# taz.de -- Marina Abramović in Berlin: Die Vulva im Ritus
> Performancekünstlerin Marina Abramović ist zurück in Berlin. Der Gropius
> Bau zeigt ihr Werk „Balkan Erotic Epic“ zwischen kritischer Körperkunst
> und Kitsch.
(IMG) Bild: Marina Abramović, „Women Massaging Breasts“ aus der Serie Balkan Erotic Epic, C-Print, 2005, Serbia
Ein paar Dehnungsstreifen an den strammen Pobacken verzärteln subtil den
makellosen Anblick des schwarz-weiß gefilmten Männerkörpers, den die Kamera
unablässig abtastet. Das sich offenbarende Gewebe muss sich weich anfühlen,
inmitten dieser strammen Perfektion des bäuchlings liegenden Körpers, der
in langsam schwingenden Bewegungen seine Lenden zwischen oben und unten,
zwischen Himmel und Erde in intensiver Sinnlichkeit hebt und senkt.
Der Körper ist einer von unzähligen. Eine Luftaufnahme zeigt eine Vielzahl
nackte Männer, regelmäßig verteilt auf einer kurz geschorenen Wiese, die
Arme angewinkelt, die Becken in verlangsamter, beständiger Bewegung: „Den
Boden ficken / Fruchtbarkeitsriten“. So der Titel der vierstündigen
Videoarbeit von 2025, Teil des neuesten, der Ausstellung den Namen gebenden
Werkzyklus „Balkan Erotic Epic“: Marina Abramović, die Königin der
Performancekunst, ist zurück in Berlin.
Zum ersten Mal seit den 1990er Jahren, wie der Gropius Bau verlauten lässt.
Und Berlin ist sichtbar aufgekratzt. Ungewöhnlich voll war die
Pressekonferenz, Filmteams drückten sich durch die Vorbesichtigung, am
Eröffnungsabend stauten sich die Besucher, nur die Künstlerin selbst war
nicht anwesend. Sie habe Probleme mit dem Blutdruck, teilte die fast
80-jährige Abramović mit, eine Reise aus den USA nach Berlin sei zu
strapaziös, und außerdem solle es ja um ihr Werk gehen und nicht um sie.
## The Artist is Not Present
Es liegt eine gewisse Ironie in diesen Worten der 1946 in Belgrad geborenen
Künstlerin, deren Arbeiten sich stets aus einem radikalen Selbstgebrauch
heraus entwickelten. Die sich selbst dabei zeitlebens ins Zentrum ihrer
Kunst stellte und so gleich mehrfach neben unsäglichen Schmerzen auch ihr
Leben riskierte. Im Gropius Bau finden sich Zeugnisse dessen, wie die
verkohlten sternförmigen Überreste der Performance „Rhythm 5“ von 1974, die
[1][Abramović nur einmal, in Belgrad], aufführte: Sie tränkte das Holz mit
Benzin, steckte es in Brand, schnitt sich in einer rituellen Geste Haare
und Nägel ab, warf sie ins Feuer und legte sich in dessen Mitte.
Als sie aufgrund von Sauerstoffmangel das Bewusstsein verlor, wurde die
Performance abgebrochen. „Diese mit dem Publikum geteilte Erfahrung der
Gefahr bildete die Grundlage für Abramović’ lebenslanges Austesten von
körperlichen und mentalen Grenzen“, so der Berliner Ausstellungstext.
Es sei ein Prozess gewesen, die Künstlerin dazu zu bewegen, auch ältere
Werke zu zeigen, meint die Direktorin des Gropius Baus, Jenny Schlenzka,
doch es sei ihr und Kuratorin Agnes Gryczkowska gelungen. Wie es ihnen
überhaupt gelungen war, Abramović und ihr neues Werk, das die Künstlerin
selbst als ihr bisher ambitioniertestes und opulentestes beschreibt, nach
Berlin zu bringen.
Ein Verdienst, das Schlenzka nicht zuletzt der einzigartigen
institutionellen Kombination der Berliner Festspiele zuschreibt, zu denen
auch der Gropius Bau gehört: Die genreübergreifende Produktion besteht
neben der Ausstellung aus einer vierstündigen Bühnenproduktion, die im
Oktober im Haus der Berliner Festspiele zu sehen sein wird.
Inwieweit [2][die Soft Power Klaus Biesenbachs,] derzeit Direktor der Neuen
Nationalgalerie und mit Schlenzka durch vergangene Zusammenarbeiten in New
York verbunden, eine Rolle spielte, ist unklar. Biesenbach war es, der
Abramović’ Megaschau „The Artist is Present“ 2010 ins MoMa nach New York
holte – und damit, wie Schlenzka betont, erstmalig Performance
institutionell ausstellte.
## Abramović, die Popikone
Ist es das, was Marina Abramović zum Kunstpopstar machte? Die
Institutionalisierung ihrer Kunst? Und warum war es gerade ihr Werk, das
den breiten Zugang der Performance ins Museum ebnete?
Schon im großen Lichthof des Gropius Baus, noch vor der eigentlichen
Ausstellung, ist eins der Hauptwerke aus „Balkan Erotic Epic“ zu sehen:
„Tito’s Funeral“, eine Bezugnahme auf die im Jahr 1980 öffentlich
übertragene Beerdigung des jugoslawischen Staatspräsidenten und
Partisanenführers, erstreckt sich über eine meterlange Projektionsfläche.
Schwarz gekleidete Frauen schlagen sich in der Videoarbeit rhythmisch auf
die Brust. In die Geräusche der Körper mischt sich diffuses Klagen, kaum
merklich dreht sich die Kamera in endlosem Loop. Inmitten der Masse findet
sich auch die Künstlerin selbst.
Unweigerlich schmunzelt man, wenn man erkennt, dass sie als Einzige nicht
monochrom gekleidet ist: Ihre Bluse ziert ein unauffälliges
Raubkatzenmuster, schwarz in schwarz. Hat man sich dem hypnotischen Sog der
Repetition entrissen, betritt man tatsächlich leicht schlafwandelnd die
Ausstellung.
„All die Energie, die durch unseren Körper fließt, ist sexuelle Energie.
Wir können sie für kreative oder spirituelle Zwecke nutzen. Oder wir können
sie unterdrücken und dann führt sie zu Aggression, Krieg, Wut und Folter.“
Die Worte Abramović’ an der Wand eröffnen die Schau gemeinsam mit einer
weiblichen Figurine, einer kleinen anthropomorphen Skulptur aus der späten
Steinzeit, dem 6. Jahrtausend v. Chr., einer Leihgabe des Archäologischen
Museums von Nordmazedonien.
Was folgt, ist Sex. Riesige Phalli recken sich pilzartig in die Höhe, in
Videoinstallationen reiben sich Frauen in entzerrenden Aufnahmen ihre
Brüste, Kleidung klebt durchnässt auf der Haut. Es wird getrauert,
gestorben, gerubbelt und gestreichelt, Vulven recken sich in der Annahme
magischer Kräfte gen Himmel, damit der Regen aufhört, die Erde wird
penetriert in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden. Thematisch bluten die
Requisiten passend in den Raum: Baumstümpfe, Erde, Grabsteine und Gras.
Die im Begleittext aufgerufene Natur, die immer wieder auch in sexueller
Beziehung zum Menschen erscheinen soll, lässt schmunzeln. Der akkurate
Rasen und die sterilisierte Blumenerde haben doch recht wenig mit einer
wirklichen Natur zu tun, ebenso wie auch die meisten der gezeigten
wunderschönen Körper in glatter Diskrepanz zur direkten, stinkenden
Fleischlichkeit des kopulierenden oder sterbenden Menschen stehen. Da
tröstet es schon sehr, wenn’s mal irgendwo hängt, spannt oder das Gewebe
kleine Macken zeigt.
## Die historischen Arbeiten wecken das Gefühl
Fast erleichtert stolpert man in die Räume historischer Ephemera,
erschrickt beglückt vor einem kleinen Röhrenfernseher, der einen Ausschnitt
von Abramović’ Performance „Balkan Baroque“ von 1997 zeigt, bei der sie
tagelang in einem Haufen toter Rinder saß und deren Knochen abschrubbte.
Das gekrisselte Bild, der hohle Ton, die Wiederholung des Schabens am
animalischen Leichnam jagt einem auch inmitten des musealen Neonlichts
kleine Schauer die Wirbelsäule entlang, wenn sich das Nervensystem nicht
zwischen Schönheit und Ekel entscheiden kann.
Eben diese vielschichtige Ambivalenz in [3][Abramović’ Arbeiten könnte der
Schlüssel ihres Kults sein]. Sex und Tod, Leiden und Leidenlassen,
spezifische Politiken und Allgemeingültigkeit sind in ihnen thematisch
untrennbar verknüpft, sie können platt und plump bis feingliedrig
ausdifferenziert in sie hineingelesen werden. Und sie sind universelle
Erfahrungen. Die Konfrontation mit dem Selbst, mit dem eigenen Begehren,
den eigenen Schmerzen und inneren Grausamkeiten werden in ihnen
unvermeidlich. Am eindrücklichsten zeigte sich dies wohl 2010 in ihrer
MoMa-Performance, bei der die meisten der Besuchenden, konfrontiert mit der
Präsenz der Künstlerin, in Tränen ausbrachen.
Einen Schatten dessen kann man nun in den historischen Arbeiten im
Gropius-Bau erahnen. Im neuen Werkzyklus hingegen überwiegt die
hochbudgetierte makellose Produktion. Sie verhindert die
Überidentifikation. Und auch Abramović selbst taucht darin kaum mehr auf.
Es soll halt mal ums Werk gehen, nicht um die Künstlerin selbst.
Erstaunlich, dass die beiden also doch zu trennen sind. Und was dabei
rauskommt, ist dann neben dem ganzen Kitsch sogar verblüffend lustig.
15 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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