# taz.de -- Schwarz-rote Sozialstaatskommission: Sozialstaat soll halbe-halbe machen
> Die Reformkommission schlägt eine massive Vereinfachung des Systems vor.
> Sozialministerin Bas zeigt sich euphorisch, die Detailarbeit folgt aber
> erst noch.
(IMG) Bild: Bürokratie, die sicher nicht abgebaut wird: der Wartebereich eines Jobcenters in Duisburg
Bärbel Bas ist demonstrativ beeindruckt. Sie habe so etwas in ihrer
politischen Laufbahn „so noch nicht erlebt“, sagt die Sozialministerin am
Dienstagmittag vor Journalist*innen in Berlin. Eine „Besonderheit“ sei
das, was sie da gerade vorstelle. Dass sich Vertreter*innen aller
Ebenen in nur fünf Monaten auf ein Bündel von 26 Reformvorschlägen einigen,
ohne ein einziges abweichendes Sondervotum: „Ich will das noch mal betonen
– das ist eine Besonderheit.“
Was die SPD-Ministerin so sehr fasziniert: der Abschlussbericht der
[1][Regierungskommission zu einer Sozialstaatsreform]. Ministerialbeamte
aus Bund und Ländern diskutierten seit September zusammen mit kommunalen
Spitzenverbänden und Abgeordneten der Regierungsfraktionen über eine
Strukturreform.
Das Ergebnis beinhaltet tatsächlich viel [2][mehr, als viele erwartet
haben]: Die Beteiligten bekunden zumindest ihre Absicht, die über
Jahrzehnte ziemlich krumm gewachsenen Sozialsysteme zu vereinfachen. So
eine Reform galt bislang als unmöglich – allein schon, weil für ein
übersichtlicheres System zahlreiche Stellen Zuständigkeiten, Einfluss und
Mittel abgeben müssten.
Trotzdem hat die Kommission jetzt im Konsens skizziert, wie ein neues
System aussehen könnte. Kern des Vorschlags ist die Abschaffung von zwei
Leistungen in ihrer jetzigen Form: erstens das Wohngeld (ausgezahlt bislang
von den kommunalen Wohngeldstellen für Menschen, die für andere
Transferleistungen zu viel Einkommen haben, aber ihre Wohnkosten nicht
allein stemmen können). Zweitens der Kinderzuschlag (ausgezahlt von den
Familienkassen an Menschen, die genug für den eigenen Lebensunterhalt
verdienen aber zu wenig für den ihrer Kinder).
## Keine Verfassungsänderung nötig
Für erwerbsfähige Personen sollen diese Leistungen im bisherigen Bürgergeld
aufgehen, für sie wären dann die heutigen Jobcenter zuständig. Für nicht
Erwerbsfähige wie Rentner*innen wie bei der jetzigen Grundsicherung im
Alter die örtlichen Sozialämter. Nach Auffassung von Kommission und
Ministerium wäre eine solche Zusammenlegung, bei der statt vier nur noch
zwei Behörden zuständig sind, ohne eine Verfassungsänderung machbar.
Als Sternchenlösung wird im Bericht darüber hinaus aufgeführt, alles davon
in einer einzigen Behörde und Leistung aufgehen zu lassen. Weil die
Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen damit aber neu sortiert
würden, wäre auf jeden Fall eine Verfassungsänderung möglich. „Und das
wissen wir noch nicht, ob sie am Ende durchsetzungsfähig ist. Sie kennen
die politischen Verhältnisse“, sagt Bas auf ihrer Pressekonferenz und muss
dabei schmunzeln: Für eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag ohne die AfD
müssten von Union bis Linke alle mitmachen.
Neben der Zusammenlegung schlägt die Kommission noch mehr als zwei Dutzend
Maßnahmen vor. Eine davon zielt auf das Problem ab, dass es sich für
Leistungsempfänger*innen derzeit oft nicht lohnt, mehr
hinzuzuverdienen – weil bei zusätzlichem Einkommen der Leistungsanspruch zu
schnell sinkt.
## Keine Leistungskürzungen?
Es gehe bei den Reformvorschlägen nicht um Leistungskürzungen, betont Bas.
Dennoch empfiehlt die Kommission an dieser Stelle, dass Betroffene mit sehr
kleinen Zusatzverdiensten weniger behalten dürfen als heute. Im Gegenzug
bliebe Betroffenen mit relativ gesehen höherem Einkommen mehr im
Geldbeutel.
Die Umsetzung des gesamten Maßnahmenkatalogs ist komplex. Bis 2027, so der
ehrgeizige Plan, sollen viele der nötigen Gesetzesänderungen über die Bühne
gehen. Der Umbau in den Behörden zöge sich danach noch deutlich länger hin.
Und bis dahin gibt es noch etliche Fallstricke. Zum Beispiel beim Geld:
Ausdrücklich stehen die Pläne unter einem Finanzierungsvorbehalt.
An manchen Stellen, etwas bei den Verwaltungskosten, sind zwar Einsparungen
zu erwarten. An anderen Stellen könnte es teurer werden. Etwa dann, wenn
durch ein übersichtlicheres System mehr Menschen als bislang alle
Leistungen in Anspruch nehmen, auf die sie einen Anspruch haben. Eine
Schätzung, was die Vorschläge finanziell unterm Strich bedeuten, gibt es
vom Ministerium nicht.
## Widerstand aus der Jungen Union
Mögliche Widerstände deuten sich an dieser Stelle jetzt schon an. „Reformen
ohne Einschnitte werden am Ende des Tages nicht funktionieren“, sagte
Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union auf RTL.
Aus der Opposition klingen da die Grünen beinahe offener: Details wirkten
noch unausgegoren und Sozialabbau dürfe es bei der Ausgestaltung nicht
geben, sagte der Abgeordnete Armin Grau. Die Grünen seien aber bereit, sich
„konstruktiv zu beteiligen“ – auch bei einer möglichen Grundgesetzänderung.
Die Linke würde dabei Stand jetzt dagegen eher nicht mitmachen.
Parteichefin Ines Schwerdtner kritisierte in der Rheinischen Post, dass
durch die Pläne die Bezieher*innen von Kinderzuschlag und Wohngeld „in
Jobcenter oder Sozialämter gedrängt“ und damit sozial abgewertet würden.
27 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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