# taz.de -- Sozialexperte zu Reformvorschlägen: „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“
       
       > Im Bericht der Sozialstaatskommission sieht Wolfgang Strengmann-Kuhn gute
       > Ansätze. Es würden aber auch Möglichkeiten darin stecken, Leistungen zu
       > kürzen.
       
 (IMG) Bild: Den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu machen – das könnte auch bedeuten, dass Leistungen gekürzt werden
       
       taz: [1][Die Kommission zur Reform des Sozialstaates macht Vorschläge,] die
       auch Sie schon formuliert haben. So sollen Grundsicherung, Wohngeld und
       Kinderzuschlag künftig aus einer Hand kommen. Was würde das für die
       Antragsteller:innen verbessern? 
       
       Wolfgang Strengmann-Kuhn: Sie würden die Sozialleistungen dann wohl
       einfacher und schneller erhalten als heute. Denn momentan muss man Anträge
       an drei Stellen einreichen: beim Jobcenter für die Grundsicherung, bei der
       Familienkasse für den Kinderzuschlag, schließlich bei der Kommune für das
       Wohngeld. Viele Leute blicken da nicht durch oder verzichten auf den
       komplizierten Antrag. Es besteht die Hoffnung, dass die aktuellen, teils
       widersprüchlichen Regeln vereinheitlicht werden.
       
       taz: Die Kommission schreibt, das Existenzminimum und die „individuellen
       Bedarfe“ der Antragsteller:innen müssten „in jedem Fall“
       sichergestellt werden. Beinhaltet die Zusammenlegung nicht aber auch die
       Gefahr, dass es zu Kürzungen von Sozialleistungen kommt? 
       
       Strengmann-Kuhn: Das Risiko besteht durchaus. Diesen Effekt befürchte ich
       beispielsweise bei den sogenannten Transferentzugsraten, also wie das
       selbst erwirtschaftete Arbeitseinkommen der Leistungsempfänger:innen
       mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird. Die Kommission schlägt
       einen Korridor von 70 bis 80 Prozent oberhalb der Minijobgrenze vor. Wenn,
       um Geld zu sparen, 80 Prozent des Einkommens angerechnet werden, könnte das
       im Vergleich zu heute zu finanziellen Nachteilen für viele Leute führen.
       
       taz: Für diese etwas höheren Arbeitseinkommen [2][soll der Anteil der
       Verrechnung aber niedriger liegen als jetzt.] 
       
       Strengmann-Kuhn: Je nachdem, ob die Anrechnung 70 oder 80 Prozent beträgt,
       kann es sein, dass auch von solchen Einkommen weniger übrig bleibt. Aber:
       Anrechnungsraten von heute bis zu 100 Prozent für zusätzliches Einkommen
       werden durch den Vorschlag vermieden. Das ist gut. Wer neben den
       staatlichen Zuschüssen zusätzlich höhere Beträge selbst verdient, könnte
       also davon mehr Geld behalten als jetzt.
       
       taz: Die Empfehlungen laufen darauf hinaus, die Bürokratie zu vereinfachen.
       Statt drei oder vier Stellen sollen künftig nur noch zwei Behörden
       zuständig sein. Die Jobcenter wären für die erwerbsfähigen Leute zuständig,
       die Sozialämter der Kommunen für die nicht arbeitsfähigen. Eine gute Idee? 
       
       Strengmann-Kuhn: Das Problem ist, dass die Jobcenter dadurch erheblich
       belastet würden, weil sie sich dann auch um Millionen Menschen zusätzlich
       kümmern müssten, die heute Wohngeldanspruch haben und 2.000 bis 3.000 Euro
       oder mehr verdienen. Leistungsempfänger:innen, die schon ganz ordentliche
       Einkommen erzielen, sind dort eigentlich an der falschen Adresse – sie
       brauchen zwar einen finanziellen Zuschuss, aber nicht die sonstige
       Unterstützung vom Jobcenter.
       
       taz: Was schlagen Sie vor? 
       
       Strengmann-Kuhn: Es wäre besser, wenn für Leute, die heute schon Steuern
       zahlen, die Leistungen von den Finanzämtern kämen. Die verfügen sowieso
       schon über die Angaben zu allen Einkommen. Das bedeutete eine tatsächliche
       Entbürokratisierung, für die Betroffenen und die Behörden. Die Jobcenter
       würden erheblich entlastet.
       
       taz: [3][Ihr Vorschlag beinhaltet auch, dass die Leistungen automatisch
       ausgezahlt würden,] ohne Antragstellung. Dann erhielten aber viel mehr
       Leute Geld, und die Kosten für den Staat stiegen. 
       
       Strengmann-Kuhn: Gar nicht so viel. Die Kommission hat das anscheinend
       berechnen lassen. Demnach lagen die zusätzlichen Kosten im niedrigen
       einstelligen Milliardenbereich, Bürokratieabbau nicht mitgerechnet – eine
       verkraftbare Größenordnung.
       
       taz: Unter der schwarz-roten Koalition geht die öffentliche Debatte
       momentan aber eher in die Richtung, soziale Leistungen zu kürzen.
       Betrachten Sie die Empfehlungen der Kommission nun als Kontrapunkt? 
       
       Strengmann-Kuhn: Das ist noch unklar. Im Gegensatz zur Reform des
       Bürgergeldes, das jetzt in Grundsicherung umbenannt wird, sind die
       Empfehlungen jedoch eher von fortschrittlichen Gedanken geprägt. Es geht
       darum, den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu
       machen. Wie gesagt, beinhaltet der Bericht aber auch die Möglichkeit,
       Leistungen zu kürzen.
       
       taz: Für wie realistisch halten Sie die Vorschläge? 
       
       Strengmann-Kuhn: Was eine schnelle Umsetzung betrifft, bin ich skeptisch.
       Es gibt noch sehr viele Hürden und offene Punkte, über die sich die
       Koalition streiten wird. Vor allem die Union wird sich für Kürzungen
       einsetzen. Aber es ist der Beginn einer spannenden Debatte über die
       Systematik des Sozialstaats.
       
       28 Jan 2026
       
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