# taz.de -- SPD-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern: Knapp vorbei ist auch daneben
> Die SPD in Mecklenburg-Vorpommern hatte auf den Sieg gehofft. Es reicht
> nur für Platz 2. Trotzdem fährt die Partei ein Traumergebnis ein.
(IMG) Bild: Im Rampenlicht: Manuela Schwesig bemühte sich als Heilsbringerin für die SPD im Nordosten
Als bei der Wahlparty der SPD in Mecklenburg-Vorpommern nach Schließung der
ersten Wahllokale die Prognosen über die Bildschirme laufen, herrscht
Stille. Dann wird ganz tapfer – auch für die um die besten Plätze
rangelnden Kamerateams – minutenlang rhythmisch geklatscht.
Die Sozialdemokrat:innen hatten mit der amtierenden
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig vor ein paar Tagen noch gehofft, „das
Ding nach Hause zu holen“. Das Rennen gewann jedoch die rechtsextreme AfD –
so der Stand bis Redaktionsschluss. Er habe auf Sieg gesetzt, sagte
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus der taz. Trotzdem:
Schwesig habe „abgeliefert“.
In der komplett überfüllten Orangerie des Schweriner Schlosses wird
Schwesig kurz darauf von ihren Anhänger:innen unter lauten „Manu,
Manu“-Rufen empfangen wie eine Heilsbringerin. Schwesig ruft: „Was für ein
Abend!“ Und: „Wir haben von Anfang an daran geglaubt, dass es möglich ist,
der AfD etwas entgegenzusetzen. Das haben wir geschafft.“
Die mehr als 35 Prozent für die SPD seien „ein starkes Signal der
Wählerinnen und Wähler“, so Schwesig. Tatsächlich ist den
Sozialdemokrat:innen mit Schwesig gelungen, was vor wenigen Monaten
nur die unverwüstlichsten Optimist:innen für möglich gehalten haben.
Auch Schwesig erinnert daran, dass ihre Partei vor genau einem Jahr in
Umfragen noch bei 19 Prozent lag. Ihre Schlussfolgerung aus der Aufholjagd,
Platz 2 hin oder her: „Ich weiß, dass sich eine Mehrheit wünscht, dass ich
meine Arbeit als Ministerpräsidentin fortsetze, und dass wir heute viel
Vertrauen bekommen haben.“
Klar ist: Das Ergebnis hat die SPD allein Schwesig zu verdanken – und ihrem
hochprofessionellen Wahlkampfmanagement. Denn auch die entsprechende, ganz
auf die Ministerpräsidentin zugeschnittene Kampagne zündete zum Schluss.
Aus der „Frau für MV“ wurde nach der Sachsen-Anhalt-Wahl „Die Frau gegen
Blau“: [1][Schwesig, die Retterin vor Zuständen wie in Magdeburg]. Die
Sorge vor der extremen Rechten bescherte ihr offenkundig enormen Zulauf.
Schwesig war schon mit beachtlichen Beliebtheitswerten in den Kampf
gestartet und legte dann noch kontinuierlich zu. Mit den steigenden
Umfragewerten änderte Schwesig auch ihre Argumentation. Hatte sie anfangs
noch betont, es sei gar nicht wichtig, wer bei der Wahl auf Platz 1 lande,
wichtig sei eine stabile demokratische Mehrheit, erklärte sie nun genauso
bestimmt: „Jetzt geht es bei der Wahl darum, wer stärkste Kraft wird.“
Also, dass die SPD stärkste Kraft wird. Geklappt hat es nicht.
„Ich kämpfe gern“, [2][gab Schwesig jüngst der taz zu Protokoll]. Beim
SPD-Wahlkampfabschluss am Freitag [3][am Fuß des Leuchtturms von
Rostock-Warnemünde] wurde das Publikum zur Verabschiedung mit dem
80er-Jahre-Klassiker „The Eye of the Tiger“ beschallt, dem Titelsong des
Boxfilms „Rocky III“. Die Älteren erinnern sich: Ein anfangs
demoralisierter und vom Boxerkampfgeist verlassener Sylvester Stallone
schlägt am Ende seinen Gegner k. o.
## „Manu mit den Scherenhänden“
Im Wahlkampf überließ sie keinen Auftritt dem Zufall. Die Lokalzeitungen
waren stets zur Stelle. Hier die Eröffnung eines neuen Schulcampus, dort
gab es ein Ausbildungszentrum einzuweihen, dazu im ganzen Land
Spatenstiche, Jubiläumsreden und haufenweise Fördergeldbescheid-Übergaben:
In immer dichterer Taktfolge hatte Schwesig zuletzt noch mal allen gezeigt,
wer die Landesmutter im Haus ist.
In der Opposition wurde gelästert, die Staatskanzlei habe vor Beginn des
Wahlkampfs ganze Lkw-Ladungen mit roten Bändern geordert. Die Rede war von
„Manu mit den Scherenhänden“. Die Ministerpräsidentin stellte es stets so
dar: Dank ihr laufe vieles bereits bestens in Mecklenburg-Vorpommern, durch
sie werde es in Zukunft noch besser laufen.
Mindestens nützlich für ihre Gesamtperformance: Kaum eine andere führende
SPD-Politikerin stellte sich mit solcher Vehemenz gegen die unbeliebten
Reformen und Beschlüsse der Bundesregierung und damit auch gegen die
eigenen Genoss:innen in Berlin.
Schwesig prangerte nicht nur das geplante Aus für die abschlagsfreie Rente
nach 45 Beitragsjahren an. Auch das ersatzlose Auslaufen des Tankrabatts
zum 1. Juli kritisierte sie vom ersten Tag an.
Auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sah in dem Abschneiden Schwesigs
eine Botschaft für die Bundespolitik. „Ich denke, dass sich die Regierung
insgesamt hinterfragen muss“, sagte er in Berlin. In der aktuellen
Reformdiskussion dürfe es „nicht nur um Kürzungen“ gehen, vielmehr müsse
auch über „strukturelle Veränderungen“ geredet werden.
Schwesig hatte sich unterdessen schon mit der Neuauflage des Tankrabatts
zufrieden gezeigt. Die „Entlastung“ müsse schnell kommen, sagte sie. Denn:
„Die hohen Kraftstoffpreise sind eine massive Belastung für die Bürgerinnen
und Bürger und die Wirtschaft.“ Vor allem aber sind sie in dem Flächen- und
Niedriglohnland Mecklenburg-Vorpommern einer der größten Aufreger. Und
Schwesig hat ein Gespür für Aufreger. Immerhin das wird durch das
Wahlergebnis bestätigt.
20 Sep 2026
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(DIR) Rainer Rutz
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