# taz.de -- Nathanael Liminski über seine CDU: „Wir müssen in der Lage sein, besser zu argumentieren“
> Im Kampf gegen die AfD fordert der Chef der Staatskanzlei in NRW mehr
> Selbstbehauptung der Union. Dem Portal Nius würde er kein Interview
> geben.
(IMG) Bild: Niemand in der CDU-Führung will eine Zusammenarbeit mit der AfD, sagt Nathanael Liminski, hier rechts neben Friedrich Merz
taz: Herr Liminski, würden Sie dem [1][rechten Onlineportal Nius] ein
Interview geben?
Nathanael Liminski: Nein.
taz: Warum nicht?
Liminski: Weil ich dort keine ausreichende Selbstverpflichtung auf
journalistische Standards erkennen kann. Nius verfolgt eine politische
Agenda, die journalistische Aufmachung scheint mir eher Anstrich zu sein.
taz: Sie haben 2025 gefordert, die CDU müsse eine Antwort auf die
rechtspopulistische Öffentlichkeit finden. Hat sie die gefunden?
Liminski: Wir leben in einer von [2][sozialen Medien] und Messengern
geprägten Empörungsdemokratie. Die dort aufgeworfenen Fragen kann man aber
nicht einfach als rechtes Geschwätz abtun. Man muss sie ernst nehmen und
Antworten geben. Das ist anstrengend, kostet Ressourcen, Kraft und Zeit.
taz: Hat die CDU eine Strategie für den Umgang mit der AfD?
Liminski: Politische Klarheit und sachliche Konsequenz. Friedrich Merz hat
die Haltung der CDU nach der Vorstandsklausur klar zum Ausdruck gebracht.
Die AfD ist ein Angriff auf alles, was Konrad Adenauer seinerzeit
geschaffen hat.
taz: Die Gegenerzählung ist: Die Mitte hat sich nach rechts verschoben,
aber die CDU darf wegen der Brandmauer immer nur Koalitionen mit linken
Parteien wie SPD oder Grünen eingehen. Was antworten Sie?
Liminski: Stimmungen in der Bevölkerung sind kein Naturgesetz. Wir müssen
den Anspruch haben, den Zeitgeist zu prägen. Dem Volk aufs Maul zu schauen
und ihm nachzureden, ist nicht mein politischer Anspruch. Und man sollte
den Gesängen über vermeintliche bürgerliche Mehrheiten rechts der Mitte
nicht erliegen, sondern sich im Klaren sein, wessen Geistes Kind die AfD
ist. Die AfD will die CDU zerstören und unsere liberale Demokratie in ihren
Grundfesten verändern. Da wird Stauffenbergs mutiges Attentat mit den
Worten, „wenn man ihn mal wirklich braucht“, missbraucht, um gegen den
Kanzler zu hetzen – und der AfD-Saal johlt.
taz: Auf Bundesebene erleben wir einen Zickzackkurs: mal klare Abgrenzung,
mal eine gemeinsame Abstimmung mit der AfD im Bundestag. Wo ist da die
Strategie?
Liminski: Der Umgang mit der AfD im Januar 2025 war ein Fehler.
taz: Also die Entscheidung, im Bundestag über Anträge und einen
Gesetzentwurf abzustimmen, der nur mit der AfD eine Mehrheit hatte.
Liminski: Ja, das war ein Fehler. Das habe ich damals schon gesagt. Ich
finde aber, dass der Bundeskanzler beim Parteitag in Stuttgart klare Worte
gefunden hat. Er hat sich dazu bekannt, Unterstützung für seine Politik
einzig in der Mitte zu suchen. Das hätten ihm nicht alle zugetraut.
taz: Wird sich der Januar 2025 auf keinen Fall wiederholen?
Liminski: Ich kenne niemanden in der CDU-Führung, der eine wie auch immer
geartete Zusammenarbeit mit der AfD will. Ob nun die CDU-Wahlkämpfer oder
die -Spitzenkandidaten der anstehenden Wahlen: Alle waren und sind klar in
der Ablehnung der AfD und teilen die Festlegung der CDU auf die Mitte.
taz: Aber noch mal: Wo ist die Strategie der CDU?
Liminski: Die CDU ist eine vielfältige und föderale Partei, die Ansätze
sind unterschiedlich. Wir in NRW gehen unter Führung von [3][Hendrik Wüst]
das Thema von verschiedenen Seiten an: Wir sind klar in der Abgrenzung zur
AfD und bemühen uns zugleich um ihre Wähler. Wir machen die Räume für die
AfD thematisch eng – etwa mit einer klaren Politik für innere Sicherheit,
mit einem starken Profil in der Sozialpolitik, mit einer unideologischen
Schulpolitik. Das schränkt die Möglichkeiten der AfD ein, Wut, Zorn, Angst
zu schüren. Zudem arbeitet die Regierung sach- und ergebnisorientiert.
Diese Mischung zeitigt bisher einen gewissen Erfolg.
taz: Die AfD liegt in Umfragen in NRW bei 17 Prozent, im Bund vor der CDU,
in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent. Uns wundert, wie ruhig Sie sind.
Liminski: Natürlich treibt mich diese Frage um, aber Panik hilft nicht
weiter. Wir müssen als Mitte zeigen, dass wir um unsere Demokratie kämpfen.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist noch nicht entschieden.
taz: In der CDU in Ostdeutschland gibt es auch andere Stimmen. Die AfD
könnte in Magdeburg versuchen, ein paar CDU-Abgeordnete auf ihre Seite zu
ziehen. Wie gefährlich ist das?
Liminski: Die Gefahr einer Spaltung sehe ich bei der AfD viel eher als bei
der CDU.
taz: Ihr Parteifreund, der Historiker Andreas Rödder, sieht darin eine
Chance. Er will an die AfD Bedingungen für eine Zusammenarbeit stellen und
diese so spalten, in einen extremistischen und einen weniger radikalen
Teil, mit dem man zusammenarbeiten könnte.
Liminski: Ich habe nicht gesagt, das Ziel der Union sollte sein, die AfD zu
spalten, um mit einem Teil zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis unserer Politik
muss sein, möglichst viele der AfD-Wähler wieder für das demokratische
Spektrum zu gewinnen. Das ist ein Unterschied.
taz: Ihre Ministerkollegen Karl-Josef Laumann und Herbert Reul haben
angekündigt, im Falle einer Zusammenarbeit mit der AfD aus der CDU
auszutreten. Sie auch?
Liminski: Erst einmal ist die Klarheit der beiden ein Beleg für die
Abgrenzung der CDU zur AfD. Ich selbst will nicht über den Austritt aus der
Partei spekulieren, die meine politische Heimat ist. Ich will meinen
Beitrag dazu leisten, dass die CDU Populismus und Extremismus erfolgreich
zurückdrängt.
taz: Wir haben den Eindruck, die CDU fährt beim Umgang mit der AfD auf
Sicht.
Liminski: Welche Partei nicht? Es gibt eben keine Weltformel. Die haben
unsere Partner in Polen, in Frankreich oder in Italien auch nicht. Das
Phänomen ist vielschichtig. Wir müssen anerkennen, dass der
Rechtspopulismus in unserem Land keine Zeiterscheinung ist. Er wird nicht
verschwinden, nur weil eine Regierung ordentlich funktioniert. Er ist auch
in Deutschland inzwischen in verschiedenen Teilen der Gesellschaft tief
verwurzelt. Es ist schwierig, manche Menschen noch zu erreichen. Das ist
nicht nur ein Problem der CDU. In Ludwigshafen haben bei der Landtagswahl
39 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Darunter sind sehr
viele Arbeiter, da ist auch die SPD gefragt.
taz: Klar, aber die AfD will nicht die SPD spalten, sondern die CDU.
[4][Kann sich die CDU noch klar abgrenzen, wenn in einem Bundesland 40
Prozent AfD wählen?] Wenn das in der Familie, im Freundeskreis, bei der
Arbeit normal ist?
Liminski: Allein die rhetorische Abgrenzung zu den vermeintlichen
Schmuddelkindern reicht nicht. Man muss die Ablehnung dieser Partei
begründen und ein attraktives Gegenangebot machen. Der Begriff Brandmauer
ist da missverständlich. Die verhindert im besten Fall, dass der Brand
übergreift, aber sie löscht ihn nicht. Man muss den Brandherd bekämpfen.
taz: Sie fordern dazu mehr intellektuelle Selbstbehauptung der CDU gegen
die AfD. Was bedeutet das?
Liminski: Dass wir den Kampf um die Köpfe ernst nehmen und aus der
Defensive in die Offensive gehen. Nehmen wir das Beispiel Europa: Wenn der
CDU beim Thema Europa nichts anderes einfällt als „Ja, aber“ und über
Europa nur noch im Kontext von Bürokratieabbau gesprochen wird, dürfen wir
uns nicht wundern, wenn immer weniger dem europäischen Projekt zustimmen.
Nach meiner festen Überzeugung ist bei zentralen Fragen nicht weniger,
sondern mehr Europa notwendig. Und wenn man das bei mehr Verteidigung für
Sicherheit oder mehr Binnenmarkt für Wettbewerbsfähigkeit gut begründet,
stimmt auch ein kritisches konservatives Publikum zu. Die Zeit der
Selbstverständlichkeiten ist vorbei. Wir müssen in der CDU in der Lage
sein, besser zu argumentieren. Und so die Partei für die
Auseinandersetzungen am Wahlkampfstand und im Netz innerlich härten.
taz: In NRW gibt es Karl-Josef Laumann, einen prägnanten Vertreter des
Sozialflügels CDA. Im Bund dominieren hingegen weiterhin
Wirtschaftsliberale, auch wenn Friedrich Merz mit Franziska Hoppermann eine
CDA-Vertreterin zur Generalsekretärin gemacht hat. Hat sich die CDU zu sehr
verengt?
Liminski: Karl-Josef Laumann ist stellvertretender Bundesvorsitzender. Mit
Franziska Hoppermann hat jetzt eine weitere starke Stimme des
Arbeitnehmerflügels das zentrale Amt der Generalsekretärin im
Konrad-Adenauer-Haus inne. Und es gibt auch andere profilierte Vertreter
des Sozialflügels, CDA-Chef Dennis Radtke zum Beispiel.
taz: Der sitzt in Brüssel und dringt zum Kanzler nicht durch.
Liminski: Damit ist sicherlich nicht alles getan. Wir müssen unsere Kräfte
besser verbinden und Christdemokraten auf allen Feldern präsentieren.
taz: Das heißt?
Liminski: Relevante Themen mehr mit profilierten Köpfen bespielen. Da
werden die Sphären Europa, Bund, Länder und Kommunen zu stark getrennt.
taz: Also sollte man unter anderem Hendrik Wüst, Ihren Ministerpräsidenten,
mehr in den Vordergrund stellen?
Liminski: Es geht mir bei dem Punkt nicht um meinen Chef Hendrik Wüst, aber
warum nicht für bestimmte Themen auch Ministerpräsidenten als Kopf der CDU
hinstellen. Oder einen Minister der CDU, der in einem Land für das
jeweilige Thema zuständig ist. Was mache ich, wenn das Ministerium im Bund
durch den Koalitionspartner besetzt ist? Hat die CDU dann keine Antwort?
Wir müssen auch die Vereinigungen stärker einbinden. Die Junge Union hat ja
bei der Rentendiskussion gezeigt, welche Rolle sie spielen kann. Im
Zusammenwirken von CDU-Vertretern in Regierung, Fraktionen oder Partei ist
noch Luft nach oben.
taz: In Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein, beide Schwarz-Grün
regiert, sind die Umfragewerte der AfD im Vergleich eher niedrig. Ist eine
liberale CDU im Kampf gegen radikal Rechte erfolgreicher?
Liminski: Auf jeden Fall ist die These widerlegt, dass eine Koalition mit
den Grünen ein Brandbeschleuniger für die Rechtspopulisten sei. Das müssen
manche in der Union erst einmal verdauen, anerkennen, quittieren und
Schlüsse daraus ziehen. Es ist ein Vorteil der Union, mit allen
demokratischen Parteien koalitionsfähig zu sein. Dazu muss man in der Lage
sein, Kompromisse zu machen. Kompromisse sind der Fortschrittsmotor in
einer Demokratie und kein notwendiges Übel. Kompromissfähigkeit ist
wertvoll.
taz: Kommen wir noch zu einem möglichen AfD-Verbot. Die Gesellschaft für
Freiheitsrechte hat ein 1.600-Seiten-Gutachten erstellt, das nahelegt, dass
ein solches Verfahren erfolgreich wäre. Unterstützen Sie ein
Verbotsverfahren gegen die AfD?
Liminski: Dieses Gutachten ist ein wichtiger Beitrag, den man sorgfältig
prüfen muss. Ein AfD-Verbot betrachte ich in erster Linie als juristische
und nicht als politische Frage. Wenn man dieses schärfste Schwert unseres
Grundgesetzes zücken will, müssen die juristischen Voraussetzungen erfüllt
sein. Wenn sie es sind, muss man das Verbot auch beantragen.
taz: Das Bundesverfassungsgericht entscheidet über ein AfD-Verbot, aber
beantragen müssten es die Verfassungsorgane. Wird sich NRW im Bundesrat für
ein Verbotsverfahren einsetzen?
Liminski: Wer diese Diskussion jetzt führt, ohne vorher die juristische
Frage sorgfältig zu klären, muss sich fragen, wie ehrlich seine Absichten
sind. Will man der Demokratie einen Dienst erweisen? Oder führt man diese
Diskussion wegen der Geländegewinne für die eigene Partei? Mir ist wichtig,
dass wir zuerst andere Möglichkeiten ausschöpfen.
taz: Sie sagen, wenn die AfD verfassungsfeindlich ist, gibt es auch eine
gewisse Pflicht ein Verbotsverfahren einzuleiten. Jetzt sagen Sie, man
müsse erst die politischen Möglichkeiten ausschöpfen. Ist das kein
Widerspruch?
Liminski: Nein. Wir sind auch verpflichtet, eine politische Antwort zu
geben. Und wir müssen den Grad der Politisierung eines Verbotsverfahren so
gering wie möglich halten, weil sonst schnell der Vorwurf der Willkür zur
Hand ist.
taz: Würde NRW einen Vorstoß für ein AfD-Verbotsverfahren im Bundesrat nun
unterstützen oder nicht?
Liminski: Die Frage kann man erst beantworten, wenn vorher fachlich
umfassend geprüft wurde, ob die Voraussetzungen für ein Verbotsverfahren
erfüllt sind. Und schon für diese Prüfung bräuchte es einen konzertierten
Ansatz aus der Mitte mit Beteiligung von Behörden auf Bundes- und
Landesebene. Das zeigen die Erfahrungen aus vergangenen Verbotsverfahren.
taz: Und wenn keiner sich traut und so der Zeitpunkt verpasst wird, an dem
ein Verbotsverfahren noch möglich ist?
Liminski: Ich gehöre nicht zu den Christdemokraten, die sagen, über ein
AfD-Verbot dürfe man gar nicht nachdenken. Noch einmal: Wenn unser
Grundgesetz das Instrument vorsieht und eine Partei die Voraussetzungen
dafür erfüllt, ist es unsere verdammte Pflicht.
7 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Satirischer-Brandbrief-an-Julia-Kloeckner/!6105214
(DIR) [2] /Social-Media/!t5016486
(DIR) [3] /Hendrik-Wuest/!t5810297
(DIR) [4] /Konservative-Rechtsdrift/!6170336
## AUTOREN
(DIR) Sabine am Orde
(DIR) Stefan Reinecke
## TAGS
(DIR) CDU/CSU
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) GNS
(DIR) wochentaz
(DIR) NRW
(DIR) Hendrik Wüst
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Konservatismus
(DIR) Armin Laschet
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Stadt, aus der ich weggegangen bin
Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen. Vor
den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen der AfD.
(DIR) Nachfolge von CDU-General Linnemann: Hopper – wer?
Die Hamburgerin Franziska Hoppermann ist die neue CDU-Generalsekretärin.
Sie wird dem liberalen Flügel zugeordnet. Ganz so liberal ist sie dann aber
doch nicht.
(DIR) Publizist zu konservative Rechtsdrift: „Die Milieugrenzen sind fließend“
Schon 2015 warnte der Publizist Andreas Püttmann vor einer
Rechtsradikalisierung der Union. „Die Nashörner kommen“, nannte er seinen
Text. Was sagt er heute?
(DIR) Nathanael Liminski in NRW: Die rechte Hand Laschets
Nathanael Liminski ist Chef der NRW-Staatskanzlei, Armin Laschets engster
Vertrauter und sehr konservativ. Manche sehen ihn im Kanzleramt.