# taz.de -- Klimaschutzprogramm der Bundesregierung: Ein Plan gegen die eigene Politik
> Die Bundesregierung legt ein ambitioniertes Klimaschutzprogramm vor. Nur
> scheint Minister Schneider die Rechnung ohne die eigenen Kollegen zu
> machen.
(IMG) Bild: Beschränkter Horizont: Windkraftanlagen wie diese in Schleswig-Holstein allein werden nicht reichen
Mit Beginn seiner Amtszeit saß Bundesumweltminister Carsten Schneider die
Zeit im Nacken. 323 Tage hatte der SPD-Politiker, um ein
Klimaschutzprogramm aufzustellen, mit dem Deutschland seine Klimaziele
einhält. So sieht es das Klimaschutzgesetz vor: Genau ein Jahr nach erstem
Zusammentreten des neuen Bundestags muss die Regierung so einen Plan
vorlegen. Und tatsächlich ging am Mittwoch das Klimaschutzprogramm durchs
Kabinett. Misst man die Bundesregierung an ihren eigenen Maßstäben,
übererfüllt sie die Ziele sogar.
Nur: Diese Maßstäbe sind veraltet, kritisiert sogar der Expert*innenrat
Klima der Bundesregierung. Und je ferner Deutschland seinen Klimazielen
bleibt, desto länger ist das Land von den fossilen Importen abhängig, die
gerade die Preise treiben.
Schneider feiert sich und die Bundesregierung trotzdem: „Dieses Programm
wirkt wie ein Unabhängigkeitspaket, das Deutschland [1][krisenfester macht
gegen die Öl- und Gaspreisschocks] der Zukunft.“ Es werde einen Schub für
den Klimaschutz auslösen. Der sei auch nötig, sagt Schneider, denn „wenn
wir Verantwortung übernehmen, wird es auch der Rest der Welt tun“.
Insgesamt will die Bundesregierung mit dem Programm 2030 jährlich 27,1
Millionen Tonnen CO₂ einsparen und so die 2024 festgestellte Lücke von 25
Millionen Tonnen zum 2030er-Klimaziel schließen.
## Heizungsgesetz kommt Schneiders Plänen in die Quere
Aber der Expert*innenrat bezweifelt, dass das Klimaschutzprogramm die
gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Das Umweltbundesamt hat [2][noch vor wenigen
Tagen eine vergrößerte Lücke festgestellt], 30 Millionen Tonnen sind es
demnach. Außerdem könnten „bisher nicht geklärte Finanzierungs-, Akzeptanz-
und Infrastrukturfragen die vollständige Realisierung der von der
Bundesregierung erwarteten Treibhausgasminderungen gefährden“, so der
Expert*innenrat – solange alles nur geplant und nicht umgesetzt wird,
kann noch viel passieren.
Was sicher kommen wird, ist die Reform des Heizungsgesetzes. Darin soll
laut den CDU- und SPD-Fraktionen eine Regelung gekippt werden, derzufolge
neue Heizungen künftig mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben
werden müssen. Stattdessen soll der Einbau von Gas- und Ölheizungen
ausdrücklich erlaubt bleiben, die zu 10 Prozent teure „grüne Brennstoffe“,
also Biogas oder Wasserstoff, nutzen müssen. Dem Öko-Institut zufolge wird
diese Abschwächung 5 bis 8 Millionen Tonnen zusätzlichen CO₂-Ausstoß
verursachen.
Stattdessen will die Bundesregierung 400 Millionen Euro mehr in Ausbau und
Dekarbonisierung von Wärmenetzen stecken. In einem frühen Entwurf war aber
noch eine soziale Staffelung der Förderung für Gebäudesanierung angedacht,
die nun fehlt. „Insgesamt ist die soziale Dimension enttäuschend
abgebildet“, sagt Brigitte Knopf, Direktorin der Denkfabrik Zukunft
Klimasozial.
Violetta Bock, wärmepolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag,
nennt die Fernwärmeförderung ein „Trostpflaster.“ Die Politik der
Bundesregierung „vertieft bestehende Ungleichheiten – die Zeche zahlen vor
allem Mieter*innen und Menschen mit geringem Einkommen.“
## 12 Gigawatt neuer Windkraftwerke
Aus den eigenen Reihen erhält Schneider dagegen Rückendeckung. „Bisherige
Förderprogramme kamen vor allem bei denen an, die ohnehin genug
Eigenkapital hatten. Das ändern wir“, sagt der SPD-Politiker Jakob
Blankenburg und verweist auf die bereits im Januar angekündigte, [3][nach
Einkommen gestaffelte Förderung für neue E-Autos und Plug-in-Hybride].
Ein Coup ist Schneider gelungen, indem die Bundesregierung bis 2030 12
Gigawatt zusätzlicher Windstromerzeugung ans Netz bringen will, etwa ein
Viertel der CO₂-Einsparungen gehen darauf zurück. Der Minister ließ
durchblicken, dass er die etwa 2.000 neuen Windräder gegen den Willen von
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) durchgesetzt hat. Sie sparen
dem Umweltministerium zufolge 1 Milliarde Euro fossiler Gasimporte.
Auch dieser Erfolg ist aber keineswegs sicher. Pläne aus dem
Wirtschaftsministerium legen nahe, dass Reiche [4][den Ausbau der
Erneuerbaren stark bremsen will]. „Der SPD-Umweltminister verspricht
Windräder, die seine CDU-Kollegin nicht ans Netz lässt“, kritisiert Lisa
Badum, klimapolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Schneider machte
bei der Vorstellung des Programms deutlich, dass Reiches Pläne „kein
Konsens in der Bundesregierung“ seien.
## Beim Wald- und Moorschutz „ist alles Wichtige drin“
Ähnlich sieht es beim Landnutzungssektor aus, also den Wäldern, Mooren und
Böden. Sie sind derzeit in schlechtem Zustand und stoßen mehr CO₂ aus, als
sie binden. Künftig aber sollen sie zum Beispiel auch den CO₂-Ausstoß der
Industrie kompensieren.
„Es ist großartig, dass über die Hälfte der zusätzlichen Mittel für den
Landnutzungssektor vorgesehen sind“, sagt Judith Reise vom Öko-Institut.
„Beim Wald- und Moorschutz ist alles Wichtige drin.“ Aber viele der
aufgeführten Maßnahmen müssten noch in Bewegung gesetzt werden, und zwar
„so schnell wie möglich“. „In der ganz konkreten Ausgestaltung ist mit
Konflikten zwischen dem Umweltministerium, dem Landwirtschaftsministerium,
Bauern und Waldbesitzern zu rechnen.“
Die konkrete Ausgestaltung des ganzen Klimaschutzprogramms hängt ohnehin
davon ab, ob der Bundestag tatsächlich 8 Milliarden Euro dafür freigibt.
Die „Finanzbedarfe müssen sich in die haushalts- und finanzpolitischen
Vorgaben der Bundesregierung einfügen“, heißt es in der Einleitung. „Das
klingt sehr defensiv“, sorgt sich Brigitte Knopf.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) jedenfalls kündigte bereits an, gegen das
Klimaschutzprogramm klagen zu wollen. Schneider zeigt sich unbeeindruckt:
„Die Umwelthilfe [5][klagt so oder so].“
25 Mar 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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