# taz.de -- Paul Cassirer und der Impressionismus: Vorausschauend, beharrlich, mit Hang zur Dramatik
> Der Kunsthändler Paul Cassirer hat Kunstgeschichte geschrieben. Zum 100.
> Todestag widmet ihm die Alte Nationalgalerie in Berlin eine große
> Ausstellung.
(IMG) Bild: Max Slevogt porträtierte die Tochter Paul Cassirers, ungewöhnlich im spontanen Motiv: „Porträt Suzanne Aimée Cassirer“ von 1901
Max Slevogt malte 1901 Suzanne Aimé Cassirer, die kleine Tochter des
Kunsthändlers Paul Cassirer: Sie sitzt auf dem Boden inmitten eines
Leporellos von hellen Bildern, ein intimes und entspanntes Porträt. In dem
Jahr war der Maler aus München nach Berlin gezogen. Sein Galerist Paul
Cassirer mag dazu beigetragen haben durch das Angebot, sich für ein
jährliches Mindesteinkommen von 4.000 Mark von Cassirer exklusiv vertreten
zu lassen. Darüber informiert eine kleine Texttafel neben dem Bild, das
jetzt in der Alten Nationalgalerie Berlin im ersten großen Saal zu sehen
ist in der Ausstellung „Cassirer [1][und der Durchbruch des
Impressionismus]“.
Ein nächtlicher Hafen von Claude Monet, eine hoch unter der Kuppel
baumelnde Seilartistin von Edgar Degas, ein Frühstück der Familie Monet im
Garten von Éduard Manet gemalt, ein Selbstporträt von [2][Vincent van
Gogh]: Heute gehören diese Werke aus dem ersten Saal, Leihgaben aus
berühmten Museen, längst zum Schatz der Kunstgeschichte. Sie alle gingen
durch die Hand von Paul Cassirer. In der Zeit aber, als der erst 27 Jahre
alte Cassirer seine Galerie 1898 im eleganten Tiergartenviertel in Berlin
eröffnete, waren diese Künstler noch weit entfernt von allgemeiner
Anerkennung in Deutschland.
Im Kaiserreich wurde über Kunst gestritten, eine rückwärtsgewandte Ästhetik
verteidigt, Impressionismus, Verismus und Jugendstil angegriffen. Was Paul
Cassirer in seinem Salon zeigte, diskutierten die Tageszeitungen aufgeregt.
„Vincent van Gogh erregt mit seinen Farbenbildern ein vielfaches Schütteln
des Kopfes“, schrieb etwa ein Kritiker 1905, und legt nahe, der Künstler
müsse seine Augen untersuchen lassen.
Für die Kuratorin Josephine Klinger ist van Gogh deshalb ein gutes Beispiel
für die „Beharrlichkeit“, mit der Paul Cassirer auch gegen eine Stimmung
der Ablehnung an Künstlern festhielt. 1901 hatte er van Gogh zum ersten Mal
ausgestellt, dramatisch zusammengespannt mit den unheimlichen Bildern von
Paul Kubin. 10 Ausstellungen folgten im Programm, van Gogh sehen zu lernen,
seine Leidenschaft zu bewundern, seinen malerischen Mut zu entdecken.
Schließlich war es für Paul Cassirer nicht nur ein persönlicher Triumph,
van Gogh entdeckt zu haben, sondern ökonomisch auch ein großer Erfolg.
## Auch die Nationalgalerie kaufte bei Cassirer ein
Die Geschichte der Alten Nationalgalerie, die damals noch nur die
Nationalgalerie war, ist eng mit der von Paul Cassirer verbunden. Ihr
Direktor Hugo von Tschudi hat viele Werke der französischen Impressionisten
oder auch von Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth, die heute den
Kern ihrer Sammlung ausmachen, bei Cassirer erworben. Die Ausstellung ist
trotzdem mehr als ein Heimspiel, weil auch Arbeiten ausgeliehen wurden, um
programmatisch von Cassirers Arbeit als Vermittler des Impressionismus und
der anschließenden Avantgarden zu erzählen.
Im Tiergartenviertel, wo Cassirer in der Viktoriastraße 35 seinen Salon
eröffnete, lebte viele wohlhabende Familie, darunter auch Kunstmäzene und
Sammler. Von 35 bedeutenden Privatsammlungen weiß der Katalog zu berichten.
Dieses Milieu war der Moderne gegenüber nicht nur in ihren Unternehmen
aufgeschlossen, sondern auch in der Ästhetik. Cassirer baute bald einen
Ausstellungssaal mit Oberlicht, der später mehrfach erweitert wurde, an die
Villa, in der er begonnen hatte. Die elegante Ausstattung kam [3][von Henry
van der Velde], dessen geschwungene Handschrift man in den Fotografien des
Lesezimmers erkennen kann. Dort waren auch die Mappenwerke zu studieren,
die Cassirer, der auch Verleger war, herausgab.
## Das Leben des Paul Cassirer kommt etwas zu kurz
Viele Bewohner des Tiergartenviertels waren jüdischer Herkunft, wie
Cassirer auch. Latenter Antisemitismus spielte in den Kunstkritiken
manchmal eine Rolle, wenn etwa betont wurde, dass die französischen
Impressionisten hauptsächlich bei „jüdischen“ Sammlern beliebt waren[4][.
In der NS-Zeit wurden viele Eigentümer des Tiergartenviertel enteignet und
vertrieben], Militär quartierte sich ein; später wurden die Häuser
abgerissen. Paul Cassirer hat das nicht mehr erlebt, 1926 brachte er sich
um. Am Tag seiner [5][Scheidung von Schauspielerin Tilla Durieux]
verwundete sich Cassirer mit einer Kugel im Vorzimmer des Notars und erlag
zwei Tage später seinen Verletzungen. Im Katalog kann man diesen Teil der
Geschichte nachlesen, in der Ausstellung kommt er etwas zu kurz.
Cassirer handelte als Galerist auch wie ein Kurator, lieh zu den Werken,
die er zum Verkauf anbieten konnte, weitere aus Sammlungen hinzu, um ein
vollständigeres Bild der Maler und Bildhauer zu vermitteln. Sein
Kunsthandel war international, auch in den Ausstellungen kombinierte er
Künstler verschiedener Herkunft.
Geht man jetzt an Max Beckmann und Max Liebermann, Renoir und Pissaro
vorbei, hat man von diesen Künstlern meist schon ein Bild im Kopf. Sich in
die Zeit zurückzuversetzen, in der sie für aufgeregte Diskussionen sorgten,
ist nicht einfach. Aber es hilft dabei, die kurzen Geschichten neben den
Bildern zu lesen, die von den Beziehungen zwischen den Künstlern, dem
Galeristen und Sammlern erzählen.
22 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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