# taz.de -- Debatte um Recht auf Teilzeit: Kontraproduktiver Steinzeitpolitikstyle
       
       > Der Wirtschaftsflügel der Union will das Recht auf Teilzeit massiv
       > einschränken. Dafür gibt es nicht nur von Gewerkschaften und Opposition
       > Gegenwind.
       
 (IMG) Bild: Zurück in die Zukunft mit der CDU? Ein Ausschnitt aus dem Film „Ich heiße Niki“ aus dem Jahr 1952
       
       Sebastian Dullien hält wenig vom jüngsten Vorstoß des Wirtschaftsflügels
       der Union zur Teilzeit. „Wenn man gesamtwirtschaftlich die geleistete
       Arbeitszeit erhöhen möchte, könnte ein Verbot der Teilzeit nach hinten
       losgehen“, sagt der Ökonom und Chef des [1][Instituts für Makroökonomie und
       Konjunkturforschung (IMK)] der taz. Mit dieser Meinung steht er nicht
       allein. Gewerkschaften und Opposition lehnen die Abschaffung des Rechts auf
       Teilzeit ebenfalls ab.
       
       „Der Rechtsanspruch auf (Brücken-)Teilzeit soll zukünftig nur bei Vorliegen
       einer besonderen Begründung gelten“, heißt es in einem der Antrag der
       Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) für den CDU-Bundesparteitag im
       Februar, der auch der taz vorliegt. Als besondere Gründe nennt die MIT die
       Erziehung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen. Ein Rechtsanspruch
       auf Teilzeit aus „Lifestyle“-Gründen, wie die MIT es formuliert, soll
       entfallen. Der Antrag sieht zudem vor, Sozialleistungen wie Grundsicherung,
       Kinderzuschlag und Wohngeld für Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen
       besonderer Gründe zu gewähren.
       
       Begründet wird dies mit der aktuellen ökonomischen Lage: „In Anbetracht des
       Fachkräftemangels ist diese Lifestyle-Teilzeit ein zunehmendes Problem, das
       unsere Volkswirtschaft belastet“, heißt es im Antrag. „Wir müssen
       Teilzeitregelungen daher an die ökonomischen Realitäten anpassen.“
       
       Gerade der Begriff „Lifestyle“ sorgt für Aufregung. „Das Recht auf Teilzeit
       als ‚Lifestyle‘ zu diffamieren, ist respektlos gegenüber Millionen, die
       Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder schlicht versuchen, Arbeit und
       Leben unter einen Hut zu bringen“, sagt Linke-Vorsitzende Ines Schwerdtner
       der taz. Allein die Wortwahl zeige, „wie unverschämt und abgehoben sich
       einige Teile der Union vom harten Alltag der Menschen verabschiedet haben“.
       
       ## IG-Metall-Chefin: Absurde Debatte
       
       Deutliche Worte kommen auch von der IG Metall. Das sei eine „absurde
       Debatte“, über die sie „entsetzt“ sei, empörte sich die
       IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner auf der Jahrespressekonferenz von
       Deutschlands größter Einzelgewerkschaft am Montag in Frankfurt am Main. „Es
       hilft der Wirtschaft nicht, wenn die Geisterfahrer der Wirtschaftsunion
       Teilzeitbeschäftigte in Misskredit bringen“, sagte sie.
       
       Es gebe zahlreiche Untersuchungen, die belegten, dass viele Menschen in
       Teilzeit gerne länger arbeiten würden. Das gelte gerade für Frauen. Doch
       unwillige Arbeitgeber, fehlende Kita- und Pflegeplätze sowie falsche
       Anreize wie das Ehegattensplitting stünden dem im Weg. Es seien die
       Rahmenbedingungen, die nicht stimmen würden. „Unserer Meinung nach betreibt
       die Wirtschaftsunion gegen besseres Wissen einen Steinzeitpolitikstyle“,
       sagte Benner.
       
       Und auch beim Koalitionspartner SPD ist man nicht unbedingt amused über die
       Idee. „Die SPD steht fest dazu, das Recht auf Teilzeit zu erhalten“, sagte
       Generalsekretär Tim Klüssendorf am Montag in Berlin. Es gehe darum, mehr
       Angebote für frühkindliche Bildung und Betreuungsplätze zu schaffen. „Um
       für Frauen Anreize für andere Arbeitsverhältnisse zu schaffen, wären auch
       Änderungen beim Ehegattensplitting ein gutes Mittel.“ Dieses Thema habe es
       aber nicht in den Koalitionsvertrag geschafft.
       
       Selbst in der Union gab es Gegenstimmen. CSU-Chef Markus Söder sagte am
       Montag, eine generelle Beschränkung der Teilzeitoptionen sei „der falsche
       Weg“. Es müssten Anreize geschaffen werden, „damit es sich lohnt zu
       arbeiten“. Dabei gehe es etwa um steuerliche Anreize, nicht um
       Einschränkungen von Teilzeitoptionen.
       
       Der Vorstoß der Wirtschaftsunion reiht sich ein in eine Serie von
       Vorschlägen, die Menschen zu mehr Arbeit bewegen sollen: Aktivrente,
       Steuerfreiheit für Überstunden, Abschaffung des Achtstundentages. Die Idee
       dahinter: Mehr Arbeit soll die Wirtschaft ankurbeln. CDU-Chef Friedrich
       Merz betont in diesem Zusammenhang immer wieder, Fleiß müsse sich wieder
       lohnen. Als ob er sich eine Gesellschaft wie in den 1950ern wieder wünscht,
       in dem der Vater als Alleinverdiener Überstunden macht, während die Mutter
       zu Hause bleibt.
       
       Tatsächlich ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten auf einem Höchststand.
       Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag er im
       Herbst bei 40,1 Prozent. Dennoch stieg die insgesamt geleistete Arbeitszeit
       leicht auf 15,7 Milliarden Stunden. Der Trend zu mehr Teilzeit liegt nicht
       nur an den Wünschen der Beschäftigten, sondern vor allem auch an der
       [2][gegenwärtigen Konjunkturflaute]. Besonders in der Industrie, wo
       Vollzeitjobs dominieren, sank die Zahl der Beschäftigten um 2,2 Prozent.
       
       ## Abschaffung kontraproduktiv
       
       Auch beim Thema Fachkräftemangel könnte die Abschaffung des Teilzeitrechts
       nach hinten losgehen. Es gebe Menschen, „denen es einfach gesundheitlich
       oder psychisch zu viel ist, unter den aktuellen Arbeitsbedingungen Vollzeit
       zu arbeiten“, warnt Ökonom Dullien. Nimmt man ihnen die Teilzeitoption,
       könnten sie ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Ähnliches gelte für
       Zweitverdiener*innen in gutverdienenden Haushalten. „Auch hier ist zu
       erwarten, dass Menschen ganz aus dem Berufsleben aussteigen, wenn ihnen die
       Möglichkeit zur Teilzeit genommen wird“, so Dullien.
       
       Und den Ökonomen stört noch etwas Grundsätzliches an der Debatte: „Ohnehin
       ist etwas merkwürdig, dass gerade jene, die sonst immer die individuelle
       Entscheidung der Einzelnen hochhalten und sich gegen Staatseingriffe
       wehren, jetzt Vollzeit verpflichtend vorschreiben wollen“, [3][sagt
       Dullien]. „Warum soll man entscheiden dürfen, ob man Schokoladeneis oder
       Vanilleeis kauft, nicht aber, ob man 30 oder 38 Stunden in der Woche
       arbeiten möchte?“ (mit dpa)
       
       26 Jan 2026
       
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