# taz.de -- Maler Ferdinand Dölberg: Systeme, die einem aufgedrückt werden
> In seinen Gemälden erschafft Dölberg abstrakte Werkzeuge, geschäftige
> Rohre und Arbeit ohne Zweck. Bis April werden sie in Berlin-Mitte
> ausgestellt.
(IMG) Bild: Ferdinand Dölberg, „Ich sprach mit mir wie mit einem Unbekannten“, 2026
Ob sie diese merkwürdigen Rohre halten oder von ihnen gehalten werden, ist
nicht ganz klar. Wie überhaupt vieles Rätsel aufgibt an den Bildern von
Ferdinand Dölberg, die gerade in der Berliner [1][Galerie Anton Janizewski]
hängen. Ein wenig muten die Figuren darauf an, als seien sie das Personal
von einem jener großen Wandbilder des [2][sozialistischen Realismus], wie
man sie etwa vom Berliner Alexanderplatz kennt. Nur dass ihnen der
Optimismus fehlt. Sie werkeln an irgendetwas, dessen Nutzen sich nicht
erschließt. Scheinen Teil eines größeren Ganzen zu sein, kleine Rädchen in
Uniform, puppenhafte, maskenhafte Wesen.
Systeme, die einem aufgedrückt werden, Arbeit und Enfremdung,
Kommunikation, das Individuum und das Kollektiv sind Themen oder Motive,
die sich durch das Werk des 1998 im thüringischen Eisenach geborenen Malers
ziehen, wie das auch die Hin-und-her-Verweise zwischen den Arbeiten in der
Ausstellung tun.
Auf deren Titel „You see what I might think and the pipes hear what the
others see“ – und mit dem fängt es immer an – kam der Künstler, als er
[3][Wenders' „Himmel über Berlin“] wiedersah, erzählt Dölberg beim Treffen
in der Ausstellung. An der Idee der inneren Monologe oder Dialoge, wie sie
darin für die Engel hörbar sind, „eigene Welten, die nie ans Tageslicht
kommen und die wir ja letztendlich alle haben“, biss er sich fest, landete
bei Handkes „Inneren Dialoge an den Rändern“, versuchte sich selbst daran,
seine Selbstgespräche zu verschriftlichen, scheiterte aber.
Schreiben liege ihm nicht, sagt er. Lieber setzt er seine Gedanken visuell,
in bildnerischer Sprache um. Seine Arbeiten vergleicht er mit Notizbüchern,
„weil sie so fragmentarisch sind und zum Teil Elemente auftauchen, die man
nicht definieren kann“.
## Drehbilder mit Eichenrahmung
Für seine großen Leinwände hat Dölberg vor einiger Zeit schon seine Methode
entwickelt. Erst lasiert er den Untergrund vielfarbig und intuitiv. Das
Motiv selbst arbeitet er mit Kohle hinein. Für die neue Ausstellung hat er
einzelne wiederum zerstückelt und in Drehbilder mit Eichenrahmung
verwandelt. Dreht man eines der Teile um, erscheint ein scheinbar wahlloses
Detail in Großaufnahme. Neu ausprobiert hat er auch ein Siebdruckverfahren,
mit dem er Schattierungen auf die Scheiben vor den Bildern setzt.
Und zwischen die Arbeiten hat er Wände gesetzt. Sie geben den Weg vor, die
Reihenfolge, in der man die Arbeiten sieht, die Möglichkeit, immer wieder
um die Ecke von der einen zu anderen zu blicken, um Ähnlichkeiten
wahrzunehmen, Bezüge. Auch da wieder diese herangezoomten Details: eine
Hand, der Teil eines Ärmels oder eines Gegenstands, der so abstrakt
gehalten ist, dass er selten auf etwas Konkretes verweist.
Wie ja auch im Kopf manchmal Kleinigkeiten ganz groß werden, mit mehr
Bedeutung aufgeladen werden als nötig oder als ihnen guttut. Vielleicht
kann man die neuen Arbeiten, die Ausstellung als Aufforderung zu mehr
Kommunikation, offenerer Kommunikation verstehen.
Schon [4][Dölbergs] vierte Ausstellung in der Berliner Galerie ist es.
Kennengelernt hatten sich Galerist und Künstler 2020 über den Bildhauer
Georg Vierbuchen. Janizewski stellte die beiden im Sommer gemeinsam aus. Im
Februar 2022 dann die erste Einzelausstellung. Mitten im Studium war
Dölberg da noch. UdK, Klasse Thomas Zipp. Im Sommer 2024 machte er seinen
Abschluss. Ein Privileg nennt er das. Berlin hat er inzwischen verlassen,
weg wollte er, eigentlich nach London, doch das Visum bekam er nicht. Seit
dem Herbst lebt er jetzt in Hamburg.
## Sie suchen das Gespräch
Gleich mehrere Personen kommen an jenem Donnerstagnachmittag in die
Galerie, allein oder zu zweit. Sie schauen sich um, bleiben vor den
Arbeiten stehen, spielen, sobald sie wissen, dass es erlaubt ist, an den
Drehbidern herum, suchen dann auch das Gespräch. Zwei wollen, unabhängig
voneinander und bevor sie verstehen, dass er gerade vor ihnen steht,
wissen, wie alt dieser Künstler sei.
Einer, ein Musiker, Trompeter, wie er gleich erzählt, spricht von den
Klängen, die er beim Betrachten der Arbeiten höre. Die „Pipes“, von denen
im Titel die Rede ist und die auf den Bildern recht dominant zu sehen sind,
kann man freilich auch im musikalischen Sinne verstehen. Der Nächste sieht
eine Antwort auf die Arbeiterbewegung der 1920er und 1930er Jahre, auf
politische Kunst wie die vom Grafiker Gerd Arntz. Er spricht über die Hände
und die Rohre, die ja auch zugedrückt werden könnten.
Kurz davor hat Dölberg noch erklärt, wie interessant für ihn sei, was
andere in seinen Arbeiten sehen. „Wenn man sich darüber austauscht und
hört, inwiefern sich das von der eigenen Wahrnehmung unterscheidet oder von
dem, was man eigentlich intendiert hat mit der Arbeit, dann fängt es an,
dass die Arbeit ein Eigenleben bekommt.“ Letztendlich seien die Arbeiten
dazu da, dass sie gesehen werden oder dass darüber gesprochen wird. Dann
erst geht sein Konzept auf. Wenn nicht nur Sichtachsen die Bilder in
Beziehung setzen, sondern auch die Worte, die darüber verloren werden.
19 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://antonjanizewski.com/
(DIR) [2] /DDR-Kunst-im-internationalen-Kontext/!5981410
(DIR) [3] /Ausstellung-ueber-Engel-der-Geschichte/!6088569
(DIR) [4] /Kunstkollektiv-im-Flutgraben/!6098214
## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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