# taz.de -- Die Kunst der Woche: Wenn nur Make-up und Frisuren Musen definieren
> Die Neue Nationalgalerie zeigt Werke des 1957 gestorbenen Bildhauers
> Constantin Brancusi. Zu sehen sind unrealistische Porträts, von denen
> sich die Kunstwelt einst irritiert zeigte.
(IMG) Bild: „La Muse endormie“ ist diese Bronzeskulptur von Brancusi aus dem Jahr 1910 betitelt
„Was zunächst rein physiognomisch auffällt, das ist die maskenhafte
Starrheit des Gesichtes, die eben sowohl erworben ist wie sie durch äußere
Mittel, etwa Bartlosigkeit, Haartracht und anliegende Kopfbedeckungen,
betont und gesteigert wird. Dass in dieser Maskenhaftigkeit, die bei
Männern einen metallischen, bei Frauen einen kosmetischen Eindruck erweckt,
ein sehr einschneidender Vorgang zutage tritt, ist schon daraus zu
schließen, dass sie selbst die Formen, durch die der Geschlechtscharakter
physiognomisch sichtbar wird, abzuschleifen vermag“. An diese Beobachtung
von Ernst Jünger, der sich Anfang der 1930er Jahre als Medienanalytiker und
-theoretiker erprobte, erinnern die Köpfe von Constantin Brancusi, dem die
Neue Nationalgalerie gerade eine große Werkschau widmet.
Denn Brancusis Musen und Frauenköpfe sind eigentlich nur durch Make-up und
Frisuren definiert. Also ihre durch kosmetische Erscheinung wie hoch
geschwungene Augenbrauen und nach hinten gekämmte Haare, die bei der
„Schlafenden Muse“ von 1910 wie eine Kappe wirken. Der tief im Nacken
sitzende Haarknoten unterscheidet den „Kopf einer Frau“ von dem der
„Mademoiselle Pogany I“ und „Mademoiselle Pogany III“, deren Haar über der
linken Schulter liegt. 1928 gefällt sich „Nancy Cunard“ mit einem kecken,
hoch am Kopf sitzenden Dutt.
Entsprechend dürften seine unrealistischen Porträts, von denen sich die
Kunstwelt ziemlich irritiert zeigte, dem Kinopublikum der Zeit und den
Leser:innen der illustrierten Zeitschriften kein Kopfzerbrechen bereitet
haben. Denn dieses Publikum kannte die glatten, makellosen, oft androgyn
wirkenden Gesichter aus Film und illustrierter Presse. Für Jünger sind denn
auch die neuen visuellen Medien Auslöser eines Abstraktionsprozesses des
Alltagsgesichts.
Durch die fotografische Abstraktion gewannen einfache, funktionale Formen
unerwartete, ästhetische Qualitäten und es bildete sich ein neues
ästhetisches Bewusstsein für bildhaft autonome, nicht illusionistische
räumliche Empfindungswirklichkeiten heraus. Dessen war sich Brancusi
offenbar bewusst, der sehr viel früher als andere Künstler mit Film und
Foto arbeitete, um sein bildhauerisches Konzept zu verdeutlichen und zu
vermitteln.
Für das Verständnis seines Werks sollte man sich deshalb in der Ausstellung
unbedingt die Fotografien in der Ateliersektion studieren, die Brancusi von
seinen Arbeiten gemacht hat. Die Aufnahmen setzen die Skulpturen in
Bewegung, bringen sie ins Schweben; man denkt an Filmstills aus
expressionistischen Stummfilmen. Und man sieht: Das Androgyne bei Brancusi,
etwa 1923 beim „Torso eines jungen Mannes“, ist Medienästhetik geschuldet,
nicht dada.
2 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Brigitte Werneburg
## TAGS
(DIR) Berliner Galerien
(DIR) taz Plan
(DIR) Neue Nationalgalerie
(DIR) Bildhauerei
(DIR) Kunst und Abstraktion
(DIR) wochentaz
(DIR) Ausstellung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Prägender Künstler der Abstraktion: Nichts ist hohl
Die Neue Nationalgalerie widmet dem rumänisch-französischen Bildhauer
Constantin Brancusi eine große Werkschau. Dafür holt sie sein Atelier nach
Berlin.
(DIR) Ausstellung „Urformen“ in Metz: Die Schönheit des Propellers
In der großartigen Schau „Urformen“ beschwört das Centre Pompidou in Metz
die Suche nach der reinen Form. Nur ihr Unterton ist leicht konservativ.