# taz.de -- Berlinale-Affäre um Tricia Tuttle: Wolfram Weimer kämpft autoritär – muss aber nicht gewinnen
       
       > Der Tuttle-Rückzieher des Kulturstaatsministers ist ein Vorerst-Sieg im
       > Kampf um Meinungsfreiheit. Für einen langfristigen Sieg braucht es
       > Widerstand.
       
 (IMG) Bild: Ein Vorerst-Sieg im Kampf um Meinungsfreiheit: Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Leiterin
       
       Dass die Berlinale dieses Jahr in einem Eklat enden würde, zeichnete sich
       Wochen vor Beginn des Filmfestivals ab. Mitte Januar trafen sich
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle zu
       einem Auftaktgespräch.
       
       Worüber sie sprachen, wissen wir nicht. Wir wissen nur, wie Weimers
       Ministerium das Treffen später [1][in einem knappen X-Post] zusammenfasste:
       „Das Festival ist die Stimme des internationalen Kinos, mutig und relevant.
       Klar ist auch: hier darf kein Platz für Antisemitismus sein.“
       
       Für all jene, die sich mit Weimer nie näher befasst haben, mag dieser
       zweite Satz vielleicht etwas merkwürdig dastehen – aber klar: Auf einem
       Festival sollte kein Platz sein für Antisemitismus. Wer [2][mit Weimers
       Politik] vertraut ist, konnte die Aussage als Drohung lesen, bei der nur
       das „,sonst …“ unausgesprochen blieb. In dieser Woche stellte Weimer klar,
       dass es eine Drohung war – und buchstabierte das „sonst“ aus: Sonst gibt es
       Konsequenzen für Tuttle. Nur war es eben nicht Antisemitismus, der nicht
       stattfinden durfte, sondern Palästina-Solidarität.
       
       ## Foto zeigt Tuttle mit Palästina-Flagge
       
       Laut Presseberichten sei Weimer zum Schluss gekommen, dass es mit
       [3][Tuttle an der Spitze nicht weitergehen könne]. Nötig sei ein Neustart,
       nachdem Linke und Palästina-Aktivisten die Festivalbühne für „krasse
       antisemitische und propagandistische Zwecke missbraucht hätten“. Zwei
       Vorfälle werden [4][als Begründung genannt]: die Rede des Regisseurs
       Abdallah Alkhatib und ein Foto, das Tuttle mit einer Palästina-Flagge
       zeigt.
       
       Nur waren diese Geschehnisse nicht antisemitisch. In der sogenannten
       „Eklatrede“ warf Alkhatib der Bundesregierung [5][Mitverantwortung am
       israelischen Genozid in Gaza vor] – ein Vorwurf, den unzählige
       Völkerrechtler und internationale Menschenrechtsorganisationen teilen. Auch
       das Zeigen einer Palästina-Flagge ist sicherlich nicht antisemitisch.
       
       In einer Sache hat Weimer aber recht: Aus propagandatheorethischer Sicht
       haben politische Symbole und politisch aufgeladene Reden auf öffentlichen
       Bühnen [6][einen propagandistischen Charakter.] Das trifft aber auch dann
       zu, wenn die Berlinale-Leitung mit Ukraine-Flaggen posiert, wie 2023. Wenn
       sie Selenskyj [7][die Eröffnungsrede halten lässt] oder eigene
       Ukraine-Solidaritäts-Pins [8][anfertigen lässt]. Daran hätte Wolfram Weimer
       wohl genauso wenig Anstoß genommen, wie seine Vorgängerin Claudia Roth
       damals.
       
       ## Weimer hat kein Problem mit Propaganda an sich
       
       Weimers Problem ist nicht Propaganda. Sein Problem ist Propaganda, die sich
       den politischen Interessen der Bundesregierung entgegenstellt. In diesem
       Falle: Propaganda, die die deutsche Allianz mit Israel infrage stellt. Um
       diese künftig zu unterbinden, wollte der Kulturstaatsminister ein Signal
       setzten: Eine Leiterin, die Palästina-Solidarität zulässt, wird nicht
       toleriert.
       
       Dass Weimer die Entscheidung über [9][Tuttles Zukunft vorerst vertagt],
       dürfte mit dem [10][breiten öffentlichen Backlash] zu tun haben, der
       folgte. Es ist ein kleiner Vorerst-Sieg im Kampf um die öffentliche Debatte
       für alle, die palästinasolidarisch sind oder Meinungsfreiheit gut finden.
       
       Klar ist aber: Weimer und seine Gleichgesinnten werden den Kampf gegen
       linke und palästinasolidarische Gegendiskurse mit allen Mitteln
       weiterführen, die ihnen zur Verfügung stehen. Diffamierungskampagnen,
       Cancel-Versuche, [11][Fördermittelentzug]. Ob sie ihn langfristig gewinnen,
       hängt davon ab, ob sich dagegen dauerhaft ein effektiver politischer
       Widerstand formiert.
       
       28 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/BundesKultur/status/2011473549844734003?s=20
 (DIR) [2] /Kulturstaatsminister-gegen-OeRR/!6115555
 (DIR) [3] /Kritik-an-Berlinale-Chefin/!6157805
 (DIR) [4] https://www.bild.de/politik/inland/druck-von-merz-minister-weimer-berlinale-chefin-wird-nach-skandal-foto-abgeloest-699eb62dd7de5a808f60c60b
 (DIR) [5] /Empoerung-ueber-Festival-Preistraeger/!6156743
 (DIR) [6] /Internettrend/!6090082
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=si4f4G9DMCQ
 (DIR) [8] https://www.berlinale.de/de/2023/news-pressemitteilungen/229058.html
 (DIR) [9] /Berlinale-Chefin-darf-erstmal-bleiben/!6158159
 (DIR) [10] /Daniel-Kehlmann-Meinungsklima-in-Gefahr/!6158268
 (DIR) [11] https://www.deutschlandfunk.de/kulturstaatsminister-weimer-will-kulturfoerderung-bei-antisemitismus-faellen-entziehen-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Jäckels
       
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