# taz.de -- Francesca Albanese im Babylon-Kino: „Deutschland muss zur Rechenschaft gezogen werden“
> Bei ihrem Auftritt spricht die UN-Sonderberichterstatterin über den
> Genozid in Gaza und deutsche Mitverantwortung. Draußen gibt es Protest.
(IMG) Bild: Proteste vorm Babylon: „One Genocide does not justify another“
Deutschland müsse Konsequenzen vor dem Internationalen Gerichtshof fürchten
– wegen Beihilfe zum Völkermord. „Sie können mich so viel kritisieren, wie
sie wollen, aber das schützt sie nicht vor ihrer Verantwortung“, sagt
Francesca Albanese – und erntet tosenden Applaus.
Die Palästina-Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen (UN) spricht
am Montagabend bei der ausverkauften Premiere der Arte-Dokumentation
„Disunited Nations – die UNO und der Nahe Osten“ im Babylon-Kino in Mitte.
Die Doku zeichnet ein kritisches Bild der Rolle der UN im Nahostkonflikt
und zeigt eine handlungsunfähige Institution. Der ungelöste Konflikt sei
zum Symbol des gescheiterten Völkerrechts geworden, heißt es. Besonders
deutlich werde dieser Riss an der Personalie Francesca Albanese.
Die italienische Juristin polarisiert: Einige loben sie für ihre klaren
Worte, andere werfen ihr Antisemitismus vor. Wegen israelkritischer
Aussagen unterliegt sie US-Sanktionen, darf nicht nach Israel und damit
nicht in die palästinensischen Gebiete reisen und ist [1][Ziel von
Verleumdungskampagnen.] Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hatte
zuvor sogar ihren Rücktritt gefordert.
[2][Auch am Montag gibt es Protest gegen ihren Auftritt.] Vor dem Kino
haben sich etwa 150 Menschen versammelt und schwenken Israel-Flaggen. Auf
einem Banner steht: „Haltet die Fresse! Gegen antisemitischen Terror und
den Hass auf Israel.“ Dem gegenüber stehen propalästinensische
Demonstrant*innen mit Palästina-Flaggen. Nach Angaben der Polizei
bleibt es friedlich.
## Albanese wirft Israel Genozid vor
Albanese ist seit 2022 UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in
den besetzten palästinensischen Gebieten. In dieser Funktion legt sie
regelmäßig Berichte zu menschenrechtlichen Aspekten der israelischen
Besatzung vor und zieht – wie auch Menschenrechtsorganisationen und
Völkermordforscher*innen – den Schluss: [3][„Israel begeht einen
Völkermord am palästinensischen Volk.“]
Der Regierung wirft sie systematische Folter und Misshandlungen vor:
Beispielweise dadurch, dass die israelische Führung lebensfeindliche
Bedingungen durch den Entzug von Nahrung, Wasser, Strom und medizinischer
Versorgung schaffe. Wer keinen Genozid erkenne, verwechsle Mittel und
Absicht, so die 48-Jährige. „Völkermord ist die Absicht, eine Gruppe als
solche zu vernichten“, sagt Albanese. „Und Israel foltert und tötet
Palästinenser*innen mit dem Ziel der ethnischen Säuberung.“
Für ihre klaren Worte erntet sie Applaus im Saal – aber auch Kritik. Auf
Instagram, wo der Auftritt gestreamt wird, schreibt jemand: „Ihr Raum zu
verschaffen ist abscheulich. Eine echte Antisemitin, die Lügen über die
großartige Arbeit verbreitet, die die IDF (Israel Defense Forces, das
dortige Militär, d. taz) in Gaza und anderswo leistet.“ Albanese weist
jeden Antisemitismusvorwurf von sich: „Ich habe die von der Hamas
begangenen Verbrechen vor, an und nach dem 7. Oktober verurteilt.“
Antisemitismus müsse bekämpft werden. „Aber das hat nichts mit dem Staat
Israel zu tun. Der muss sich an das Völkerrecht halten.“
## Kritik an der Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft
Das gelte auch für die internationale Gemeinschaft. UN-Mitgliedstaaten
dürfen sich gemäß der Völkermordkonvention nicht an einem Völkermord
beteiligen. „Das bedeutet: Deutschland muss für weitere Waffenlieferungen
zur Rechenschaft gezogen werden“, so Albanese. De facto überwiege jedoch
die „bedingungslose Unterstützung des Staates Israel“ gegenüber der
Einhaltung des Völkerrechts. Diese Haltung entspringe nicht aus einem
historischen Schuldgefühl. „Das ist eher Heuchelei“, sagt Albanese. „Wenn
Deutschland Schuldgefühle hätte, würde die Polizei nicht auf Menschen
einprügeln, die gegen Kriegsverbrechen protestieren, die mit in diesem Land
hergestellten Waffen begangen wurden.“
Grund für die westliche Unterstützung sei unter anderem eine
„Normalisierung des Völkermords“ durch westliche Staaten. Dazu würden auch
internationale staatliche Medien beitragen, indem sie als Sprachrohr
Israels aufträten, so der Doku-Regisseur Christophe Cotteret. Trotz der
Bilder aus Gaza sprachen Medien weiter von Krieg, nicht von Genozid –
„nicht, weil sie nicht verstanden haben, was passiert, sondern weil es –
wie bei allen Völkermorden – eine Struktur der Verleugnung gibt.“ Albanese
werde zur Zielscheibe, weil sie die Wahrheit sage; Rücktrittsforderungen
seien „Teil dieser globalen Verleugnungsstruktur“.
31 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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