# taz.de -- Linken-Politikerin von Angern zur Rente: „Dem Kanzler ist der Osten egal“
       
       > Die Renten-Pläne der Bundesregierung treffen Ostdeutsche in besonderem
       > Maße, sagt die sachsen-anhaltische Spitzenkandidatin der Linken, Eva von
       > Angern.
       
 (IMG) Bild: Unsichere Aussichten: Altersarmut wird in Ostdeutschland ein deutlich größeres Problem werden
       
       taz: Frau von Angern, finden auch Sie, das Rentenpaket sollte noch einmal
       aufgeschnürt werden? 
       
       Eva von Angern: Auf jeden Fall. Die Rentenkommission hat ein
       Kürzungsprogramm vorgelegt. Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach
       45 Beitragsjahren und die Einschränkungen bei der Altersteilzeit bedeuten
       massive Einschnitte für viele hart arbeitende Menschen.
       
       taz: Sind das die größten Probleme? 
       
       von Angern: Nein, der größte Paradigmenwechsel ist die vorgeschlagene
       Kapitalrente. Damit bricht die Regierung ihr Versprechen einer sicheren
       Rente, wenn diese von den Entwicklungen der Finanzmärkte abhängen. Außerdem
       steigt so wiederum der Druck auf Mieten und Pflegekosten. Das halte ich für
       grundlegend falsch.
       
       taz: Die gesetzliche Rente allein reicht ja oft nicht … 
       
       von Angern: Stimmt, die Kapitalrente soll die Schwächung der gesetzlichen
       Rente ausgleichen. Aber das ist eine Mogelpackung! Denn mit steigendem
       Alter steigt ebenfalls das Armutsrisiko – ganz besonders in Ostdeutschland,
       wo sehr viele Menschen nur die gesetzliche Rente haben.
       
       taz: Was stört Sie an dem Paket noch? 
       
       von Angern: Auch die weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters gehört
       unbedingt auf den Prüfstand. Sie würde Menschen in Ostdeutschland besonders
       hart treffen. Insbesondere in Sachsen-Anhalt bekommen die Menschen sowieso
       schon wenig Rente. 60 Prozent haben für ihren Ruhestand weniger als 1.400
       Euro zur Verfügung. Weder diese Höhe der Rente noch das geplante Vorhaben
       schützen vor Altersarmut – und sie kostet den Sozialstaat letztlich viel
       mehr, als sie einsparen.
       
       taz: Wieso das? 
       
       von Angern: Ganz einfach: Armut kostet. Wer arm ist, ist in einem
       schlechteren gesundheitlichen Zustand, ist auf familiäre Unterstützung
       angewiesen oder muss weitere Leistungen des Sozialstaates in Anspruch
       nehmen. Allein beim Wohngeld sehen wir einen massiven Anstieg: Im Jahr 2016
       haben in Sachsen-Anhalt 9.116 Rentnerinnen und Rentner Wohngeld bezogen.
       2024 waren schon 33.723 dazu gezwungen, weil ihre Rente für die Wohnkosten
       einfach nicht ausreicht. Auch bei der Grundsicherung im Alter klettern die
       Zahlen seit Jahren weiter in die Höhe. Hinzu kommt: Wer keine finanziellen
       Mittel hat, geht wahrscheinlich nicht ins Theater, besucht keine
       Sportprogramme oder geht mal auf einen Kaffee aus. All das würde unsere
       regionale Wirtschaft und damit auch unsere Steuereinnahmen stabilisieren.
       
       taz: Das heißt, Sie stimmen als Linke der SPD-Politikerin Manuela Schwesig
       und ausnahmsweise auch den CDU-Politikern zu? 
       
       von Angern: Ja, jedenfalls in der Kritik, dass die ostdeutsche Perspektive
       außen vor gelassen wurde. Nur wenige hier hatten in der DDR die
       Möglichkeit, ein Vermögen aufzubauen oder Vorsorgeleistungen in Anspruch zu
       nehmen. Hinzu kommt, dass die Erwerbsbiografien im Osten durch Umbrüche,
       Arbeitslosigkeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geprägt sind. All das
       bestraft der Reformvorschlag noch.
       
       taz: Ist es nicht etwas wohlfeil, dass Mitglieder der kapitalistischen
       Partei, die für die ungerechte Wende zur Zeit von Helmut Kohl und die
       Verarmung vieler Ostdeutschen verantwortlich ist, nun behaupten, etwas für
       Rentner in Ostdeutschland tun zu wollen? 
       
       von Angern: Dass sich die CDU-Ministerpräsidenten kurz vor den Wahlen als
       Kämpfer für die Beschäftigten aufspielen, ist an Scheinheiligkeit nicht zu
       überbieten. Es würde mir dennoch zu denken geben, wenn sie dieses
       Rentenpaket einfach so hingenommen hätten. Schließlich würde es zu großen
       Verschlechterungen und Unsicherheiten in der Bevölkerung führen. Sie machen
       ihren Job nicht gut, aber immerhin regt sich in ihnen überhaupt etwas. Dem
       Bundeskanzler ist der Osten egal.
       
       taz: Gewisse Einsparungen gebietet der demografische Wandel aber schon,
       oder? Immerhin gibt es immer weniger einzahlende Junge als
       rentenberechtigte Alte … 
       
       von Angern: Das sehen wir als Linke anders. Bei der Rente haben wir – wie
       in vielen anderen Bereichen auch – ein Einnahmeproblem. Unser Konzept sieht
       mehr Solidarität vor. Wir wollen, dass alle in die Rentenkassen einzahlen;
       also auch Beamtinnen und Beamte, Abgeordnete und Ministerpräsidentinnen und
       -präsidenten. Mit einer solidarischen Erwerbstätigenversicherung können wir
       die Rentenversicherung finanziell auf sehr viel stabilere Beine stellen.
       Außerdem müssen wir an die Beitragsbemessungsgrenze ran.
       
       taz: Was wollen Sie daran ändern? 
       
       von Angern: Die muss mindestens verdoppelt werden, damit sich Menschen mit
       hohen Einkommen gerechter beteiligen. Ein Beispiel: Wer 10.000 Euro im
       Monat verdient, sollte auch auf 10.000 Euro Rentenbeiträge zahlen.
       Gleichzeitig wollen wir besonders hohe Rentenansprüche abflachen, die sich
       dadurch ergeben würden. Wir wollen sozusagen eine Maximalrente festlegen,
       damit sich das im Alter ausgleicht.
       
       taz: Fehlt in dieser Debatte die Geschlechterdimension? 
       
       von Angern: Frauen erhalten nicht nur niedrigere Löhne, sondern damit
       verbunden auch eine niedrigere Rente. Bei uns in Sachsen-Anhalt beziehen
       Männer durchschnittlich 1.457 Euro, Frauen nur von 1.250 Euro, wie eine
       [1][Kleine Anfrage der Linken im Landtag] gezeigt hat. Trotzdem leisten
       Frauen nach der Lohnarbeit unbezahlte Sorgearbeit für ihre Familie. Der
       Vorschlag der Bundesregierung bedeutet für Frauen noch längeres Arbeiten
       bei durchschnittlich schlechterem Lohn und weniger Freizeit.
       
       taz: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Frauen in Ost- und
       Westdeutschland? 
       
       von Angern: In Ost und West galten früher andere Vorstellungen von Familie
       und Arbeit. In der DDR sollten Frauen auch im Alter eigenständig sein
       können und haben andere Ansprüche gehabt als ihre Schwestern im Westen. Bei
       der Rentenüberleitung im Zuge der Wiedervereinigung wurde das jedoch nicht
       berücksichtigt. Die Folge: Frauen, die wenig oder gar nicht arbeiten
       konnten, sind heute im besonderen Maße von Armut betroffen. Ein
       Gerechtigkeitsfonds, der regelmäßige Ausgleichszahlungen zwischen den
       Rentenmodellen der DDR und der heutigen BRD schafft, wäre eine echte
       Verbesserung gewesen. Doch die Bundesregierung hat leider versäumt, sich
       mit diesen Problemen zu beschäftigen.
       
       taz: Jetzt, wo Kritik am Rentenpaket tatsächlich von allen politischen
       Seiten und sogar aus den eigenen Reihen kommt: Wird die Bundesregierung es
       aufschnüren – was ist Ihre Prognose? 
       
       von Angern: Der Bundeskanzler hat es bisher immer wieder geschafft, groß
       angekündigte Reformen zu vermasseln, und er hat es immer wieder geschafft,
       uns mit seinen Fehltritten zu überraschen. Ihm fehlt der Rückhalt in der
       Union, und gerade die Ostlandesverbände, die letztes Jahr klar hinter ihm
       standen, drehen ihm jetzt den Rücken zu. Das zeigt nicht nur, wie
       zerstritten die Union intern ist, sondern auch dass sie es nicht schaffen,
       die Interessen Ostdeutscher zu berücksichtigen. Ich kann nur hoffen, dass
       die Bundesregierung die massive Kritik an den Kürzungsvorschlägen ernst
       nimmt und beim Rentenpaket eine Kehrtwende einleitet.
       
       7 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://padoka.landtag.sachsen-anhalt.de/files/drs/wp8/drs/d6302dak.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotte Laloire
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Rente
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Friedrich Merz
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Arbeitszeit
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Rente
 (DIR) Rente
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ende des Blockmodells der Altersteilzeit: „So eine drastische Einschränkung ist mehr als fahrlässig“
       
       Vier von fünf Beschäftigten in Altersteilzeit nutzen dafür das sogenannte
       Blockmodell. Schwarz-Rot will die Möglichkeit abschaffen, die Linke
       kritisiert das.
       
 (DIR) Eva von Angern: Selbst ihr Kater ist ein Konservativer
       
       Eva von Angern führt die Linke in Sachsen-Anhalt. Mit der Union arbeitet
       sie pragmatisch zusammen – auch gegen Widerstand aus der eigenen Partei.
       
 (DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Stadt, aus der ich weggegangen bin
       
       Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen. Vor
       den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen der AfD.
       
 (DIR) Streit um Rente mit 63: Passgenauer Populismus
       
       Plötzlich wollen prominente Teile von CDU und SPD die abschlagsfreie Rente
       erhalten. Doch von ihr profitieren nicht die, die es eher nötig hätten.
       
 (DIR) Debatte über Reform: Ostdeutsche Politiker wollen abschlagsfreie Rente behalten
       
       Die drei CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt, Michael Kretschmer und Sven
       Schulze wehren sich gegen die Pläne der eigenen Bundesregierung. Warum das?
       
 (DIR) Linke in Sachsen-Anhalt: Die „konstruktive Opposition“ im Wahlkampf
       
       Die Linke zeigt sich als sozialer Gegenpol zur CDU. Sie schließt aber nicht
       aus, eine Mehrheit gegen die AfD zu beschaffen. Gelingt der Spagat?