# taz.de -- Der Kulturkampfminister spricht: Ernsthaft, Weimer?
> Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gibt zu, dass ihm die drei von ihm
> gecancelten Buchläden nicht passen. Er nennt sie außerdem
> „extremistisch“.
(IMG) Bild: Auftritt bei der Leipziger Buchmesse am 19. März 2026: Kulturstaatsminister Weimer bei einer Podiumsdiskussion
Hat der Mann eigentlich keinen Pressesprecher, der aufpasst, dass sich sein
Chef nicht um Kopf und Kragen redet? Diese Frage stellt sich angesichts der
jüngsten Äußerungen des parteilosen [1][Kulturstaatsministers des Bundes,
Wolfram Weimer]. In ihnen legt er eine neue Begründung für seine
Entscheidung vor, drei Buchhandlungen von der Liste des Deutschen
Buchhandlungspreises zu streichen und sie damit um ideelle und finanzielle
Anerkennung zu bringen.
In einem vorab am Mittwoch online publizierten Interview mit der [2][Zeit]
sagt Weimer ganz unverhohlen, dass ihm das linke Profil der Buchläden in
Bremen, Göttingen und Berlin nicht gefalle – und er nur den Willen des
deutschen Volkes vollstrecke. „Eine Buchhandlung, die sich hinter Losungen
wie ‚Deutschland verrecke‘ stellt, wird von der überwältigenden Mehrheit
der Bevölkerung nicht für preiswürdig gehalten.“
Auf Nachfrage des Interviewers wiederholt er: „Man kann einer Bürgerin oder
einem Bürger, der diese Republik trägt und finanziert, nicht sagen, es
gehöre zum Selbstverständnis dieser Republik, dass zum Beispiel das
Steuergeld, das ein Kassierer in Tübingen bezahlt, genommen wird für ein
Preisgeld für ‚Deutschland verrecke‘.“ Der Schriftzug – mit dem Zusatz
„bitte“ – befindet sich als ein Graffito unter vielen an der Fassade des
[3][Golden Shop in Bremen]. Der Satz ist ein Zitat, das nach einer
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2000 unter die
Kunst- und Meinungsfreiheit fällt.
Weimer gibt somit zu, was viele bereits vermutet hatten: Die angeblichen
„verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse“, aufgrund derer eine
Preisvergabe nicht möglich sei – sie sind nur vorgeschoben. In demselben
Interview sagt Weimer, er wisse nicht, was der Verfassungsschutz für
Erkenntnisse über die Buchläden habe. So hatte es seine Behörde am 7. März
auch schon der [4][FAZ ] gesagt. Die Fassadensprüche seien es jedenfalls
nicht, so Weimer jetzt. Sondern etwas „Ernsthaftes“.
## Geheim, alles geheim
Ernsthaft: War das der Wortlaut einer Mail vom Verfassungsschutz? Oder
stand ein Beamter des Bundesinnenministeriums vor Wolfram Weimer und setzte
bei der Übergabe eines Schreibens vom Verfassungsschutz ein Gesicht auf,
wie es Ärzt:innen bei der Überbringung von schlechten Nachrichten machen
– was der Staatsminister oder ein:e Mitarbeiter:in als „ernsthaft“
deutete?
Das will die taz von Weimers Pressestelle wissen, doch die beantwortet die
Fragen wie in den vergangenen Wochen mit demselben wolkigen Verweis auf
einen „Geheimschutz“. Sie löst auch nicht den Widerspruch auf, wie Weimer
wissen kann, dass es nicht um die Fassade ging, wenn ihm der
Verfassungsschutz seine Erkenntnisse gar nicht verraten hat. Auch das
unterliege dem Geheimschutz.
Antworten wird möglicherweise eine Auskunft nach dem
Informationsfreiheitsgesetz liefern, die die taz am 6. März angefordert
hatte. Das Auskunftsgesuch bezieht sich unter anderem auf die gesamte
Korrespondenz zu dem Vorgang.
Eine solche Anfrage, die die Behörden innerhalb einer Frist beantworten
müssen, hat jetzt auch Sven Adam, Anwalt des Buchladens Rote Straße in
Göttingen, gestellt. Ihm geht es unter anderem um Aufklärung darüber, wer
überhaupt auf die Idee gekommen ist, den Verfassungsschutz zu den drei
Buchläden nach dem sogenannten [5][Haber-Verfahren] zu befragen.
Das nach einer ehemaligen Staatssekretärin im Bundesinnenministerium
benannte Verfahren soll mittels einer Abfrage beim Verfassungsschutz seit
2017 verhindern, dass der Staat mutmaßlich extremistische Personen oder
Organisationen fördert. Auch solche, die wie die drei Buchläden nicht in
den Verfassungsschutzberichten genannt werden, weil sie nicht beobachtet
werden. Die Definition dessen, was als extremistisch gilt im Sinne der
Gefährdung der Verfassung, [6][nehmen die Verfassungsschutzämter vo]r.
## Gibt es in Weimers Behörde einen Bookshop-Looker?
In dem Zeit-Interview erklärt Wolfram Weimer nun, seine „Fachbeamten“
hätten die Liste mit den 118 nominierten Buchhandlungen durchgesehen und
erkannt, „dass in drei Fällen möglicherweise ein Problem auftaucht“. Zu
dieser Beurteilung seien sie in der Lage, weil sie sich „in der
Buchhandlungsszene sehr gut auskennen“ würden. Diese Szene ist groß: Im
November beteiligten sich 1.000 Geschäfte an der Woche der unabhängigen
Buchhandlungen – das ist ein Drittel aller [7][Buchhandelsunternehmen in
Deutschland] inklusive Ketten.
Im Organigramm von Weimers Behörde gibt es kein Fachreferat für den
deutschen Buchhandel. Muss man sich das so vorstellen, dass vielleicht in
der Abteilung „Infrastruktur und Bau“ jemand sitzt, der in seiner Freizeit
Buchläden besucht, so wie andere Leute Eisenbahnen beobachten? Ein
Bookshop-Spotter?
Für die Buchläden ist der ganze Vorgang alles andere als lustig. Zwar
erfahren sie große Solidarität und [8][verbuchen Umsatzrekorde], aber an
ihnen klebt das Etikett „irgendwie verdächtig“. Wolfram Weimer ging im
Interview noch weiter. Er spricht darin über „politische Extremisten“. Im
Kontext des Interviews kann man das auf die Inhaber:innen und
Mitarbeiter:innen der drei Buchläden beziehen.
Das sei eine unzulässige und rufschädigende Behauptung, sagt Jasper Prigge,
Anwalt des Berliner Buchladens Zur schwankenden Weltkugel. Am Donnerstag
hat er daher den Kulturstaatsminister zu einer Unterlassungserklärung
aufgefordert. Lässt der die Frist verstreichen, würde er seinen
Mandant:innen raten, den Unterlassungsanspruch vor Gericht
durchzusetzen. Vor Gericht anhängig sind zudem Klagen der drei Buchläden
gegen den Kulturstaatsminister und den Verfassungsschutz wegen unzulässigen
Informationsaustauschs.
20 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
(DIR) [2] https://www.zeit.de/2026/13/wolfram-weimer-buchhandlungspreis-ausschluss-verfassungsschutz/komplettansicht
(DIR) [3] /Ausschluss-vom-Buchhandlungspreis/!6160382
(DIR) [4] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfram-weimer-keine-nachfrage-beim-verfassungsschutz-zu-buchlaeden-110849496.html
(DIR) [5] /Haber-Verfahren/!6163287
(DIR) [6] /Debatte-um-Kulturstaatsminister-Weimer/!6162276
(DIR) [7] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_42_p002.html#:~:text=Sie%20sind%20hier:%20Zahl%20der%20Bucheinzelh%C3%A4ndler%20binnen%20f%C3%BCnf%20Jahren%20um%2024%20%25%20gesunken.
(DIR) [8] /Besuch-der-Buchhandlung-Zur-schwankenden-Weltkugel-Was-stoert-Minister-Weimer-an-diesem-Laden/!6161698
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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