteilt Christoph Maurer, Geschäftsführer des Aachener
       Beratungsunternehmens Consentec, über die 22-Uhr-Vorfälle: „Das ist an sich
       nicht problematisch, aber in einem solchen Moment ist das System
       geschwächt.“ Träte gleichzeitig noch ein anderes Problem auf – etwa der
       Ausfall eines großen Kraftwerks – könne es mit den Ausgleichskapazitäten im
       Netz eng werden.
       
       Gerade weil es kein strukturelles Problem des Stromnetzes ist, sondern ein
       hausgemachtes, liegt die Lösung auf der Hand: Würde man die Abschaltungen
       über eine Viertelstunde strecken, könnte das europäische Stromsystem damit
       gut umgehen. Die Bundesnetzagentur teilt daher auf Anfrage mit, es würden
       „bei der anstehenden Überarbeitung von Rechtsvorschriften verbindliche,
       harmonisierte Rampenvorgaben erwogen“. Wobei mit der „Rampe“ die
       Geschwindigkeit der Abregelung der Windkraftanlagen gemeint ist.
       
       Grundsätzlich kann [2][die europäische Stromwirtschaft] nämlich enorme
       Mengen an Flexibilität bereitstellen – nur wenn per Zeitsteuerung im selben
       Moment mehrere Tausend Megawatt Erzeugung wegfallen, macht man das komplexe
       System des Verbundnetzes unnötig fragil.
       
       29 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erneuerbare-Energien/!6165048
 (DIR) [2] /Nordsee-Gipfel-in-Hamburg/!6148631
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernward Janzing
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Stromnetz
 (DIR) Erneuerbare Energien
 (DIR) Ökostrom
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Energiewende in Gefahr
 (DIR) Ökostrom
 (DIR) Blackout
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ex-Politiker Graichen über Energiewende: „Deutschland braucht eine fossile Unabhängigkeits-strategie“
       
       Patrick Graichen war als Staatssekretär Robert Habecks Mann für die
       Energiewende. Schwarz-Rot kritisiert er scharf. Und die Fehler der Ampel?
       
 (DIR) Erneuerbare Energien: Engpässe im Stromnetz nicht mehr ganz so teuer
       
       Ein Grund war das schwache Windjahr 2025. Zugleich müssen immer mehr
       Photovoltaikanlagen zeitweise abgeschaltet werden.
       
 (DIR) Blackout in Spanien und Portugal: Wie auf der Iberischen Halbinsel das Stromnetz kollabierte
       
       2025 erlebten Spanien und Portugal einen flächendeckenden Blackout
       ungesehenen Ausmaßes. Nun zeigt ein Bericht, wie es dazu kommen konnte.