# taz.de -- Francesca Albanese über ihre Arbeit: „Sie wollen der Realität nicht ins Auge sehen“
       
       > Die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina wird von der US-Regierung
       > sanktioniert. Ein Gespräch über Folter in Israel und Kritik an ihrer
       > Person.
       
 (IMG) Bild: Manche nennen sie eine Aktivistin: die Juristin und Menschenrechtlerin Francesca Albanese
       
       taz: Frau Albanese, warum kritisieren Sie ständig Israel? 
       
       Francesca Albanese: Ich wurde von den Vereinten Nationen beauftragt,
       Menschenrechtsverstöße in den besetzten palästinensischen Gebieten zu
       dokumentieren und darüber zu berichten. Warum kritisiere ich Israel? Weil
       Israel dort die Besatzungsmacht ist. Es gibt auch andere Länder, die unter
       besonderer Beobachtung der Vereinten Nationen stehen. Aber mein Mandat ist
       sehr heikel, gerade für die deutschen Behörden.
       
       taz: Manche sagen, Sie seien eine Aktivistin. 
       
       Albanese: Ist das schlimm? Was wäre denn das Gegenteil?
       
       taz: Eine neutrale Beobachterin? 
       
       Albanese: Soll ich meine Berichte vorlegen und schweigen, während Menschen,
       darunter Kinder, abgeschlachtet werden? Ich weiß nicht, ob ich eine
       Aktivistin bin, aber ich bin sehr aktiv. Ich verteidige die Menschenrechte
       und verstecke mich nicht hinter irgendwelchen Statuten. Meine Aufgabe ist
       es, Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen und dafür zu sorgen,
       dass etwas dagegen getan wird. Andere Sonderberichterstatter, etwa für den
       Kampf gegen den Terror und für das Recht auf Nahrung, sagen übrigens das
       Gleiche über Israel wie ich.
       
       taz: [1][Außenminister Johann Wadepuhl (CDU) hat Ihren Rücktritt
       gefordert]. Deutsche Universitäten haben Sie 2025 auf Druck ausgeladen, Ihr
       jüngster Besuch wurde von Protesten begleitet. Ist Deutschland ein
       schwieriges Pflaster für Sie? 
       
       Albanese: Anders als in Spanien, Südafrika, Irland, Slowenien oder Belgien
       werde ich hier nicht mit offiziellen Ehren empfangen, sondern von
       Privatpersonen eingeladen. Aber es gibt hier viele gute
       Wissenschaftlerinnen, Aktivisten und ganz normale Bürger, die sich gegen
       die Schikanen zur Wehr setzen. Deshalb freue ich mich immer, nach
       Deutschland zu kommen.
       
       taz: Sie legen alle sechs Monate einen Bericht vor. Worauf legen Sie dabei
       den Schwerpunkt? 
       
       Albanese: Seit Amtsantritt im Mai 2022 habe ich acht Berichte verfasst,
       fünf von ihnen beziehen sich auf den Völkermord in Gaza – was Israel dort
       getan hat und warum es nicht gestoppt wurde. Das liegt an der
       Komplizenschaft von über 60 Staaten, darunter Deutschland und Italien, die
       politische, finanzielle, militärische oder diplomatische Unterstützung
       geleistet haben. Und an Unternehmen, Universitäten und Pensionsfonds, die
       davon profitiert haben.
       
       taz: Ihr letzter Bericht beleuchtet die Lage palästinensischer Häftlinge in
       israelischen Gefängnissen. 
       
       Albanese: Es geht nicht nur um die Häftlinge, sondern um alle Palästinenser
       und was mit ihnen vor dem Hintergrund dieses Völkermords passiert ist. Die
       ersten dokumentierten Fälle von Folter und Vergewaltigungen
       palästinensischer Gefangener reichen bis ins [2][Jahr 1967] zurück, dem
       Beginn der Besatzung. Aber das Ausmaß an Grausamkeit und Entmenschlichung
       seit dem 7. Oktober 2023 ist unglaublich.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Albanese: Wir haben mit hunderten Palästinenserinnen und Palästinensern
       gesprochen und Berichte von Menschenrechtsorganisationen gesammelt –
       israelischen, palästinensischen und internationalen. Man muss sich ihre
       Zeugenaussagen durchlesen. Sie schildern, wie sie nackt mit verbundenen
       Augen ausharren mussten und geschlagen oder angepinkelt wurden. Andere
       erlitten Knochen- und Schädelbrüche, ihnen wurden Zähne ausgeschlagen. In
       Militärgefängnissen wurden ihre Wunden nicht behandelt, [3][ihnen wurden
       ohne Betäubung Gliedmaßen amputiert]. Ein Zeuge berichtet, dass Joghurt auf
       den Boden geworfen wurde und sie gezwungen wurden, ihn aufzulecken. Andere
       wurden so schwer geschlagen, dass sie einen Herzinfarkt erlitten. Frauen
       und Männer haben ausgesagt, von Soldaten vergewaltigt worden zu sein,
       wiederholt und in Gruppen, mit Metallstangen, Flaschen oder Messern, manche
       durch Hunde. Es ist wirklich monströs.
       
       taz: Und das sind Ihrer Ansicht nach keine Einzelfälle? 
       
       Albanese: Nein. Schläge und Demütigungen sind an der Tagesordnung, und
       Gefangenen wird systematisch Nahrung vorenthalten. Ärzte und Journalisten
       werden oft besonders schlecht behandelt. Der Holocaust-Überlebende Jean
       Améry hat gesagt, Folter zerstöre die Welt eines Menschen unwiderruflich,
       und ich stimme dem voll und ganz zu. Und leider kann ich nicht die
       Vergangenheitsform verwenden, denn das geht immer noch so weiter. Israel
       hat über 18.500 Palästinenser verhaftet und inhaftiert, und ich bezweifle,
       dass es unter ihn einen gibt, der keine Folter erlebt hat. Aber die Welt
       will es einfach nicht wissen.
       
       taz: Sie selbst können nicht nach Israel und in die besetzten Gebiete
       reisen. Wie kommen Sie an die Informationen für Ihre Berichte? 
       
       Albanese: Wir haben mit Anwälten vor Ort gesprochen, die in Kontakt mit
       palästinensischen Folteropfern standen, und sie haben von ihnen
       eidesstattliche Erklärungen eingeholt. Die erste Aussage über
       Vergewaltigung und Folter in Haft hat uns, den Sonderberichterstatter für
       Folter und mich, schon im Februar 2024 erreicht. Dann gab es einen
       UN-Bericht, in dem stand, dass eine Reihe von UN-Mitarbeitern gefoltert und
       vergewaltigt wurde, und die israelischen Menschenrechtsorganisationen
       [4][B'Tselem] und Physicians for Human Rights haben ebenfalls Berichte über
       Folter in Haft veröffentlicht. Aber das Problem ist viel größer und geht
       über die Gefängnisse hinaus.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Albanese: Israel hat ein Umfeld geschaffen, das an sich schon Folter ist.
       Von Lebensmitteln abgeschnitten zu sein, ansehen zu müssen, wie die eigene
       Familie am Hunger stirbt, und die konstante Bedrohung, entweder getötet
       oder vertrieben zu werden – dieser Terror geht von israelischen Soldaten
       und Siedlern aus. Das ist psychologische Folter.
       
       taz: Ein Video aus dem Haftlager [5][Sde Teiman] zeigte 2024, wie
       israelische Soldaten einen Palästinenser vergewaltigen. Warum hatte das
       kaum juristische Konsequenzen? 
       
       Albanese: Abgesehen von ein paar Ausnahmen will die israelische Bevölkerung
       das einfach nicht wahrhaben und versucht, es zu verdrängen. Das ist ein
       interessantes Phänomen, eine Art selektive Wahrnehmung – man sieht die
       einzelnen Indizien, aber weigert sich, das größere Ganze zu erkennen.
       
       taz: Ändern Ihre Berichte überhaupt etwas? 
       
       Albanese: Auf jeden Fall. Ansonsten hätten die USA keine Sanktionen gegen
       mich verhängt. Das wäre nicht nötig, wenn mir niemand zuhören würde. Wir
       haben das Schweigen durchbrochen, und dadurch entsteht in den westlichen
       Gesellschaften eine kritische Masse. Nehmen Sie Italien: Meine Arbeit war
       fundamental wichtig, um das Gewissen der Italiener zu wecken. Es gibt immer
       mehr Aufmerksamkeit für Palästina.
       
       taz: Und in Deutschland? 
       
       Albanese: Ich habe die Deutschen immer dafür bewundert, wie kritisch sie
       mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind. Aber ich wurde enttäuscht,
       besonders von den deutschen Intellektuellen. Fast alle von ihnen schweigen.
       Und selbst wenn einem Palästina egal ist, sollte es einem Sorgen machen,
       wie die Polizei in Deutschland mit Schlagstöcken gegen Protestierende
       vorgeht. Umso mehr, wenn man weiß, wogegen sie protestieren.
       
       Sie sind auch in den Sozialen Medien sehr aktiv. Wäre es nicht besser,
       darauf zu verzichten, um weniger Angriffsfläche zu bieten? 
       
       Warum?
       
       taz: Sie haben vor einigen Jahren einen Post geteilt, der ein Foto von
       Benjamin Netanyahu neben einem von Adolf Hitler zeigt. Bereuen Sie das? 
       
       Albanese: Darauf zu antworten fühlt sich an, als würde ich mit dem Finger
       auf den Mond zeigen – und alle gucken nur auf meinen Finger. Im Ernst?!
       
       taz: Finden Sie diesen Vergleich nicht antisemitisch? 
       
       Albanese: Ich weiß sehr gut, was Antisemitismus ist – die Diskriminierung
       von Juden, weil sie Juden sind. Ich lehne das mit jeder Faser meines
       Körpers ab. Aber anders als für viele in Deutschland gilt die Mahnung „Nie
       wieder“ für mich für alle Menschen. Für Kongolesen, für Ruanderinnen, für
       Bosnier und Palästinenserinnen. Ich würde nicht einmal meine eigene Mutter
       bedingungslos unterstützen und vor dem Gesetz schützen, wenn sie eine
       Mörderin wäre.
       
       taz: Manchen stößt es auf, wenn Sie den jüdischen Staat mit dem Genozid an
       Juden in Verbindung bringen. 
       
       Albanese: Und mich stößt es ab, dass Deutschland der zweitgrößte
       Waffenlieferant für ein Land ist, das gerade 22.000 Kinder getötet hat. Sie
       wollen dieser Realität nicht ins Auge sehen, deshalb beschuldigen Sie mich.
       
       taz: Warum beziehen Sie sich auf den Holocaust? 
       
       Albanese: Warum soll ich nicht über den Genozid sprechen, den unsere Väter
       und Großväter begangen haben?
       
       taz: Weil es zwischen dem Holocaust und Israels Verbrechen große
       Unterschiede gibt. 
       
       Albanese: Auch die Juden wurden von ihren Verfolgern nicht als Menschen
       angesehen. Als Primo Levi sein Buch „Ist das ein Mensch?“ schrieb, warfen
       die Leute ihm vor zu übertreiben. Niemand wollte glauben, was den Juden
       angetan worden war. Ich habe viel Mitgefühl für das, was dem jüdischen Volk
       widerfahren ist. Aber wir dürfen die Erinnerung an den Holocaust nicht dazu
       benutzten, um zu ignorieren, was mit unserem Geld und unseren Waffen getan
       wird.
       
       Muss man sich auf den Holocaust berufen, um Israel zu kritisieren? 
       
       Albanese: Ich bin nur eine Italienerin, die versucht, es besser zu machen
       als ihre Vorfahren. Ich werde nicht schweigen angesichts eines solchen
       Massakers. Und der Staat, den Deutschland so eifrig schützt, stürzt gerade
       eine ganze Region ins Chaos. Glauben Sie etwa, dass dieser Krieg keine
       massiven Flüchtlingsströme auslösen wird? Dann werden wir den Libanesen und
       den Palästinensern und anderen in der Region die Schuld dafür geben, dass
       sie hierherkommen und Zuflucht suchen. Dabei haben unsere Waffen Israel
       geholfen, ihre Häuser und Dörfer zu zerstören.
       
       taz: Zuletzt sorgte ein Video für Aufsehen, in dem es so klang, als hätten
       Sie bei einer Veranstaltung des Senders Al-Jazeera über Israel gesagt, es
       sei „der gemeinsame Feind der Menschheit“. Das wurde schnell als
       Zusammenschnitt entlarvt … 
       
       Albanese: Das war eine besonders obszöne Aktion von UN-Watch. Diese
       Organisation ist seit Jahren hinter mir her und will mir anhängen,
       Antisemitin zu sein. Und jetzt fordern Sie von mir, mich dafür zu
       rechtfertigen?
       
       taz: Nein, die Passage wurde aus dem Kontext gerissen und böswillig
       zusammengeschnitten. Aber wen meinten Sie mit dem „gemeinsamen Feind der
       Menschheit“? 
       
       Albanese: Es gibt ein System, dass Israel die Waffen geliefert, politische,
       diplomatische und militärische Rückendeckung gegeben und diese Verbrechen
       finanziert hat. Dieses System kontrolliert Kapital, Waffen und Algorithmen,
       und dieses System ist der Feind von uns allen. Das ist, was ich gesagt
       habe. Ich habe nicht von „Plutokratie“ gesprochen, aber diejenigen, die
       dieses System kontrollieren, bilden eine Herrschaft der Reichen und
       Mächtigen. Das habe ich gemeint.
       
       taz: Die USA haben 2025 Sanktionen gegen Sie verhängt. 
       
       Albanese: Sie treffen mich sehr hart. Aber das ist egal.
       
       taz: Wie wirken sie sich aus? 
       
       Albanese: Jede Bank in Europa weigert sich wegen der US-Sanktionen, mir ein
       Konto zu eröffnen. Ich muss mir ständig Geld leihen. Auch, was ich mit
       meinen Büchern verdiene, kann mir nicht überwiesen werden, und jeder
       US-Bürger, der mit mir Geschäfte macht, riskiert 20 Jahre Haft und eine
       Geldstrafe von einer Million Euro. Mein Mann arbeitet für eine Organisation
       in den USA, aber wir können dort nicht hinreisen. Wir haben ein Apartment
       in den USA, das wir nicht nutzen und nicht verkaufen können. Das lastet
       schwer auf uns. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
       
       taz: Tut Europa genug für Sie?
       
       Albanese: Nein. Deswegen verklagt mein 13-jähriges Kind jetzt die
       Trump-Regierung. Die erste Anhörung dazu fand gerade vor dem
       US-Bundesgericht statt, dem Bundesbezirksgericht in Washington, D.C.
       
       3 May 2026
       
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