# taz.de -- Bundesregierung nach den Landtagswahlen: Merz versucht, noch mal die Kurve zu bekommen
> Erstmals scheitert die Union in einem Bundesland an der 5-Prozent-Hürde.
> Merz sieht nur die Flucht nach vorn – und weiß dabei die SPD an seiner
> Seite.
(IMG) Bild: Er bleibt auf allen Kanälen: Bundeskanzler Friedrich Merz am Sonntag
Drei Anläufe braucht der Kanzler, ehe ihm am Montag in der Berliner
CDU-Zentrale jemand zuhören kann – es gibt Probleme bei der Tontechnik. Als
es endlich klappt, spricht Friedrich Merz von einer „tiefen Zäsur“ und
einem „schweren Schlag“, der „lange nachhallen“ werde. Die Rede ist vom
katastrophalen Wahlergebnis der mecklenburg-vorpommerischen CDU, die am
Sonntag den Einzug in den Landtag verpasste; erstmals in der Geschichte der
Bundesrepublik scheiterte die Union damit bei einer so großen Wahl an der
Fünf-Prozent-Hürde.
Merz räumte eine Mitschuld dafür ein, sagte aber zugleich: „Die Gründe
reichen über meine Person hinaus.“ [1][Damit setzte er die bereits am
Wahlsonntag eingeschlagene Strategie fort,] den leidigen Debatten um seinen
Rücktritt den Riegel vorzuschieben und sich als Reformkanzler zu
präsentieren. Es stünden „große Kraftanstrengungen“ bevor, so der Kanzler.
Es komme auf Stabilität und einen klaren Kurs an.
Ganz abschütteln lassen sich die Debatten gleichwohl nicht. Merz hatte sich
zwar der Rückendeckung der acht CDU-Ministerpräsidenten versichert, von
denen am Sonntag auch sieben brav zur Präsidiumssitzung nach Berlin
anreisten. Die sich aber anschließend noch bis kurz vor Mitternacht in der
rheinland-pfälzischen Landesvertretung trafen, und zwar ohne Merz. Wurden
dort neue Umsturzpläne geschmiedet? Aus Merz’ Umfeld heißt es, das sei
alles mit dem Kanzler abgesprochen gewesen, es sei um den mehrjährigen
europäischen Finanzrahmen gegangen. Wer’s glaubt.
Merz machte am Montag jedenfalls erneut deutlich, dass er nicht gedenkt
zurückzutreten – weder als Kanzler noch als Parteivorsitzender. Stattdessen
kündigte er eine Art Selbstreflexionsseminar für die Partei an: Für die CDU
stellten sich jetzt grundsätzliche Fragen, man werde über Profil und
Programm der Partei sprechen. Eigentlich hat die CDU erst 2024 ein neues
Grundsatzprogramm erarbeitet und infolgedessen einen ordentlichen
Rechtsschwenk vollzogen. Wird dieser nun infrage gestellt? Besonders
erfolgreich war er bislang jedenfalls nicht.
## Die SPD bleibt loyal zur Regierung
Es ist fast schon ironisch: Angesichts des Machtvakuums, das sich bei der
CDU auftut, versucht sich die SPD als Stabilitätsfaktor zu präsentieren –
als stünden Bärbel Bas und Lars Klingbeil als Parteichefs [2][nicht selbst
unter größter Erklärungsnot wegen ihrer Rollen in der unbeliebten
Regierung.] Beide machten am Montag dennoch gleich mehrfach deutlich: An
der SPD wird die Koalition nicht scheitern, im Gegenteil: „Die oberste
Prämisse ist, dass wir zu dieser Koalition stehen“, sagte Klingbeil.
Im selben Atemzug erteilte er Merz’ Plänen, die geplanten Sozialkürzungen
durchzuziehen, eine Absage. „So wie es die letzten Monate gelaufen ist,
kann es nicht weitergehen“, sagte Klingbeil. Ohne den Bundeskanzler beim
Namen zu nennen, kritisierte er dessen Ansprache von Sonntagabend. „Ein
schlichtes Weiter-so mit dem Kopf durch die Wand, wird nicht
funktionieren.“
Ähnlich sah es auch Bärbel Bas. „Es wäre nichts tödlicher, als diese
Koalition an einer Sachfrage auseinanderbrechen zu lassen“, sagte sie mit
Blick auf die Diskussionen um die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente
mit 63. Sie bezeichnete die Reformen der Sozialsysteme zwar als „notwendig“
und sprach davon, dass die Rentenkommission gute Vorschläge unterbreitet
habe. Doch nun gelte es, in der Koalition gemeinsam die Lösungen weiter
auszuarbeiten. „Wir müssen den Reformen einen Realitäts- und einen
Gerechtigkeitscheck verpassen“, sagte Bas.
Ob in diesen Realitätscheck auch eingehen wird, dass Manuela Schwesig in
Mecklenburg-Vorpommern auch deshalb so erfolgreich war, weil sie sich gegen
die Regierung positioniert hatte? Sie scheute am Montag zumindest nicht
davor zurück, mit Merz weiter hart ins Gericht zu gehen. Der Kanzler hatte
zuvor darüber geklagt, dass die CDU in Mecklenburg-Vorpommern in der
Auseinandersetzung zwischen Schwesig und der AfD untergegangen sei. „Die
Äußerungen von Merz zeigen, dass er die Lage falsch einschätzt“, so
Schwesig. Vielmehr solle sich der Kanzler selbstkritisch zeigen. Wenn er
noch mal Vertrauen zurückgewinnen wolle, reiche es nicht, „mit dem Finger
auf andere zu zeigen“.
Zumindest diese Botschaft schien beim Kanzler zunächst einmal angekommen zu
sein. Merz bedankte sich bei der SPD dafür, dass diese Teil der Koalition
bleiben wolle. Zugleich räumte er ein, dass viele Menschen das Gefühl
hätten, es gehe ungerecht in der Gesellschaft zu. Auf Nachfrage nannte er
nicht die angekündigte Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren,
sondern das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenkasse als
Problem.
## Merz sagt, er wolle auf Kritik eingehen
„Es gibt gute Gründe für beide Systeme“, so der Kanzler, der selbst privat
versichert ist. „Aber wenn die Bevölkerung das als ein so massives Problem
ansieht – und ich teile die Einschätzung – dann müssen wir daran etwas
ändern, und genau darüber werden wir reden.“ Worüber Merz reden will,
führte er nicht weiter aus.
Für den Sozialpolitiker und Vorsitzenden der Arbeitnehmergruppe der
Unions-Fraktion Stefan Nacke liegt es jedenfalls auf der Hand, dass sich
die CDU sozialen Anliegen anders zuwenden muss. „Die CDU muss wieder
Volkspartei werden und sich dafür auch inhaltlich und personell breiter
aufstellen“, sagte Nacke der taz. Noch sei das jedoch nicht sichtbar.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hakan Demir wirbt unterdessen dafür, dass
seine Partei sich nicht weiter nach rechts treiben lässt. „Wir brauchen
eine linkere Sozialdemokratie“, sagte der Berliner Politiker der taz. Die
SPD habe bei den Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus die meisten
Stimmen an die Linkspartei verloren. „Wer jetzt sagt, wir müssen
konservativer werden, hat nichts verstanden.“ Vielmehr gelte es nun,
Arbeitnehmerrechte zu schützen und die soziale Absicherung zu stärken.
Demir spricht sich auch dagegen aus, die Enteignung von Wohnungskonzernen
mit einem Bundesgesetz verbieten zu wollen. „Ein Bundesgesetz, mit dem die
Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch
Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich sein soll,
ist politisch und rechtlich nicht umsetzbar“, sagte Demir.
Anders sah es der Kanzler. Noch während er nach Erklärungen für das
Wahldesaster suchte, teilte er mit, dass der Gesetzentwurf gegen Enteignung
bald kommen werde. Angekündigt hatte er das zusammen mit Klingbeil bereits
im Sommer. „Es geht gar nicht mal nur darum, hier in Berlin etwas zu
verbieten“, so Merz. Sondern darum, Deutschland für private Investoren
weiter attraktiv zu halten.
21 Sep 2026
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