# taz.de -- Angriffe auf die Zivilgesellschaft: Als Feinde markiert
       
       > Jeden dritten Tag wird die Zivilgesellschaft angegriffen, sagt eine neue
       > Erhebung der Amadeu-Antonio-Stiftung. Dazu zählen Fälle von
       > Sachbeschädigung und körperlichen Angriffen.
       
 (IMG) Bild: Rechte Akteur*innen sehen in Antirassismus und Vielfalt ihre Feind*innen
       
       Es sind drei Fälle von vielen: In Hannover wird ein autonomes Jugendzentrum
       mit Buttersäure beschmiert. [1][In Cottbus wird wenige Tage vor dem CSD ein
       Brandanschlag auf das Regenbogenzentrum verübt.] Und in Riesa fordert die
       AfD-Fraktion im Stadtrat, dass alle Jugendlichen, die an Angeboten des
       Jugendzentrums teilnehmen, mit Namen und Adressen erfasst werden.
       
       Am Dienstag hat die [2][Amadeu-Antonio-Stiftung] ihren Sicherheitsreport
       vorgestellt. Insgesamt 112 Angriffe auf die Zivilgesellschaft hat die
       Stiftung im Jahr 2025 erfasst, durchschnittlich also an jedem dritten Tag.
       Dazu zählt sie Fälle von Sachbeschädigung und körperlichen Angriffen, aber
       auch Diffamierungskampagnen durch die extrem rechte AfD. Die Hälfte der
       Vorfälle wurde in den ostdeutschen Bundesländern erfasst, hier wird die
       Zivilgesellschaft demnach besonders häufig bedroht. Und die Dunkelziffer
       ist hoch: Für die Statistik wurden Medienberichte ausgewertet. Oft würden
       Vorfälle wie Schmierereien und Bedrohungen aber gar nicht erst angezeigt
       oder medial aufgegriffen.
       
       „Die Zivilgesellschaft ist der extrem Rechten ein Dorn im Auge“, sagte Timo
       Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Es sei ihr erklärtes Ziel,
       engagierte Demokraten einzuschüchtern und zu diskreditieren. Bei der
       Vorstellung des Berichts wurde eine Art Arbeitsteilung beschrieben. „Die
       AfD markiert die Feindbilder, andere Rechtsextreme gehen weiter, bis hin zu
       tätlichen Angriffen“, sagte Lea Lochau vom Kompetenzzentrum
       Rechtsextremismusprävention. Die AfD missbrauche parlamentarische
       Initiativen, um Demokraten einzuschüchtern, zivilgesellschaftliche
       Organisationen und Behörden zu lähmen und von ihrer eigentlichen Arbeit
       abzuhalten.
       
       Im Rahmen der Pressekonferenz kamen auch Vertreter lokaler Initiativen zu
       Wort. Der Sozialarbeiter Bastian Drumm berichtete, dass Angriffe auf die
       Zivilgesellschaft längst auch in Westdeutschland ein großes Problem
       darstellen. Drumm arbeitet bei der Kontaktstelle Holler, einem sozialen
       Zentrum in Kusel, Rheinland-Pfalz. Die Kontaktstelle organisiert jährlich
       das Festival „Kein Bock auf Nazis“ und werde deshalb angefeindet. Drumm
       berichtet von Drohbriefen und Morddrohungen. Rechtsextreme Aufkleber seien
       an die Tür des Zentrums geklebt worden, in einem anderen Fall seien Sticker
       mit Fotos von engagierten Demokraten in der Stadt verklebt worden, um diese
       einzuschüchtern. Bei der Bundestagswahl hat die AfD in Kusel fast 35
       Prozent der Zweitstimmen geholt.
       
       Aber nicht nur Angriffe durch Rechtsextreme treiben die organisierte
       Zivilgesellschaft um. Auch die Pläne der Bundesregierung, das Programm
       „Demokratie leben!“ umzubauen, mit dem viele zivilgesellschaftliche
       Projekte gefördert werden, sorgt für Verunsicherung.
       [3][Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hatte kürzlich angekündigt,
       das Programm neu auszurichten. 200 geförderte Projekte laufen zum
       Jahresende aus und müssen sich neu auf eine Förderung bewerben.] Im
       [4][taz-Interview] hatte Prien das mit ausbleibendem Erfolg und einer
       einseitigen Ausrichtung des Programms begründet. Dieses ziele zu sehr auf
       ein linksliberales Milieu statt in die Mitte der Gesellschaft.
       
       Sozialarbeiter Drumm wies die Äußerungen der Familienministerin zurück.
       „Die AfD hetzt, aber wir sind es, die sich für ihre Arbeit rechtfertigen
       müssen“, sagte er. Jene, die vor Ort den Kopf hinhielten für die
       Demokratie, dürften nicht als linksextrem diffamiert werden. Er würde es
       sehr begrüßen, wenn sich stattdessen auch konservative Bürger und Vertreter
       der CDU sichtbar bei Aktionen gegen Rechtsextremismus beteiligen würden.
       Von der Bundesregierung forderte Drumm mehr Unterstützung: „‚Demokratie
       leben!‘ müsste eigentlich weiterwachsen – es geht gerade in die völlig
       falsche Richtung.“
       
       31 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Queerfeindlichkeit-in-Brandenburg/!6122114
 (DIR) [2] /Amadeu-Antonio-Stiftung/!t5038662
 (DIR) [3] /Umbau-des-Programms-Demokratie-Leben/!6164747
 (DIR) [4] /Familienministerin-Karin-Prien-Vielfalt-sehe-ich-nicht-als-staatliches-Foerderziel/!6165687
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kersten Augustin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Zivilgesellschaft
 (DIR) Amadeu-Antonio-Stiftung
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Antifa
 (DIR) ICE
 (DIR) Karin Prien
 (DIR) Karin Prien
 (DIR) Karin Prien
 (DIR) Junge Menschen zur Bundestagswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mutmaßlich rechtsextreme Tat: Anschläge gegen etliche Parteibüros in Flensburg und Kiel
       
       In Flensburg und Kiel sind am Wochenende Parteibüros beschädigt worden.
       Rechtsextreme Sticker und Rückstände von Molotow-Cocktails wurden gefunden.
       
 (DIR) Mutmaßlicher Anschlagsversuch in NRW: Möglicherweise politisches Motiv für Sprengsätze im ICE
       
       Nachdem ein 20-Jähriger mit einer Attacke im Zug gescheitert war, prüfen
       die Behörden ein politisches Motiv. Angeblich ist der Festgenommene
       rechtsextrem.
       
 (DIR) Umbau des Programms „Demokratie leben!“: Die Familienministerin zerlegt das Fundament der Demokratie
       
       Priens Schritt erinnert an die Trump-Regierung: eine Exekutive, die ohne
       Rücksicht auf bestehende Strukturen ihre Macht durchsetzt und Misstrauen
       sät.
       
 (DIR) Karin Prien über „Demokratie leben“: „Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel“
       
       Familienministerin Prien (CDU) verteidigt den Umbau des Programms
       „Demokratie leben“. Die geförderten Projekte zielten zu sehr aufs
       „linksliberale Milieu“.
       
 (DIR) Umbau des Programms „Demokratie leben“: „Ein fatales Zeichen“
       
       Familienministerin will 200 Projekte nicht mehr fördern und baut das
       Programm „Demokratie leben“ um. Dort reagiert man mit Unverständnis.
       
 (DIR) „Haber-Verfahren“: Wenn der Verfassungsschutz aussortiert
       
       Kulturminister Weimer greift autoritär in den Kulturbetrieb ein. Sind nun
       andere Projekte dran? Beim Programm „Demokratie leben“ ist die Unruhe groß.