# taz.de -- Forscher über schwache Friedensbewegung: „Eine Mehrheit glaubt, mehr Waffen verhindern Krieg“
> Großproteste gegen die Aufrüstungspolitik seien derzeit unwahrscheinlich,
> sagt Friedensforscher Ingar Solty. Wenn die Rechnung kommt, könne sich
> das ändern.
(IMG) Bild: Ostermarsch der Friedensbewegung in Frankfurt/Main am Ostermontag
taz: Herr Solty, am Wochenende stehen wieder die Ostermärsche an. Werden
Sie mitdemonstrieren?
Ingar Solty: Ja, am Samstag bin ich [1][in Berlin] dabei. Unsere
Gesellschaft steht vor einer Grundsatzentscheidung: Wollen wir einen
Rüstungsstaat oder einen Sozialstaat? Ein Rüstungsstaat führt nicht nur zu
mehr Konfrontation in der Außenpolitik. Mehr Panzer bedeuten auch
verrottete Sporthallen, weniger Kita-Personal und eine Eskalation der
Klimakrise. Wenn dagegen nichts unternommen wird, gehen wir finsteren
Zeiten entgegen. Deshalb ist das für mich selbstverständlich.
taz: Iran, Gaza, Ukraine – in den vergangenen Jahren scheint die
kriegerische Gewalt überall zu eskalieren. Doch die Ostermärsche waren eher
mäßig besucht. Woran liegt das?
Solty: Das hat viele Gründe. Aus der Forschung wissen wir, dass soziale
Bewegungen funktionieren, wenn Menschen sich persönlich betroffen fühlen
und die Bewegung klare Alternativen formulieren kann. Beides trifft auf die
Friedensbewegung zu. „Kriegstüchtigkeit“ bedeutet zwangsläufig Inflation,
also spürbar sinkende Lebensqualität, und die drohende Rückkehr zur
Wehrpflicht. Das kann mobilisieren. Dagegen fordern die lokalen
Ostermärsche Friedensfähigkeit und den Erhalt des Sozialstaats. Doch trotz
dieser Voraussetzungen bleibt die Bewegung schwächer, als es die Lage
eigentlich nahelegt.
taz: Warum?
Solty: Der Krieg ist immer noch weit weg. Die Zinksärge und die Toten haben
immer noch „die anderen“. Zudem löst sich gerade ein historisches Muster
auf: Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in außenpolitischen Fragen immer
einen Bruch zwischen Eliten und Massen. Die Eliten waren immer eher für
Aufrüstung und Kriegseinsätze, während die Mehrheit dagegen war – von der
Remilitarisierung der frühen Bundesrepublik bis zu den Nahostkriegen. Heute
ist das anders.
taz: Wie konnte das passieren?
Solty: Eine Mehrheit glaubt aktuell, mehr Waffen reduzieren die Gefahr von
Krieg. Zugespitzt könnte man sagen, es herrscht der Glaube, die größte
Friedensbewegung bestünde aktuell aus der Bundeswehr und Rheinmetall. Diese
Abschreckungsphilosophie ist so verbreitet wie in den 1990er-Jahren der
Glaube an die freien Märkte. Das liegt an der Angst vor einem Krieg mit
Russland. Zu diesem wird es zwar viel eher durch ein gemeinsames
militärisches Hochschaukeln kommen. Doch ein Netz aus eng verbandelten
Rüstungskonzernen, Denkfabriken und Sicherheitspolitikern schüren diese
Ängste gezielt.
taz: Klingt, als könnten die Zeiten für die Friedensbewegung kaum
schlechter sein.
Solty: Im Moment ja. Aber die Verteilungskämpfe werden sich zuspitzen, bis
sie nicht mehr ignoriert werden können. Die SPD versucht, den Konflikt
zwischen Schützenpanzern und Schulen durch eine Lockerung der
Schuldenbremse zu entschärfen. Aber das ist eine Milchmädchenrechnung.
Schulden bringen Zinsen, die den Haushalt belasten. Bis 2029 steigt die
Zinslast auf 60 Milliarden Euro. 2028 werden die Coronafonds fällig, 2031
dann das Sondervermögen für die Bundeswehr, ab 2037 das
Infrastrukturprogramm. Schon jetzt diskutiert man über ein [2][höheres
Rentenalter] und [3][längere Arbeitszeiten]. Am Ende bleibt die Frage:
Wollen wir einen Rüstungs- oder einen Sozialstaat?
taz: Die Friedensbewegung ist auch intern gespalten – etwa über den
Ukraine-Krieg. Manche weigern sich, Russland als Aggressor zu benennen. Hat
sie sich damit nicht auch selbst geschwächt?
Solty: Natürlich ist es ein Fehler, wenn der völkerrechtswidrige
Angriffskrieg Russlands nicht kritisiert wird. Manche fürchten jedoch, dass
dadurch die westliche Mitverantwortung aus dem Blick gerät: das Scheitern
einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur oder die Rolle des Westens
im ukrainischen Bürgerkrieg ab 2014. Aus dieser Schwäche heraus haben
manche nicht klar genug gesagt: Wir verurteilen den Krieg, lehnen aber
Waffenlieferungen ab, es gibt andere Wege. Heute haben sich viele Analysen
der Friedensbewegung aber auch bewahrheitet.
taz: Welche denn?
Solty: Russland wurde durch die Sanktionen nicht wirtschaftlich ruiniert,
wie anfangs behauptet. Stattdessen gab es einen Bumerang-Effekt, der Putin
sogar stärkte. Russland wurde weder militärisch besiegt noch aus dem
Donbass vertrieben. Das Sterben geht weiter.
taz: Die Friedensbewegung hatte auch Probleme, sich nach rechts
abzugrenzen. Das brachte Antifa-Gruppen gegen sie auf.
Solty: Viele in der Friedensbewegung beobachten eine ernsthafte
Kriegsgefahr. Man ist überzeugt: Frieden ist nicht nur ein linkes, sondern
ein Menschheitsthema. Also muss auch mit Leuten kooperiert werden, die für
Frieden sind, ohne links zu sein. Einen ähnlichen Impuls hat es ja auch in
der Ökologiebewegung immer gegeben. Ich finde es eher überraschend, dass
trotz der politischen Stärke der AfD, die im Ukraine-Krieg aufs
Friedensthema setzte, der antifaschistische Impuls prinzipiell hielt: Tino
Chrupalla hat nie auf einer Demo der Friedensbewegung gesprochen. Man weiß
eben, dass die extreme Rechte nicht nur historisch Weltkriege zu
verantworten hat, sondern auch heute für Aufrüstung, Wehrpflicht und
Nationalismus ist.
taz: Wie könnte denn eine universalistische Position aussehen, die sich
nicht in Lagerdenken verheddert – auch in Sachen Nahostkonflikt?
Solty: Das ist eigentlich einfach: Man stellt sich auf den Boden des
Völkerrechts. Natürlich ist auch dieses ein Regelsystem, über das sich
starke Staaten leichter hinwegsetzen können. Aber es bleibt ein wichtiger
Schutz für schwache Staaten. Darauf sollte man sich einigen können.
taz: Kann die aktuell entstehende Jugendbewegung gegen die Wehrpflicht die
Friedensbewegung beleben?
Solty: Absolut. Man kann die Bedeutung dieser Bewegung nicht hoch genug
einschätzen, weil es um persönliche Betroffenheit geht: Eine ganze
Alterskohorte hat Angst, in den Krieg ziehen zu müssen. Eltern und
Großeltern sorgen sich um ihre Kinder. Entscheidend wird sein, wie sich
Massenorganisationen wie Gewerkschaften positionieren. Bisher meiden sie
das Thema aus Angst vor inneren Konflikten. Aber die kann man nicht
umgehen, weil der neue Militarismus direkt und indirekt den Lebensstandard
der Beschäftigten schmälert.
taz: Glauben Sie noch an eine Renaissance der Friedensbewegung?
Solty: Derzeit herrscht große Erschöpfung unter Aktivist:innen. Viele
wissen nicht mehr, wogegen sie alles demonstrieren sollen – gegen Nazis,
Aufrüstung, Klimapolitik oder sexualisierte Gewalt. Aber in naher Zukunft
wird viel in Bewegung kommen. Stellen Sie sich vor, es stirbt demnächst ein
Kind in einer Kita und es stellt sich heraus, das ist aufgrund des akuten
Personalmangels passiert. Dann könnte sich der ganze angestaute Frust über
den Zerfall der Infrastruktur entladen, der durch die Aufrüstung
beschleunigt wird. Der Funke kann von überall kommen.
2 Apr 2026
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(DIR) Timm Kühn
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