# taz.de -- „Theaternatur Festival“ im Harz: Wo Zwerge friedlich streiten
       
       > Das Festival „Theaternatur“ im Harz übt, kurz vor der Landtagswahl in
       > Sachsen-Anhalt, Dialog über Meinungsgrenzen hinweg. Plädoyer für eine
       > Streitkultur.
       
 (IMG) Bild: Streiten und vertragen: (Zwergen-)Männer am (Stamm)tisch
       
       Nicht wie Bewohner einer Kleinmänner-WG, die sich mit gleichgesinnter
       Heiterkeit in Freizeitritualen vom Untertagejob erholt, sondern einander
       entfremdet kommen die Figuren bei der Eröffnung des 12. „Theaternatur
       Festivals“ auf die Waldbühne in Benneckenstein. Das ist eine halbrunde
       Freilichtarena mit fast 500 Sitzplätzen, zwei Kilometer entfernt vom
       Dreiländereck im Harz.
       
       In dieser [1][ehemaligen Bergbauregion] mit ihrer noch nicht geheilten
       West-Ost-Zerrissenheit funktioniert die zerbrochene
       Bergarbeitergemeinschaft der erwähnten Schneewittchenzwerge als
       Identifikationsobjekt und als Beispiel fürs allgemeine Unbehagen an einer
       Kultur der Ab- und Ausgrenzung.
       
       Solch regional verankerte, an klassische Stoffe angedockte
       Auseinandersetzungen mit den blühenden Problemlandschaften der Welt
       zeichnet die Eigenproduktionen dieses Festivals der freien darstellenden
       Künste aus. Die Uraufführung „Irgendwas mit: Schneewittchen! Alles was ich
       dir nicht glaube“ von Regisseur Benjamin Junghans und Dramaturgin Rosa
       Rieck ist ein herausragendes Beispiel für das Motto „un|verbunden?“.
       
       „Aber es ist nicht klar, ob wir so etwas auch nächstes Jahr noch machen
       können“, sagt Festivalleiter Jan-Hendrik Hermann. Denn die Waldbühne liegt
       auf der östlichen Seite der einstigen innerdeutschen Grenze: in
       Sachsen-Anhalt.
       
       Dort finden am 6. September [2][Landtagswahlen] statt. Den Wahlkreis rund
       um die ehemalige CDU-Hochburg Benneckenstein hat bei der Bundestagswahl
       2025 die AfD mit 38,4 Prozent gewonnen, aktuelle Prognosen klingen noch
       desaströser. In Benneckenstein wehen viele Deutschlandfahnen.
       
       [3][Mit Kultur will die AfD Sachsen-Anhalt] nach einem Wahlsieg für „für
       eine patriotische Wende“ sorgen. Fördergelder seien nur noch an
       Einrichtungen zu vergeben, die zuvor ein „Bekenntnis zur deutschen
       Nationalkultur“ abgäben. Zu dieser Gesinnungskontrolle und Gleichschaltung
       wären die Macher der ästhetischen und inhaltlichen Festivalvielfalt eher
       nicht bereit. Obwohl das Land laut Hermann bereits 45.000 Euro für die
       Festivalausgabe 2027 vom Land zugesagt hat, stehen die auf der Kippe, weil
       die Bewilligung nur vorbehaltlich der Haushaltslage gilt.
       
       Fraglich sei auch, ob nach einem AfD-Wahlsieg Lotto Sachsen-Anhalt erneut
       47.000 Euro zuschieße, ob Stiftungen und Geldinstitute weiter unterstützen
       und 50 regionale Sponsoren aktiv bleiben würden, die derzeit mehr als ein
       Drittel zum 250.000-Euro-Etat beitragen. Dass zeitgenössisches Theater vor
       Ort schon jetzt nicht nur Liebhaber hat, zeigt [4][Vandalismus] vor der
       Eröffnung: „Theaternatur“-Banner wurden aufgeschlitzt, ein eingeritztes
       Hakenkreuz musste entfernt werden.
       
       Unter den 20 Schauspiel-, Performance-, Musik- und Tanzgastspielen des
       Festivals befindet sich durchaus das, was die AfD wohl mit Begriffen aus
       ihrem Regierungsprogramm – als „antideutsche Kunst“ oder
       „International(istisch)es“ – diskreditieren würde, etwa das Dokumentarstück
       [5][„Radikal Jung – Rechtsextremismus unter Jugendlichen“], vom Berliner
       Kollektiv Polyformers mit Harzer Jugendlichen neu eingerichtet. Oder das
       „German Songbook“-Konzert, in dem Volkslieder in die Klangkultur von Jazz
       und Tango überführt werden.
       
       Auch das Gastspiel „#armutsbetroffen“ (Lichthof Theater Hamburg) ist kein
       schwarz-rot-goldener Jubelabend. Möchte „Theaternatur“ ein offensives
       Anti-AfD-Festival sein? „Auf keinen Fall“, sagt Festivalleiter Hermann.
       Seine Sehnsucht gilt dem sozialen Mehrwert des Theaters, unterschiedliche
       Menschen zusammenzubringen, etwa Wähler der AfD und der Linken mit den
       Aufführungen in andere Perspektiven eintauchen zu lassen und Lust an der
       gemeinsamen Befassung mit der Welt zu wecken. Das Theaterfestival als
       gesellschaftlicher Kitt: Darauf laufen die Ansagen und Moderationen
       Hermanns hinaus.
       
       ## Meeting zum 100. Todestag der Prinzessin
       
       Beispielhaft sind die Zwerg:innen in der besagter
       „Schneewittchen“-Befragung. Als eine Art erdverbunden-harmonischer
       Urgemeinschaft werden sie häufig wichtelputzig interpretiert. In der
       Benneckensteiner Version dagegen kommen fünf von ihnen zum 100. Todestag
       der Prinzessin zusammen, die sie zur Haushaltshilfe abgerichtet hatten.
       
       Nun wollen sie gedenken, singen und Erinnerungen abgleichen. Dabei wird
       deutlich: Jede:r hat die Umstände ihres Todes, der zum Auseinanderfallen
       der Clique führte, anders wahrgenommen. Inzwischen sind alle völlig
       unterschiedlich denkende, meinende, fühlende Wesen.
       
       Was sie einzig noch eint, ist ihre Haltlosigkeit im Hier und Heute. Das
       wird beim Anstimmen von „Ebony and Ivory“ sofort deutlich und der Vortrag
       des Popstatements für die [6][Eintracht diverser Hautfarben] schnell wieder
       abgebrochen. Zuvor ist von Schneewittchen die Rede als Zuwanderin, der
       Schutz und eine neue Heimat geboten wurde.
       
       ## Der Mut, im Gespräch zu bleiben
       
       Ihre Fremdheit aber sei zu integrieren gewesen, was für sie bedeutet habe,
       das streng reglementierte Leben der Zwerg:innen perfekt einzuüben und zu
       bedienen. Bei diesem Vortrag verknäuelt sich der Schauspieler unter einem
       Tisch, um die geistige Enge des Gesagten physisch zu illustrieren.
       
       Dagegen behaupten weitere Stimmen, was Schneewittchen anders gemacht habe,
       sei eine Aufwertung des eintönigen Alltags gewesen. Natürlich wird
       diskutiert, ob sie nur ein Rollenklischee reproduziert, Erwachsenwerden
       falsch verstanden und als devote [7][Care-Arbeiterin] auf einen
       Märchenprinzen gehofft habe. Gegen diese „scheiß Idee“ eines Happy Ends
       wird eine emanzipierte Variante erdacht: Habe Schneewittchen nicht mal
       gesagt, sie wolle keinesfalls den Rest ihres Lebens für sieben Männer die
       Unterhosen bügeln?
       
       Aber so stark die Meinungen der Zwerg:innen auch auseinander gehen: Sie
       treten immer wieder in den Dialog, hören zu. Streiten. Trennen sich nicht
       endgültig, sondern verabreden ein neuerliches Treffen. Zeigen den Mut, im
       Gespräch zu bleiben.
       
       15 Aug 2026
       
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