# taz.de -- Sozialstaatsreform: Bürgerfreundlich heißt nicht automatisch gerechter
> Auf den ersten Blick kann man sich über die parteiübergreifende Einigkeit
> bei der Reform freuen. Doch der Druck auf den Sozialstaat wächst weiter.
(IMG) Bild: Scheint zufrieden mit der Einigung: Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD)
Jetzt bitte mal nicht meckern! Dass sich Vertreter:innen von Union und SPD
sowie aus Bund, Ländern und Kommunen [1][in einer Kommission in wenigen
Monaten auf eine „Sozialstaatsreform“] einigen konnten und alle außer der
AfD das Ergebnis gut finden, ist in diesen Zeiten der Polarisierung viel
wert. Die Union spricht von einer guten Grundlage. Die SPD lobt: „Wir
drehen das große Rad.“ Grüne und Linke finden die Richtung richtig, ebenso
[2][Wohlfahrtsverbände].
Und in der Tat: Wenn die vorgeschlagenen 26 Maßnahmen der
Sozialstaatskommission umgesetzt werden, wird für viele Menschen vieles
einfacher. Das Kindergeld etwa soll automatisch ab Geburt ausgezahlt
werden. Bislang bekam das Baby lediglich die Steuernummer ungefragt
zugeschickt. Wer zusätzlich zum – schmalen – Gehalt noch Leistungen wie
Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, soll nur noch eine Behörde
anschreiben müssen, und zwar digital von zu Hause aus.
Perspektivisch soll es ein zentrales Sozialportal geben, einen
One-Stop-Shop, das Kaufhaus für den Sozialstaat. Die Grünen planten in der
letzten Legislatur mal Ähnliches mit der Kindergrundsicherung, nun
vollendet womöglich die schwarz-rote Koalition, was der Ampel nicht gelang.
Geht doch.
Aber dass fast niemand meckert, liegt natürlich auch daran, dass es, anders
als der Name „Sozialstaatsreform“ suggeriert, nicht um eine grundlegende
Reform des Sozialstaats geht. Der Name ist ein kleiner Etikettenschwindel,
denn im Kern handelt es sich um eine Verwaltungsreform. Sie ist wichtig und
nötig, schließlich geben [3][Bund, Länder und Kommunen jährlich mehr als
260 Milliarden Euro für Systeme der sozialen Teilhabe und Förderung] aus.
Bei so viel Geld darf man erwarten, dass es effizient verteilt wird und
ankommt, was derzeit nicht der Fall ist. Stattdessen verzichten viele
Menschen darauf, zu beantragen, was ihnen eigentlich zusteht, weil es zu
kompliziert und zeitraubend ist.
Doch wenn der Staat bürger:innenfreundlicher wird, ist damit noch kein Kind
besser vor Armut, niemand wirksamer vor Obdachlosigkeit geschützt.
Die grundsätzlichen Fragen der Gerechtigkeit und Verteilung bleiben
unberührt. Während der Druck auf Arbeitnehmer:innen derzeit steigt, können
sich Unternehmen auf Entlastungen freuen. Im Kern geht es dabei um den
systemimmanenten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital.
Die Union ventiliert vor ihrem Bundesparteitag und im Landtagswahlkampf
munter Vorschläge, um Beschäftigtenrechte zu schleifen, etwa die
Abschaffung [4][des Rechts auf „Lifestyle“-Teilzeit] oder die Streichung
von bezahlten Krankentagen. Die Ideen aus dem Mittelstandsflügel der Union
haben für Kopfschütteln gesorgt und werden wohl in der Versenkung
verschwinden, aber sie folgen der grundsätzlichen Stoßrichtung, wie sie
auch Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender vorgibt.
Der Kanzler findet, dass Beschäftigte zu wenig arbeiten und zu oft
krankfeiern und möchte das Arbeitszeitgesetz am liebsten abschaffen. Und
tatsächlich haben sich Union und SPD im Koalitionsvertrag bereits auf die
Abschaffung des Achtstundentags geeinigt. Für Unternehmen, die natürlich
finden, dass das bei Weitem nicht ausreicht, senkt die Koalition Steuern
und Preise. Der Verband der „Familienunternehmer“, der auch für
schwerreiche Unternehmerdynastien spricht und dafür laut [5][Lobbyregister
des Bundestags] mehr als 9 Millionen Euro im Jahr ausgibt, fordert die
Regierung zu weiteren „deutlichen“ Kostensenkungen auf.
## Wo bleibt die SPD?
Und wer hält dagegen? Die SPD jedenfalls nicht. Als sie im vergangenen Jahr
für den SPD-Parteivorsitz kandidierte, nannte Bärbel Bas das zutreffend
„Klassenkampf von oben“. Als sie ein paar Monate später die Arbeitgeber
angriff, erntete sie einen wahren Shitstorm und hält sich seitdem zurück.
Es war die Linkspartei, die vergangene Woche eine Aktuelle Stunde im
Bundestag beantragte zum Thema „Aushöhlung von Beschäftigtenrechten
verhindern“ und zudem Zahlen aus dem von Bas geleiteten Arbeits- und
Sozialministerium anfragte. Demnach [6][arbeitet inklusive Überstunden rund
die Hälfte der Beschäftigten bereits heute mehr als 40] Stunden pro Woche.
Das Bild von der „faulen“ Arbeitnehmer:in ist als Kulturkampf verbrämter
Klassenkampf.
Wenn sich die Sozialdemokraten wirklich als Anwälte der „Fleißigen“ in
diesem Land begriffen, wie es Co-Chef Lars Klingbeil immer wieder betont,
dann würden sie dieser neoliberalen Erzählung erstens deutlich
widersprechen und zweitens ihr Konzept für eine Reform der Erbschaftsteuer
energischer bewerben. Beides tun sie nicht. Die Quittung dürften sie bei
den Landtagswahlen bekommen. Aber dann bitte nicht meckern.
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwarz-rote-Sozialstaatskommission/!6149008
(DIR) [2] /Sozialverband-zu-Sozialstaatsreform/!6149005
(DIR) [3] https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Finanzierung/Datensammlung/PDF-Dateien/tabII1.pdf
(DIR) [4] /Debatte-um-Recht-auf-Teilzeit/!6148660
(DIR) [5] https://www.lobbyregister.bundestag.de/media/53/f9/636778/JA-2024.pdf
(DIR) [6] https://dserver.bundestag.de/btd/21/037/2103703.pdf
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
## TAGS
(DIR) Sozialstaat
(DIR) Sozialstaatsreform
(DIR) Hartz IV
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) CDU
(DIR) Kolumne Materie
(DIR) Zahnmedizin
(DIR) Sozialstaat
(DIR) Paritätischer Wohlfahrtsverband
(DIR) Sozialstaat
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) CDU-Angriffe auf den Sozialstaat: Überspannter Bogen
Die CDU und ihr Umfeld fallen mit scharfen Forderungen gegen den
Sozialstaat auf. Das könnte sich in diesem wichtigen Wahljahr als Bumerang
erweisen.
(DIR) Debatte um Arbeit: Doch, Teilzeit ist ein Lifestyle
Die Union hat eine emotionale Debatte um das Recht auf Teilzeit ausgelöst.
Der Kampf um die Arbeitszeit ist eine komplexe Verteilungsfrage.
(DIR) Forderung des CDU-Wirtschaftsrats: Kassen sollen keine Zahnbehandlung mehr bezahlen
Der CDU-Wirtschaftsrat fordert, Zahnarztbesuche zur Privatleistung zu
machen. Empörung dafür kommt von allen Seiten – selbst von der CDU.
(DIR) Sozialexperte zu Reformvorschlägen: „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“
Im Bericht der Sozialstaatskommission sieht Wolfgang Strengmann-Kuhn gute
Ansätze. Es würden aber auch Möglichkeiten darin stecken, Leistungen zu
kürzen.
(DIR) Sozialverband zu Sozialstaatsreform: „Missbrauch ist kein Kernproblem des Sozialstaates“
Schwarz-Rot will das Sozialsystem vereinfachen. Joachim Rock vom
Paritätischen Gesamtverband findet das richtig, warnt aber vor Risiken für
die Ärmsten.
(DIR) Schwarz-rote Sozialstaatskommission: Sozialstaat soll halbe-halbe machen
Die Reformkommission schlägt eine massive Vereinfachung des Systems vor.
Sozialministerin Bas zeigt sich euphorisch, die Detailarbeit folgt aber
erst noch.