# taz.de -- Ausstellung von Nicola L. in Bozen: Sonne, Mond und Körper
       
       > Nicola L. überführte den Aktivismus in die Kunst. Eine Ausstellung im
       > Museion widmet sich nun mit der bislang größten Retrospektive der
       > Avantagardistin.
       
 (IMG) Bild: Gibt es als Video zu sehen: Performance „Red Coat“ in New Yorkss Chinatown für Fernando Arrabal’s Film „Adieu Babylone!“ von 1993
       
       Träge abgeschlafft hängen Sonne und Mond an den weißen Ausstellungswänden
       ab. In sattem Gelb und kühlem Silber lassen die beschrifteten textilen
       Objekte ihre Gliedmaßen fallen, geduldig harren sie am White-Cube-Firmament
       des [1][Museion Bolzano], des zeitgenössichen Kunstmuseums in Südtirol, als
       würden sie nur darauf warten, aktiviert zu werden, auf den Boden
       zurückzukehren als menschgewordene Versionen ihrer selbst.
       
       Die 1932 in Marokko geborene Französin Nicola L. schuf die abstrakten
       Himmelskörper 1996 – als Teil einer ganzen Serie von Objekten, ihrer
       „Pénétrables“, die sie schon in den 1960er Jahren zu entwickeln begonnen
       hatte und deren unbestechlicher Charme sich erst bei Aktivierung vollkommen
       entfaltet, wenn menschliche Arme, Beine und Gesichter sich durch die
       stofflichen Ausstülpungen strecken, irgendwo zwischen Plakat und Anzug.
       
       Die lebende, dreidimensionale Leinwand als minimale Projektionsfläche des
       universell Menschlichen, das sich in früheren Varianten als deutliche
       Forderung zeigt: Statt Sonne und Mond beschwört die Künstlerin da „Same
       Skin for Everybody“ oder „We don’t want war“. Die soften Skulpturen für
       diverse Köpfe oder den einzelnen Körper wirken dabei sowohl formal als auch
       inhaltlich so zeitgenössisch, dass sich ob der Schlechtigkeit der
       politischen Weltlage und der ästhetischen Stagnation vergleichbarer
       aktueller Kunst ein bitterer Geschmack im Mund ausbreitet.
       
       ## Der Objektifizierung mit Humor begegnen
       
       Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis von Aktivismus und
       Ästhetik geschrieben, gestritten und geflucht worden. Von documenta bis zu
       den Biennalen prägte das Thema Kritiken, Feuilletons und Shitstorms und
       irgendwie ist es eine vollkommen unverständliche Tatsache, dass das Werk
       Nicola L.s nicht permanent und überall als das positive, avantgardistische
       Beispiel für die vortreffliche Verschränkung dieser beiden Felder genannt
       wird, das es ist.
       
       „[2][I am the Last Woman Object]“ heißt die von Leonie Radine sorgfältig
       kuratierte und von Manuel Raeder gestaltete und bislang größte Ausstellung
       ihres Werks, deren Fokus neben den ikonischen „Pénétrables“ auf den
       Möbelobjekten L.s liegt, die ihren vollständigen Geburtsnamen Nicole
       Jeannine Suzanne Leuthe zugunsten des männlich gelesenen Künstler-Egos
       ablegte. Doch der Kampf um weibliche Deutungshoheit lebt nicht nur im
       Namen.
       
       Trotzig drückt er sich in den domestischen Objekten der Künstlerin aus.
       [3][Fernseh-Kommoden in der Form einer weiblichen Silhouette], wörtlich
       genommene Augenlichter, fragmentierte Körperteile, die sich zu Sitzkissen
       und Sofalandschaften erstrecken, ein Bügeleisen in Penisform: Mit
       stechendem Humor, doch ohne Didaktik dabei voll scharfsinniger
       Eindeutigkeiten erstreckt sich die Wohnwelt Nicola L.s durchs Museum. Die
       meisten der Möbel sind Einzelstücke, mit denen L. tatsächlich lebte. Ein
       buntes, [4][ein volles und ein sehr freies] Leben muss das gewesen sein.
       
       13 Feb 2026
       
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