# taz.de -- Prägender Künstler der Abstraktion: Nichts ist hohl
       
       > Die Neue Nationalgalerie widmet dem rumänisch-französischen Bildhauer
       > Constantin Brancusi eine große Werkschau. Dafür holt sie sein Atelier
       > nach Berlin.
       
 (IMG) Bild: Machen sich gut vor dem grünen Marmor: Drei Skulpturen Constantin Brancusis, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026
       
       Fast fühlt es sich an, als würden die Augäpfel ein bisschen kühler werden,
       gleitet der Blick an der polierten Bronze des „L’Oiseau dans l’espace“, des
       „Vogel im Raum“, empor, der seine goldglänzend abstrahierte Brust
       stromlinienförmig gen Himmel reckt.
       
       Die knapp zwei Meter hohe Skulptur ist schwer greifbar in ihrer Ambivalenz:
       die Proportionen auf dem zierlichen Onyx-Sockel so schmal, dass sie
       schwerelos scheint, dabei doch so entschlossen, so massiv im schweren
       Material. „Solid“, sagt Museumsdirektor Klaus Biesenbach auf Englisch
       während der Pressekonferenz, seien die Arbeiten des Bildhauers
       [1][Constantin Brancusi]. Dessen prägendes Werk ist nun erstmals seit 50
       Jahren in Deutschland in einer großen Einzelausstellung in der Neuen
       Nationalgalerie Berlin zu sehen.
       
       Solid, das bedeutet auch: Nichts ist hohl, nichts ist beschichtet, nichts
       ist etwas anderes als das, was wir sehen. Und es ist die wohl treffendste
       Beschreibung, die man für die Arbeiten des rumänisch-französischen Meisters
       einer abstrakten Kunst der Moderne finden kann, für diese lebenslange Suche
       nach Form und Reduktion.
       
       ## Von Bukarest nach Paris
       
       1876 in Rumänien geboren, zog es Constantin Brancusi nach seinem Studium an
       der Kunstakademie Bukarest Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paris. Nach
       Gelegenheitsjobs als Tellerwäscher und Anfängen im Bildhaueratelier Auguste
       Rodins verließ Brancusi diesen nach nur einem Monat, um seine eigene Kunst
       weiter auszuarbeiten, die sich schnell weit entfernte vom „Rindersteak und
       Muskel“-Stil, wie Brancusi Rodins Fokus auf die Fleischlichkeit des
       menschlichen Körpers einmal beschrieb.
       
       Brancusi bezog ein eigenes Atelier in der Rue du Montparnasse und tauchte
       ein in die Pariser Kunstwelt. Er befreundete sich mit [2][Marcel Duchamp],
       Amedeo Modigliani, Henri Matisse, [3][Henri Rousseau] und Edward Steichen.
       Steichen fotografierte Brancusis Werke immer wieder – und erwarb auch eine
       Version des „Vogel im Raum“.
       
       Das sollte Steichen teuer zu stehen kommen. Als die Skulptur für eine
       Ausstellung per Dampfschiff 1926 in New York eintraf, weigerten sich die
       US-Zollbehörden, sie als Kunstwerk anzuerkennen. Ein Vogel, so die Logik
       der Beamten, müsse einem Vogel ähneln. Das polierte Bronzeobjekt wurde als
       steuerpflichtige Metallware eingestuft. Steichen klagte, das Urteil gab ihm
       recht und veränderte als Präzedenzfall die Kunstgeschichte: Kunst, so die
       Richter, müsse die Natur nicht imitieren.
       
       Läuft man an einem sonnigen Frühlingstag durch die gläserne Halle der Neuen
       Nationalgalerie – der Museumsbau von Architekt Mies van der Rohe ist selbst
       eine Ikone der Moderne –, sind die Kontroversen schwer nachzuvollziehen,
       die Brancusis reduzierte Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20.
       Jahrhunderts hervorgerufen hat. So fest ist dieses Werk heute im
       kunsthistorischen Kanon verankert. Als würde man auf alte Bekannte treffen,
       begegnen einem direkt zu Beginn der Ausstellung Brancusis rundgeschliffene
       Musenköpfe, berühmt geworden auch durch die Fotografien seines Freundes Man
       Ray.
       
       Einmal um die Ecke gebogen, steht man sogleich mittendrin in einer von Rays
       surrealistischen Aufnahmen: In einem kurzen, sich wiederholenden
       Filmausschnitt kann man die Fotografin [4][Lee Miller] dabei beobachten,
       wie sie sich Brancusis Gipswerk „Prinzessin X“ von 1957 annähert. Von der
       Skulptur müssen schon Jahrzehnte vorher andere Versionen existiert haben.
       Eine von ihnen wurde 1920 vom Salon des Indépendants entfernt, zu obszön
       sei die Form gewesen. Brancusis Abstraktion, sie ist in diesem phallischen
       Partialobjekt komplett entfaltet.
       
       ## Die Ausstellung gliedert sich in Werkgruppen
       
       Die Entscheidung der Kurator:innen Maike Steinkamp und Klaus
       Biesenbach, die Ausstellung nicht chronologisch, sondern systematisch zu
       präsentieren, erweist sich sofort als richtig und gut. Es ist eine Freude,
       anhand der simplen Form des menschliches Kopfes Brancusis zunehmende
       Reduktion nachzuvollziehen. Ebenso gewinnen andere Werkgruppen durch die
       Gegenüberstellung dazu.
       
       In kurvenartigen Bewegungen umkreist man Porträts und unendliche Säulen,
       schlendert an Tierwelten und Küssen vorbei, staunt über die Holzsockel, die
       vor dem grünen Marmor des Museumsgebäudes ihre avantgardistischen Einflüsse
       auf eine spätere Produktgestaltung offenbaren. Ist das nicht schon eine Art
       rustikales Memphis-Design?
       
       Das Herzstück der Ausstellung ist das Atelier des Künstlers, dessen Nachbau
       sich als einer der wohl bekanntesten Geheimtipps der Stadt jahrzehntelang
       auf dem Platz vor dem Pariser Centre Pompidou als Teil seiner ständigen
       Sammlung befand.
       
       Aufgrund der Renovierung des Centre Pompidou ist es nun der Neuen
       Nationalgalerie gelungen, das rekonstruierte Brancusi-Atelier nach Berlin
       zu holen – und es damit zum ersten Mal überhaupt außerhalb von Paris
       auszustellen. Fasziniert blickt man im Halbdunkel auf die Werkzeuge des
       Bildhauers – denen in dieser Inszenierung trotz allen Geniekults ein wenig
       Diorama-Duft anhängt. Das Betreten ist nicht erlaubt, man muss durch ein
       Fenster gucken.
       
       Hochinteressant sind die das Atelier umgebenden Archivmaterialien: Fotos,
       Selbstporträts, gesammelte Postkarten des Künstlers voll skulpturaler
       Kakteen, ein anrührendes Video der Tänzerin Florence Meyer inmitten der
       Skulpturen, ein toll dahingeschmiertes Porträt Brancusis, 1932 gemalt von
       Oskar Kokoschka, Zeitungsausschnitte. Einer von ihnen zum Zollstreit von
       1927. Der Titel: „Whatever This May Be—It is Not Art“ (Was auch immer es
       ist – es ist keine Kunst).
       
       Der Kosmos des Künstlers ist in dieser Berliner Ausstellung sehr groß und
       detailliert ausgebreitet. Die so ermöglichte Auseinandersetzung mit der
       Bildhauerei Brancusis ist nicht nur überaus sinnlich, sie ist solid. Stabil
       und massiv. Eben durch und durch das, was man sieht. Das zu wissen ist
       tröstend, in dieser Welt der schillernden Oberfläche.
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ausstellung-Urformen-in-Metz/!5038135
 (DIR) [2] /Siebzehn-Mal-Marcel-Duchamp/!6008672
 (DIR) [3] /Wie-ein-Windstoss-im-Fruehling/!481853/
 (DIR) [4] /Lee-Miller-DHM-und-die-Sprache-von-1945/!6087694
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hilka Dirks
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Bildende Kunst
 (DIR) Skulptur
 (DIR) Neue Nationalgalerie
 (DIR) Centre Pompidou
 (DIR) Paris
 (DIR) Moderne
 (DIR) Moderne Kunst
 (DIR) Berlin Ausstellung
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Malerei
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Kunst
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Marina Abramović in Berlin: Die Vulva im Ritus
       
       Performancekünstlerin Marina Abramović ist zurück in Berlin. Der Gropius
       Bau zeigt ihr Werk „Balkan Erotic Epic“ zwischen kritischer Körperkunst und
       Kitsch.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Wenn nur Make-up und Frisuren Musen definieren
       
       Die Neue Nationalgalerie zeigt Werke des 1957 gestorbenen Bildhauers
       Constantin Brancusi. Zu sehen sind unrealistische Porträts, von denen sich
       die Kunstwelt einst irritiert zeigte.
       
 (DIR) Maler Ferdinand Dölberg: Systeme, die einem aufgedrückt werden
       
       In seinen Gemälden erschafft Dölberg abstrakte Werkzeuge, geschäftige Rohre
       und Arbeit ohne Zweck. Bis April werden sie in Berlin-Mitte ausgestellt.
       
 (DIR) Off-Space Ausstellung in Kreuzberg: Der Abschlussball als Vexierbild
       
       Auf dem Dachboden eines Kreuzberger Hinterhauses stellt die Malerin Julija
       Zaharijević aus. Sie wirft in einen eigenen historischen Moment hinein.
       
 (DIR) Ausstellung von Nicola L. in Bozen: Sonne, Mond und Körper
       
       Nicola L. überführte den Aktivismus in die Kunst. Eine Ausstellung im
       Museion widmet sich nun mit der bislang größten Retrospektive der
       Avantagardistin.