# taz.de -- Wahlen in Berlin und MV: Eine Volkspartei blickt in den Abgrund
> Nie hat die CDU schlechter abgeschnitten: Im Norden verpasst sie den
> Einzug in den Landtag, in Berlin liegt sie hinter der Linken. Merz tritt
> die Flucht nach vorn an.
(IMG) Bild: Minuten nach den ersten Prognosen steht er vor der Presse: Bundeskanzler Friedrich Merz
[1][Friedrich Merz] hat einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. So
schnell war noch nie ein Bundeskanzler nach Landtagswahlen vor die Presse
getreten. Überhaupt ist es recht ungewöhnlich, dass der sich an einem
Wahlabend zum Ausgang von Landtagswahlen äußert. Das war 2005 der Fall, als
der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit SPD-Chef Franz
Müntefering nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen
Neuwahlen ankündigte.
Ähnlich Dramatisches wollte Merz nicht verkünden. Der Kanzler kündigt an,
dass er standhaft bleiben und die Reformen durchziehen wolle – als
Bundeskanzler und als Parteivorsitzender. „Die Reformen müssen jetzt
kommen“, so Merz, dafür übernehme er die Verantwortung.
Obwohl sein Auftritt kurzfristig angekündigt worden war, hatte sich Merz
vorbereitet und eine fast schon poetische Begründung zurechtgelegt: Die
Reformen seien das Mittel gegen das autoritäre Gift, das mit der
Faszination des Autoritären immer tiefer in die Gesellschaft eindringe.
„Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“, so
Merz, und beides werde er aufbringen.
Der Bundeskanzler versucht also die Flucht nach vorn anzutreten. Nachfragen
ließ Merz nicht zu, doch es bleiben Fragen offen.
## Tiefer Fall
Denn besonders das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern ist dramatisch
schlecht. Im Flächenland erreichten die Christdemokraten nach Auszählungen
um kurz vor 22:00 Uhr nicht mal mehr 5 Prozent. Merz selbst nannte das
Ergebnis früher am Abend „ein Desaster“ und da lag seine Partei noch knapp
über 5 Prozent. Spitzenkandidat Daniel Peters sprach „von einer schweren
Stunde“.
Die Landespartei hat zweifelsohne Geschichte geschrieben. Es ist das erste
Mal, dass die CDU bei einer Landtagswahl an der 5-Prozent-Hürde scheitert
und aus einem Landesparlament ausscheidet. Auch die Bundes-CDU schaut in
den Abgrund.
Dieser größte anzunehmende Unfall wird die gerade erst mühsam erstickte
Diskussion um einen Austausch des Bundeskanzlers wohl neu entfachen, daran
dürfte Merz' Appell wenig ändern.
## Ein Prozent hielt Merz für hilfreich
In Berlin, wo die Christdemokraten laut Hochrechnung bei knapp 20 Prozent
landeten, müssen sie sich klar der Linkspartei geschlagen geben.
Nach der ersten Prognose um 18 Uhr ist es sehr, sehr ruhig im Festsaal auf
der dritten Etage des Berliner Landesparlaments. Erstes Wahlziel war es,
vor der Linkspartei zu liegen, in der Spitzenkandidat [2][Stefan Evers]
Extremisten am Werk sieht. Auf einen Wahlsieg immerhin nach Prozenten hatte
auch die Bundesparteispitze um Friedrich Merz gehofft.
Als der lila Balken der Linkspartei immer höher steigt, sagt einer: „Ich
glaub', ich gehe“. Ein anderer fragt seinen Nebenmann, ob er seine
Eigentumswohnung schon verkauft habe, bevor sie ihm genommen werde – eine
Anspielung auf die Enteignungspläne der Linken.
Ganz überraschend kam das schlechte Abschneiden der Christdemokraten
gleichwohl nicht. Ein wenig ambitionierter Wahlkampf im Nordosten und dort
wie in der Hauptstadt zwei Spitzenkandidaten ohne echte Strahlkraft sowie
ein überaus unbeliebter CDU-Bundeskanzler sorgten eben nicht für
Rückenwind. In Mecklenburg-Vorpommern hielt nur ein Prozent der
CDU-Wähler:innen Merz im Wahlkampf für hilfreich. Der eilig am Freitag
angekündigte Tankrabatt samt Spritpreisdeckel konnte die Stimmung nicht
mehr drehen.
In Mecklenburg-Vorpommern hatte der lokale Spitzenkandidat Peters nie die
Chance, in die Rolle des Herausforderers von Amtsinhaberin [3][Manuela
Schwesig] zu schlüpfen. Im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und AfD wurde
die CDU schlicht nicht gebraucht. In Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen
gaben selbst 78 Prozent der eigenen Anhänger an, Schwesig als
Ministerpräsidentin zu präferieren.
## Einwechselspieler Evers
Schon vor dem Wahlsonntag warf die mecklenburg-vorpommerische CDU das
Handtuch, verzichtete auf einen Wahlkampfabschluss und wollte das
Wahlergebnis weitgehend unter sich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit
begießen. Erst nachdem sich Medien beschwert hatten, änderte die Partei
kurzfristig ihre Schmollpläne und lud in die Tanzschule Schlebusch in
Schwerin ein.
Dass man als Partner für die Regierungsbildung auserkoren wird, wäre
rechnerisch möglich gewesen, wenn die Partei im Landtag verblieben wäre.
Allerdings hätte die SPD wohl selbst in diesem Fall anderen Partnern,
nämlich Grünen und Linken, den Vorzug gegeben. Nun läuft in
Mecklenburg-Vorpommern alles auf eine rot-rot-grüne Koalition zu.
Danach sieht es auch in Berlin aus. In der Hauptstadt war Finanzsenator
Evers als Spitzenkandidat erst kurzfristig gegen den Regierenden
Bürgermeister Kai Wegner eingewechselt worden, der im Juli endgültig über
falsche Behauptungen zu seinem Verhalten beim mehrtägigen Berliner
Stromausfall zu Jahresbeginn gestolpert war.
Evers kann in Berlin um kurz vor 23:00 Uhr noch auf eine CDU-geführte
Regierung mit Grünen und SPD hoffen. Eine solche Kenia-Koalition wäre eines
von zwei möglichen Bündnissen jenseits der AfD.
Evers wirkte gefasst, als er sich den Weg durch die wartenden Parteifreunde
und Journalisten bahnen lässt. Stakkatohafter Applaus begleitete Evers. Der
räumte auf der Bühne die Niederlage ein: Er gratulierte der stärksten
Kraft, der Linkspartei – „das gehört sich so“. Evers sprach von einem
„Achtungserfolg“, sagte aber auch, das Ergebnis stimme ihn demütig. „Wir
kommen von einem außerordentlich guten Ergebnis, das wir bei der Wahl 2023
erreicht haben, und haben heute deutlich verloren.“ Dies sei „kein Grund
zur Freude“.
Für die Bundes-CDU stellen sich nun harte Fragen: Wie positioniert sie sich
in der Koalition mit der SPD, wie ambitioniert kann sie eigene
Reformvorstellungen tatsächlich durchsetzen? Die SPD schöpft aus dem
Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern neues Selbstbewusstsein und hat mit
Schwesig eine gestärkte Spitzenfrau, die den Reformkurs und besonders das
Ende der sogenannten Rente mit 63 ausdauernd kritisiert hat.
Eine angeschlagene und hoch verunsicherte CDU allerdings wird zu weiteren
Zugeständnissen nicht bereit sein. Der Ton in der Koalition dürfte nach
diesen Wahlen nicht versöhnlicher werden.
20 Sep 2026
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