# taz.de -- Vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Ein Raumschiff in Bollewick
> Bollewick galt als stinkendes Gülledorf und ist heute Vorbild für
> Strukturentwicklung im ländlichen Raum. Wie kriegt man so was hin? Durch
> Größenwahn.
(IMG) Bild: Sitzt am Steuer: die Bürgermeisterin Antje Styskal vor der Scheune Bollewick
Es ist, wie es immer ist in Mecklenburg-Vorpommern, sympathisch-surreal.
Fährt man an einem normalen, leicht regnerischen Dienstagmorgen im Juli von
der B 198 ab und die schnurgerade Straße entlang, wirkt Bollewick erst mal
unscheinbar. Dabei gibt es hier mindestens zwei Attraktionen: Erstens ist
der Ort bekannt als [1][Bioenergiedorf], wo Biogasanlagen Haushalte,
regionale Betriebe und kommunale Gebäude mit Wärme versorgen. Zweitens
steht hier die größte Feldsteinscheune Deutschlands. Hier, irgendwo
zwischen Neustrelitz und dem Bärenwald Müritz.
Der Parkplatz ist rappelvoll. Hinten ein Kitagebäude inklusive Spielplatz,
dort ein abgesperrter Haufen überdimensionaler Steine, und dann ist sie
nicht zu übersehen, die Feldsteinscheune. Sie wirkt zu groß für alles, was
es sonst hier gibt. Wie ein Raumschiff, das versehentlich gelandet ist. Für
die 125 Meter vom einen Eingang bis zum anderen braucht man in Minuten
gemessen knapp zwei.
Die Scheune Bollewick ist einer der wenigen Superlative in
Mecklenburg-Vorpommern, die positiv ausfallen. Die negativen: Nirgendwo
anders verdient man [2][einem Gehaltsreport zufolge] so wenig wie hier, und
mehr als [3][jede zweite Gemeinde] gilt als „sehr schlecht“ versorgt. Kein
Wunder, dass Mecklenburg-Vorpommern im [4][sogenannten Glücksatlas] auf dem
letzten Platz liegt. Was soll dann so eine Scheune?
Wer ihr Dimension verstehen will, muss das Drumherum sehen. Sie liegt in
der Mecklenburgischen Seenplatte, dem flächenmäßig größten Landkreis
Deutschlands. Hier passt 18-mal die Stadtfläche Münchens rein oder 6-mal
Berlin, während hier gerade mal so viele Menschen leben wie in Spandau. In
der Seenplatte liegt Bollewick, 600 Einwohner, und gilt als
Vorzeigebeispiel für Strukturentwicklung im ländlichen Raum.
## Waffelgeruch am Eingang
Am Eingang der Scheune hängt Waffelgeruch. Das Herzstück, der
Veranstaltungsraum, wirkt sehr groß und ist dennoch nur ein kleiner Teil
der restlichen 10.000 Quadratmeter, heute dunkel, die Bühne leer, ein paar
Menschen sitzen herum. Ansonsten stehen hier viele Hütten, die aussehen,
als würde man sie vor allem bei Weihnachtsmärkten verwenden. Das muss jetzt
mal jemand erklären. Wer trägt hier die Verantwortung? Am Steuer des
Raumschiffs sitzt Antje Styskal.
Styskal ist seit 2019 Bürgermeisterin von Bollewick. Ist sie Bollewickerin?
Nein, sie stammt ursprünglich aus Dresden, geboren 1967. Wollte sie schon
immer Bürgermeisterin werden? Auch nein, sie hat Krankenschwester gelernt.
Hat sie wenigstens Bezüge in die Region? Zum dritten Mal nein. Außer
vielleicht, dass sie auch Ossi ist, wie sie sagt. Zwar zog sie nach der
Wende zum Arbeiten über Bayern in die Schweiz und war froh, dass das
Ossisein endlich keine Rolle mehr spielte. Zurück in Deutschland habe ihr
der sächsische Dialekt geholfen anzukommen. Und zwar in
Mecklenburg-Vorpommern, genauer Bollewick.
Weil Styskal ist, wie sie ist, wollte sie nicht nur wohnen, sondern sich
auch beteiligen. Erst in der freiwilligen Feuerwehr, dann bei Dorffesten,
dann in der Gemeindevertretung –und wieso nicht gleich als Bürgermeisterin?
Seit sieben Jahren ist sie jetzt im Amt.
Ihr Vorgänger hatte das Bioenergiedorf vorangetrieben, hat die Landwirte
dafür begeistert, die sich in anderen Regionen angeschaut haben, wie sie
das dort umgesetzt haben. Erkenntnis: Das geht! Aber wie? Wie überzeugt man
am besten? Styskal erklärt sich das auch damit, dass ein Betrieb von einem
Holländer geführt wird, ein anderer von einem Wessi. „Natürlich war das für
viele erst mal extrem beängstigend, auch mit dieser neuen Gesellschaft und
mit neuen Strukturen umzugehen. Für Menschen aus dem Westen, die diese
wirtschaftlichen Prozesse bereits kannten, mag das weniger problematisch
gewesen sein.“ Drei Landwirtschaftsbetriebe haben letztendlich
Biogasanlagen gebaut. Eine Großabnehmerin der Wärme, die entsteht, ist die
Scheune selbst. „Ansonsten ist es häufig in dörflichen Strukturen so, dass
der Aufwand für die Leitungsverlegung, die Hausanschlüsse und so weiter zu
groß ist.“
Heute führt sie durch die Scheune. Es gibt eigentlich alles. Ein Café, ein
Restaurant und ein Hotel mit 60 Betten. Das Standesamt hat hier eine
Außenstelle. Die Feuerwehr hat ein Fahrzeug unten geparkt. Die
Dorfsportgruppe trifft sich hier. Im ersten Stockwerk eine Ausstellung mit
Linolschnitten des Künstlers Werner Schinko. Am Wochenende gibt es einen
Abiball. Im Spielzimmer wurde Altes wieder verbaut, die Kinderrutsche stand
mal woanders. In seltenen Momenten ist Styskal – Heilpraktikerin von
Hauptberuf, Büro im oberen Stockwerk – auch alleine hier. Angst will sie
noch nie gehabt haben. „Es ist ein warmer Ort, an dem man gerne ist“, sagt
sie, während hinter ihr ein Labrador vorbeiläuft. Auf dem Klo steht ein
Extraabfalleimer für Windeln.
Styskal geht mit selbstsicherem Schritt voran. Fragt man sie vorsichtig, ob
sie das nicht alles ein bisschen größenwahnsinnig findet für so ein kleines
Dorf, sagt sie nur: „Ja, natürlich.“ Und erzählt die Geschichte der
Scheune, erbaut 1881 vom bereits 76-jährigen Baron von Langermann zu
Erlenkamp und Spitzkuhn, der ein „Landwunder“ haben wollte. Über Jahre
wurde die Scheune vom Kuhstall für 650 Tiere zum Menschenaufenthaltsort und
steht nun in einem Bioenergiedorf, das über Energienutzung, Nachhaltigkeit
und regionale Wertschöpfung lehrt. Biogasanlagen versorgen mit Wärme, der
Strom kommt von Solaranlagen.
Dass so etwas mal in Bollewick existiert, hätte man in den Neunzigern wohl
nicht gedacht, als 1990 die LPG nach der Wende zumachte. Überall stank es.
„Das Dorf war verschrien als stinkendes Dorf, weil vorne und hinten Gülle
rauslief“, erklärt Styskal.
ABM-Kräfte sollten das Problem lösen. Mit dem Umbau kam auch Hoffnung und
Arbeit. Denn als später zu einem Handwerkermarkt mehrere Tausend Leute
kamen und es ob des Ansturms zu wenige Dixi-Klos gab, war klar: Das kann
noch was werden.
Weil es Bedarf gab, konnten neue Fördergelder beantragt werden, um den
Innenausbau fortzusetzen. Den Wahnsinn aufzugeben, wäre Wahnsinn gewesen.
Es hat sich gelohnt: Der Wahnsinn ist jetzt, was Menschen anzieht. Auch das
niederländische Königspaar war schon zu Besuch.
Wieso funktioniert das? Auf diese Frage antwortet Styskal nicht direkt.
Aber sie tut es durch viele kleine Erzählungen. Da ist zum Beispiel die
Geschichte, dass sie die erste Zeit als Bürgermeisterin während der
Coronapandemie damit verbracht hat, hier in der Scheune im Nähladen Masken
zu nähen für die freiwillige Feuerwehr.
Styskal wollte aus dem Tourismusort auch einen machen, in dem Einheimische
etwas für sich finden, vor allem Kinder und Jugendliche. Das Thema Bildung
ist ihr wichtig, in der Scheune gibt es Kreativ- und Bildungsangebote für
die Bollewicker. Styskal gewann mit der Idee sogar eine Förderung.
Antje Styskal ist ernst und lustig, skeptisch, trocken und herzlich bei
Witzversuchen, offen bei Nachfragen, bemüht beim Präsentieren ihres Ortes.
So gesehen also doch wie eine typische Mecklenburgerin. Selbst als sie
aufzählt, was hier schon alles stattgefunden hat, bleibt sie gelassen: ein
Treffen des Angler- und des Jagdhundeverbands inklusive Hirschrufer, na
klar. Hochzeiten, na klar. „Der Hit ist momentan aber der Tanztee“, na
klar. Das sei „das beste Mittel gegen Einsamkeit“.
Irgendwie passt es dann halt schon hierher, das Raumschiff. Niemand kann
sich leisten, grantig zu sein – jeder ist Besatzung, jeder wird gebraucht.
Das ist auch Styskals Strategie in der Gemeindevertretung: „Ich will am
Ende nicht die sein, die alleine entscheidet. Als demokratisches Gremium
müssen alle anderen ihre Meinung kundtun können. Wenn jemand mal anderer
Meinung ist, ist das auch okay.“
Aber gibt es nicht doch welche, die alles blöd finden? Immerhin gingen auch
bei der Bundestagswahl 2025 in Bollewick die meisten Zweitstimmen an die
AfD, die mit 33,9 Prozent deutlich vor der CDU lag. Styskal zuckt mit den
Schultern. „Wenn, dann lassen sie mich auf jeden Fall in Ruhe“, sagt sie.
Angegriffen worden sei sie noch nie.
Es gab mal Kritik, dass sie bei einem Bauvorhaben zu geheimniskrämerisch
gewesen sei. „Wahrscheinlich ist das auch den dörflichen Strukturen
geschuldet“, sagt Styskal heute. Nun will sie alle immer von Anfang an ins
Boot holen, legt alle Beteiligten offen, verteilt Telefonnummern von
Menschen, die man bei weiteren Nachfragen anrufen kann. Momentan aber geht
es um Menschen, die nachrücken wollen. Styskal wird kommendes Jahr 60. Bei
der nächsten Wahl in drei Jahren tritt sie nicht wieder an. Der Scheune
bleibt sie aber treu.
Ortskundige wissen, dass man sich hier Freundinnen macht, wenn man den
Namen des Dorfes richtig auszusprechen weiß: „Bolléwick“, mit Akzent auf
dem e. Wieso das so ist, dazu ranken sich die Mythen. Nicht mal Antje
Styskal weiß das.
Bei der Dorfbegehung Bollewicks auf der wohl geradesten Straße Mecklenburgs
schreitet sie schnell voran, grüßt fast alle, die entgegenkommen. Dass es
Straßen namens Unterm Regenbogen und eine „Milchtankstelle“ gibt, wird
jetzt niemanden mehr überraschen. Vor dem Bollewicker Labyrinth, ein paar
Hundert Meter von der Feldsteinscheune entfernt, verabschiedet sich
Styskal. Sie muss zum nächsten Termin.
16 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Energiewende-auf-dem-Land/!5863859
(DIR) [2] https://de.statista.com/infografik/35671/bruttojahresgehaelter-von-vollzeitbeschaeftigten-in-deutschland/
(DIR) [3] https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/matthias-diermeier-konrad-doliesen-melinda-fremerey-hendrik-boehmer-jan-felix-engler-jan-wendt-iw-gemeindecheck-wie-gut-ist-meine-gemeinde-versorgt.html
(DIR) [4] https://www.skl-gluecksatlas.de/artikel/gluecksatlas-2025.html
## AUTOREN
(DIR) Juli Katz
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Biogas
(DIR) wochentaz
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Bier als kleinster gemeinsamer Nenner
Davon reden, dass die Gesellschaft nicht geteilt sei, bringt nichts. Man
muss es spüren, findet unser Autor – und organisiert mit seinem Vater ein
Fest im Harz.
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Stadt, aus der ich weggegangen bin
Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen. Vor
den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen der AfD.
(DIR) Kampf gegen Rechtsextreme im Osten: Wie man den Förster rockt
Rechtsextreme in der Regierung, davor sorgen sich viele in
Mecklenburg-Vorpommern. Unsere Autorin lebt mit welchen im gleichen Dorf.
Und hält laut dagegen.
(DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Auf dem Acker der Vorfahren
Der Bruder unseres Autors kehrte zurück ins Heimatdorf in Sachsen-Anhalt
und belebte den Familienhof wieder. Wie blickt er auf den Osten und die
AfD?