# taz.de -- Streit um Berlinale-Chefin Tuttle: In Bedeutungslosigkeit versinken
       
       > Ein Festival, das nur im Konsens funktioniert, ist uninteressant. Würde
       > Patricia Tuttle tatsächlich entlassen, droht der Berlinale endgültig
       > Irrelevanz.
       
 (IMG) Bild: Pressekonferenz der Berlinale-Jury am 5. Juli 1970: Nach Rücktrittsforderungen legte sie ihre Arbeit nieder
       
       Die Berlinale war immer politisch. 2004 zum Beispiel, als bei der 54.
       Berlinale der Goldene Bär, Hauptpreis des Festivals, das letzte Mal nach
       Deutschland ging, gab es sogar einen ganzen politischen Themenschwerpunkt.
       Ein „programmatisches Augenmerk“, nannte der damalige Festivaldirektor
       Dieter Kosslick das: Zehn Jahre Ende der Apartheid in Südafrika sollten mit
       passenden Filmen gewürdigt werden.
       
       1970 schaffte es ein einziger Film sogar, das gesamte Festival frühzeitig
       zu beenden, sodass kein einziger Preis verliehen wurde. Der Film kam aus
       Deutschland und hieß „o.k.“. [1][Regisseur Michael Verhoeven] nahm sich
       darin eines höchst politischen Themas an, weswegen sich besonders ein
       Jurymitglied weigerte, weiter mitzumachen.
       
       In „o.k“ geht es um ein reales Kriegsverbrechen, den sogenannten
       [2][Zwischenfall von Hügel 192]: die Gruppenvergewaltigung und Ermordung
       der Vietnamesin Phan Thị Mào durch US-Soldaten im Jahr 1966. Ein grausames
       Ereignis, das Verhoeven, um es etwas erträglicher zu machen, aus der
       Distanz betrachtet: Der Film spielt zwar in Vietnam, wurde aber im
       Grünwalder Forst südlich von München gedreht. Alle Schauspieler_innen
       stellen sich am Anfang vor und sprechen danach durchweg im bairischen
       Dialekt. Wenn alles vorbei ist, sieht man sie, auch die lächelnde Eva
       Mattes, die Phan Thị Mào spielt, das Set verlassen.
       
       ## Etwas anderes ist faul
       
       Jurymitglied und Regisseur George Stevens aus den USA empfand den Film als
       antiamerikanisch. „Entweder der Film fliegt raus oder ich fliege heim“,
       soll er gesagt haben. Ein riesiger Streit brach aus, die Regisseure zogen
       ihre Filme aus Protest zurück und der damalige Festivaldirektor, Alfred
       Bauer, ging. Es war das erste und einzige Mal, dass die Berlinale
       abgebrochen wurde.
       
       In einem [3][Interview von 2020 mit dem Spiegel] sagte Verhoeven im
       Übrigen, dass es ihm nicht nur darum ging, das Verhalten der
       Amerikaner_innen mit seinem Film anzuklagen, sondern auch den Deutschen
       ihre Indifferenz vorzuhalten, was den Vietnamkrieg angeht. Darüber zu
       streiten, hätte mehr als Sinn ergeben.
       
       Dass die Berlinale an einem kontroversen Film zerbrach, war ein
       Armutszeugnis für ihre Streitkultur. Was das Ganze aber nicht belegt, ist,
       dass Filme wie „o.k.“ zu politisch und deswegen nicht auszuhalten sind.
       Wenn ein Filmfestival daran zerbricht, dass es keinen politischen Konsens
       gibt, dann ist etwas anderes faul.
       
       Wie 2004 war vor zwei Jahren wieder von Apartheid die Rede, als die
       israelisch-palästinensischen Filmemacher Yuval Abraham und Basel Adra für
       ihren Film [4][„No Other Land“] den Preis für den besten Dokumentarfilm
       gewannen und das Wort nutzten, um die Situation im Westjordanland zu
       beschreiben. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth rechtfertigte
       sich nach der Preisverleihung damit, dass sie dem Israeli applaudiert habe
       und nicht dem Palästinenser.
       
       ## Zum Staatsfestival verkommen
       
       Ein Festival, das nur im Konsens funktioniert, ist uninteressant. Genau so
       könnte die Berlinale aussehen, wenn die jetzige Festivaldirektorin Tricia
       Tuttle geht, nachdem sie propalästinensische Äußerungen zugelassen hatte,
       wie ihr vorgeworfen wird.
       
       Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte danach eine
       Aufsichtsratssitzung einberufen, auf der darüber gesprochen werden soll, ob
       Tuttle im Amt bleiben darf oder nicht. Auch er scheint politische Differenz
       nicht auszuhalten. Dabei waren die zwei Festivals unter Tuttles Leitung
       recht zahm und nicht mal von großen politischen Statements geprägt. [5][Der
       dpa sagte sie am Montag jedenfalls, dass sie im Amt bleiben wolle].
       
       Sollte Tuttle entlassen werden, würde die Berlinale wohl noch weiter in der
       Irrelevanz versinken – die ganz großen Filme bleiben schon länger aus und
       auch der Termin im Februar, kurz vor den Oscars, hilft dem Festival nicht.
       Wenn sie dann auch noch zu einem Staatsfestival verkommt, wo Minister
       vorschreiben, welche Filme und Reden legitim sind, ist es wohl ganz aus mit
       ihr.
       
       3 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Regisseur-Verhoeven-zu-Metoo/!5481077
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenfall_auf_H%C3%BCgel_192
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/geschichte/michael-verhoevens-antikriegsfilm-o-k-sprengte-die-berlinale-1970-a-6ae0e34b-d63e-428f-a8e8-e14190a07dca
 (DIR) [4] /Dokumentarfilm-No-Other-Land/!6055395
 (DIR) [5] https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/berlinale-tuttle-will-bleiben-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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