# taz.de -- Sozialverband zu Sozialstaatsreform: „Missbrauch ist kein Kernproblem des Sozialstaates“
> Schwarz-Rot will das Sozialsystem vereinfachen. Joachim Rock vom
> Paritätischen Gesamtverband findet das richtig, warnt aber vor Risiken
> für die Ärmsten.
(IMG) Bild: Eine Frage des Anstands: ein Jobcenter in Berlin-Mitte
taz: Herr Rock, die [1][Sozialstaatskommission] will das System
vereinfachen, Leistungen zusammenlegen und die Zahl der Behörden
verringern. Ist das ein großer Wurf?
Joachim Rock: Es ist ein sehr ambitioniertes Unterfangen, aber kein großer
Wurf. [2][Die Kommission hat sich auf administrative Aspekte konzentriert],
das war auch ihre Aufgabe. Aber entscheidende Verteilungsfragen,
beispielsweise zu Vermögensfreigrenzen und Transferentzugsraten, sind noch
offen. Jetzt ist die Politik gefordert. Wir werden sehr genau darauf
achten, dass sich bei allen notwendigen Vereinfachungen nicht die
Lebensbedingungen der ärmsten Bevölkerungsgruppen verschlechtern.
taz: Bevor wir zu den Risiken kommen: Was würde sich durch die
Zusammenlegung für Leistungsberechtigte bestenfalls verbessern?
Rock: Im besten Fall profitieren die Leistungsberechtigten von einem
übersichtlicheren Sozialstaat, der schneller zu Hilfen führt, die die
Menschen brauchen. Heute haben wir im Wohngeld und bei anderen sozialen
Leistungen monatelange Bearbeitungszeiten.
taz: Linken-Chefin Ines Schwerdtner kritisiert, dass durch die
Zusammenlegung Hunderttausende Haushalte mit Anspruch auf Kinderzuschlag
und Wohngeld aus den heute zuständigen Behörden in die „Jobcenter oder
Sozialämter gedrängt“ würden. Wäre das denn auch aus Ihrer Sicht ein
Problem?
Rock: Wenn wir dazu kommen, dass die Leistungen besser und für die
Betroffenen zugänglicher gestaltet werden, dann ist es egal, unter welchem
Dach das erfolgt und kann dazu beitragen, Jobcenter und Sozialämter
zugänglicher zu machen.
taz: Was ist stattdessen Ihre größte Sorge?
Rock: Die Kommission schlägt geringere Freibeträge für besonders niedrige
Einkommen vor. Das Risiko ist also, dass Menschen, die wegen körperlicher
Beeinträchtigungen oder familiärer Sorgearbeit nicht besonders
leistungsfähig sind, weniger behalten dürfen als bisher. So eine
Schlechterstellung der einkommensärmsten Menschen ist das völlig falsche
Signal.
taz: Es stimmt also aus Ihrer Sicht nicht, wenn Sozialministerin Bärbel Bas
sagt, dass das bisherige Schutzniveau erhalten bleibt?
Rock: In der Summe soll es erhalten bleiben, bei den einzelnen
Stellschrauben gibt es aber durchaus Abweichungen. Die politische Aufgabe
ist es, im weiteren Verfahren dafür zu sorgen, dass niemand deutlich
schlechter gestellt wird.
taz: Der Hintergedanke der veränderten Freibeträge: Wer mehr hinzuverdient,
soll davon auch mehr behalten dürfen als bisher. Bei höheren
Hinzuverdiensten sollen die Freibeträge daher steigen. Ist dieser Gedanke
nicht nachvollziehbar?
Rock: Wir finden auch, dass es sich mehr lohnen muss, mehr zu arbeiten.
Aber es gibt keinen Grund, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen.
Wir haben viele Menschen, die nur drei Stunden am Tag erwerbstätig sein
können und deshalb schon ihre volle Leistungsfähigkeit in den Prozess
einbringen. Dass die jetzt die Kosten zahlen sollen für die Anhebung von
Freibeträgen an anderer Stelle, ist ein sozialpolitisches Unding.
taz: Eine Verschlechterung schlägt die Kommission auch für EU-Ausländer
vor. Volle Freizügigkeit und Anspruch auf Sozialleistungen sollen sie nur
noch bei Vollzeitarbeit erhalten. Können Sie das nachvollziehen?
Rock: Das politische Ziel dieser Maßnahme verstehe ich, aber wir teilen es
nicht. Wir brauchen zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland, nicht nur
Fachkräfte. Und da dürfen die Hürden für diese Zuwanderung nicht zu hoch
gesetzt werden. Es gilt Freizügigkeit. Ein sozialer Schutz für alle, die
sich in die Beschäftigung in Deutschland einbringen, ist für uns
essenziell.
taz: Hintergrund des Vorschlags sind auch Fälle von bandenmäßigem
[3][Sozialmissbrauch], [4][von dem Bärbel Bas oft spricht:] Menschen würden
nach Deutschland geholt, mit Minijobs ausgestattet und erhielten dadurch
direkt Bürgergeld – das sie dann an Hintermänner abführen müssten. Dagegen
könnte der Reformvorschlag doch helfen.
Rock: Damit würde man einen einzelnen und quantitativ überschaubaren
Missstand zu einer Negativfolie für eine ganze Sozialstaatsreform machen.
Das würde die realen sozialen Verhältnisse auf den Kopf stellen. Missbrauch
ist kein Kernproblem des Sozialstaates.
taz: Alles in allem steckt in dem Kommissionsbericht aber nicht der massive
Angriff auf den Sozialstaat, den einige erwartet haben – oder?
Rock: Das kann man so sagen. Die Kommission hat in sehr kurzer Zeit ein
breites Bündel von mehrheitlich umsetzbaren und guten Reformvorschlägen
gemacht. Sie helfen uns, den Sozialstaat gerade im Sinne der Betroffenen
besser auszugestalten. Aber wie gesagt: Es muss im weiteren Prozess
sichergestellt werden, dass aus diesem Reformprogramm kein Kürzungsprogramm
wird.
27 Jan 2026
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