# taz.de -- Kuturpolitiker über Berlinale-Diskussion: „Das engt die Künste ein“
       
       > Selbst wenn die Demokratie unter Druck steht: Die Kunst nur noch Genehmes
       > äußern zu lassen, wäre falsch, sagt Bühnenvereinspräsident Carsten
       > Brosda.
       
 (IMG) Bild: Festivaldirektorin Tricia Tuttle: Bekenntnis zur Kunstfreiheit und zu Festivals als offene Räume
       
       taz: Herr Brosda, war am Donnerstag ein guter Tag für [1][die Berlinale]? 
       
       Carsten Brosda: Das weiß ich ehrlicherweise noch nicht. Es ist ja keine
       Entscheidung gefallen. Der Umstand, dass [2][diese Diskussion überhaupt
       stattfindet], kann einen aber schon sorgenvoll stimmen.
       
       taz: Sie haben sich eindeutig gegen eine Auswechslung der Festivalleiterin
       ausgesprochen. Warum? 
       
       Brosda: Bei der diesjährigen Berlinale, die gerade zu Ende gegangen ist,
       hat man gesehen, dass Tricia Tuttle ein künstlerisch überzeugendes Programm
       gemacht hat – eines voller relevanter Filme. Und auch wenn manche sagen, da
       habe der ein oder andere große Hollywood-Name gefehlt: Da waren, finde ich,
       sehr viele hervorragende Filme im Programm, die gut auf die Fragen unserer
       Zeit eingegangen sind. Damit holt man sich natürlich auch die Diskurse
       unserer Zeit in ein solches Festival. Und dabei werden dann auch Dinge
       geäußert, die einem möglicherweise nicht gefallen, denen man vielleicht
       sogar hart widersprechen möchte. Ich habe zumindest an der ein oder anderen
       Stelle den Impuls gehabt.
       
       taz: Aber? 
       
       Brosda: Das heißt nicht, dass die Festivalleitung für jeden Satz, der auf
       einer Bühne gesprochen wird, verantwortlich gemacht werden kann. Ich
       glaube, das zu trennen und das auseinanderzuhalten, ist wichtig: Schafft es
       da jemand, ein Festival zu organisieren, das eine vernünftige Atmosphäre
       bietet, die Debatten zulässt und eine kulturelle Inspiration ist? Das ist
       Aufgabe einer Festivalleitung. Kann sie es schaffen, dafür zu sorgen, dass
       Sätze nicht fallen, die man nicht aushalten möchte? Ich glaube, das darf
       man nicht erwarten.
       
       taz: Sie haben gesagt: „Ein Festival ist immer ein Ort, an dem nicht nur
       ästhetische, sondern auch politische Fragen kontrovers debattiert werden.“
       Hat das Grenzen? 
       
       Brosda: Natürlich. Die Grenzen sind ja auch klar normiert. Aber die Grenze
       verläuft nicht schlicht da, wo es dem Staat oder dem Veranstalter nicht
       mehr gefällt. Sondern wir haben als freie und offene Gesellschaft
       strafrechtliche Grenzen, die sind relativ hart und klar und die gilt es
       auch einzuhalten. Aber innerhalb dieser Grenzen begegnen mir regelmäßig
       Meinungen, die mir nicht gefallen, auch fundamental nicht gefallen.
       Entscheidend ist: Schaffe ich dann eine Atmosphäre, in der solchen
       Meinungen widersprochen werden kann? Oder schaffe ich eine Atmosphäre, in
       der gesagt wird, sie dürfen nicht geäußert werden, weil sie mir nicht
       gefallen? Das ist ein Unterschied ums Ganze. Ich finde gut, wie Tricia
       Tuttle es vorher gehandhabt hat, als nämlich die Forderung an Künstler im
       Raum stand: Positioniert euch bitte eindeutig zu irgendwelchen
       Weltkonflikten. Dass sie da klar gesagt hat: Das will ich nicht verlangen,
       das ist auch gar nicht die Aufgabe der Kunst. Der Satz gilt – in alle
       Richtungen.
       
       taz: Sie haben mal gesagt, Gefahr drohe der Kunst auch dadurch, dass man
       sie in Dienst nehmen will für eine noch so gute Sache. 
       
       Brosda: Generell sind wir in einer Situation, in der die Demokratie unter
       Druck steht. Wir sind mit Diskursen konfrontiert, die hart gegen unser
       eigenes Selbstverständnis gehen, gegen unsere Erinnerungskultur und unser
       ethisches Selbstverständnis. Dennoch würden wir die Künste massiv
       einschränken, wenn wir von ihnen verlangten, unsere eigenen normativen
       Vorstellungen bloß besser zu erzählen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Es ist
       gelungen, einen [3][Freiraum für die Künste] zu schaffen und es
       auszuhalten, dass in diesem Freiraum auch Dinge passieren, die uns nicht
       gefallen. Das ist die zivilisatorische Errungenschaft, die Deutschland seit
       1945 erreicht hat.
       
       taz: Und heute? 
       
       Brosda: Jetzt, da es eng wird mit der Demokratie, von den Künsten zu
       fordern: Erzählt bitte nur Dinge, die unserem staatlichen Comment
       entsprechen – das engt die Künste ein. Und bringt uns am Ende schon in ein
       Fahrwasser, in dem man anfängt, nur die Dinge zu bebildern, die die
       Mehrheit für richtig hält. Das ist aber nicht die Aufgabe der Kunst.
       
       taz: Ein Instrument, um so etwas durchzusetzen, ist die Vergabe von
       Fördermitteln. Darf die an so etwas wie „richtige Inhalte“ geknüpft werden? 
       
       Brosda: Sie sollte in erster Linie an künstlerische Exzellenz geknüpft
       werden. Und daran, dass die Gesetze eingehalten werden. [4][Aber darüber
       hinaus sozusagen politische Hegemonialvorstellungen durch Kunst durchsetzen
       zu lassen] – nur wenn du folgende Positionen vertrittst, gibt es Förderung
       –, das ist ein Schritt, der aus einer freiheitlichen und offenen
       Gesellschaft herausführt. Ich hoffe und glaube, das will im Kern auch
       keiner. Das unterstelle ich niemandem. Aber es droht die Gefahr, dass man
       etwas Gutes will, nämlich die Befestigung von Demokratie, und damit
       gleichzeitig etwas schafft, das auf dem Weg hin zu diesem Ziel das
       Gegenteil bewirkt. Da sollte man sehr genau aufpassen, ob man nicht im
       Handeln das wieder einreißt, was man vorher proklamiert hat.
       
       taz: Was wünschen Sie dem Festival jetzt –Ruhe, Zeit zur Besinnung, bessere
       Nachrichten? 
       
       Brosda: Eigentlich hat das Festival ein tolles Ende gehabt. Ich freue mich
       wahnsinnig für [5][İlker Çatak und seine „Gelben Briefe“].
       
       taz: Der Hamburger Regisseur hat dafür gerade den Goldenen Bären bekommen. 
       
       Brosda: Fast eine prophetische Auszeichnung: Im Film geht es genau um das,
       was wir hier in der Realität verhandeln. Ich wünsche dem Festival vor allen
       Dingen Klarheit. Und wenn es nach mir geht, dann wünsche ich mir, dass
       Tricia Tuttle ein starkes Mandat bekommt, um weiterzumachen. Ich finde, sie
       geht mit dem Festival in die richtige Richtung. Aber das werden andere zu
       entscheiden haben. Wichtig ist ein Bekenntnis zur Kunstfreiheit und zu
       solchen Festivals als offene Räume, in denen wir gesellschaftlich
       aushandeln können, wie es eigentlich weitergehen kann. Und dann auch als
       Gesellschaft es aushalten, dass die Kunst uns zwingt, Position zu beziehen.
       Denn da liegt ihre große Stärke: Nicht die Kunst muss Position beziehen.
       Aber sie kann uns zwingen, uns zu positionieren. Und dann wird es spannend.
       
       27 Feb 2026
       
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