# taz.de -- Amnesty-Bericht zu Menschenrechten: Komplize Deutschland
> In seinem Jahresbericht wirft Amnesty International der Bundesregierung
> Mittäterschaft in einer „globalen Menschenrechtskrise“ vor.
(IMG) Bild: Teilnehmer einer Amnesty International Protestaktion gegen den Krieg im Gazastreifen vor dem Bundeskanzleramt, Mai 2025
Der Befund überrascht angesichts der Nachrichtenlage kaum: In den
vergangenen Jahren habe „eine Welt Kontur angenommen, in der Macht, Willkür
und das Recht des Stärkeren regieren“, heißt es im neuen [1][Jahresbericht]
von Amnesty International, den die Menschenrechtsorganisation am Montag in
Berlin vorstellte.
„Für die allermeisten Menschen bedeutet dies: weniger Sicherheit und mehr
Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch.“ Es seien dabei nicht nur die
autoritären Regierungen selbst, die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit
abbauen, sagte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty Deutschland.
Verantwortlich seien auch jene Regierungen, „die Appeasement betreiben,
statt dieser Entwicklung eine andere Politik entgegenzusetzen. Dazu gehören
die allermeisten EU-Mitgliedstaaten, insbesondere die Bundesregierung“.
Die USA unter Donald Trump nannte Duchrow einen „Brandbeschleuniger“, mit
systematischen Angriffen und „offenem Straßenterror durch die
paramilitärische Grenzschutztruppe ICE“. Mit völkerrechtswidrigen Angriffen
auf Venezuela und Iran sowie den Annexionsdrohungen gegenüber Grönland gebe
die US-Regierung „weltweit politischen Kräften Auftrieb, die das
Völkerrecht und die Menschenrechte missachten“.
Amnesty kritisierte die Verantwortlichen für die eskalierende Lage in
bewaffneten Konflikten, in denen Millionen Menschen von Gewalt und
Völkermord bedroht sind.
In [2][Sudan] ereigne sich eine der größten Krisen der Welt, sagte Duchrow.
Die Miliz Rapid Support Forces hätten in der Stadt El Fasher, der
Hauptstadt der Provinz Darfur, Massaker verübt und massenhaft sexualisierte
Gewalt eingesetzt.
## Verschärfung durch die Macht der Tech-Konzerne
„In Gaza geht der Genozid Israels auch nach dem Waffenstillstand von
Oktober 2025 weiter“, so Duchrow. Israel weigere sich bis heute, Hilfe in
das Gebiet zu lassen, und vertreibe weiter große Teile der
Zivilbevölkerung. Sie forderte eine Aussetzung des
EU-[3][Assoziierungsabkommens] mit Israel. Russland greife in der Ukraine
weiter zivile Infrastruktur an und verübe schwere
Menschenrechtsverletzungen.
Der Angriff der USA und Israels auf Iran verletzte die UN-Charta und habe
„verheerende Folgen für die ganze Region“. Die Bewohner des Landes seien
derzeit doppelt bedroht: Von außen durch den „völkerrechtswidrigen Krieg
der USA und Israels, der das Leben der Zivilbevölkerung eklatant
missachtet“. Von innen seien die Menschen durch die „blutigste
Niederschlagung von Protest seit Jahrzehnten, willkürliche Inhaftierungen
und die steigende Zahl von Hinrichtungen“ gefährdet. Im vergangenen Jahr
gab es die höchste Zahl an Hinrichtungen in der Islamischen Republik seit
1989.
Insgesamt legten mächtige Staaten so die „Axt an die Regeln und
Institutionen, die zum Schutz der Menschenrechte geschaffen wurden“, sagt
Duchrow. Verschärft werde all dies durch die Wirtschaftsmacht der großen
Tech-Konzerne wie Palantir. Diese seien der „verlängerte Arm der
US-Regierung und umgekehrt“.
Die Rechte von Flüchtlingen geraten laut Amnesty auch in der EU immer
stärker unter Druck. Das neue EU-Asylsystem Geas habe dies verschärft,
gleichzeitig würden menschenrechtswidrige Abschiebezentren, die sogenannten
Return Hubs in Drittstaaten, vorangetrieben. Die Kooperation mit
autoritären Regimen zur Migrationsabwehr nannte Duchrow
„geschichtsvergessen“. Deutschland habe mit der Abschiebung von 83 Menschen
nach Afghanistan und einer Person nach Syrien gegen den Grundsatz der
Nichtzurückweisung verstoßen.
In Deutschland sei die [4][„Meinungsfreiheit stark unter Druck“, vor allem
im Zusammenhang mit Palästinaprotesten]. Duchrow kritisierte, dass wichtige
Projekte der Demokratieförderung durch geplante Streichungen vor dem Aus
stehen. Vor allem aber schweige die Bundesregierung „viel zu oft, wo
Gegenwehr nötig wäre“, etwa mit Blick auf den Irankrieg.
## Sanktionen gegen ICC-Richter:innen „wie Gift“
Wenn Deutschland nicht für die Menschenrechte einstehe und die Verletzungen
beim Namen nenne, werde es Komplize. Die Bundesregierung müsse
Gerichtsentscheidungen auch dann umsetzen, wenn sie ihr nicht gefielen,
etwa das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts zur Zurückweisung von
Migrant:innen an den deutschen Grenzen. Das Bundesinnenministerium setzt
das im Juni 2025 ergangene Urteil derzeit nur für die Klagenden um, hält
bis zur höchstinstanzlichen Klärung aber an der Praxis der Zurückweisungen
fest.
Die [5][Sanktionen] der US-Regierung gegen elf Richter:innen des
Internationalen Strafgerichtshofes ICC „wirken [6][wie] [7][Gift]“, sagte
Duchrow, die Betroffenen und sogar ihre Angehörigen seien von grundlegenden
Dienstleistungen ausgeschlossen.
Duchrow warf der Bundesregierung vor, die Strafmaßnahmen gegen die
ICC-Richter:innen faktisch zu stützen. Denn die EU könnte in diesem Fall
ihre sogenannte Blockierungsverordnung aktivieren. Dieses Rechtsinstrument
der Europäischen Union kann EU-Bürger:innen vor extraterritorialer
Sanktionen von Drittstaaten, etwa der USA, schützen. Sie hebt deren Wirkung
auf und ermöglicht Schadensersatz für entstandene Verluste. Deutschland
müsse im Fall der ICC-Richter:innen „treibende Kraft“ bei der Anwendung des
Instruments werden, sei es aber nicht, sagte Duchrow.
Der aus den Philippinen stammende Menschenrechtsanwalt Joel Ruiz Butuyan
erinnerte daran, wie wichtig der ICC angesichts der globalen
Menschenrechtslage ist. In seiner Heimat habe der Terror in der von 2016
bis 2022 dauernden Amtszeit von Ex-Präsident Rodrigo Duterte rund 300.000
Menschen getroffen. „Weit überwiegend waren es die Ärmsten der Armen“,
sagte Butuyan. Duterte habe sich selbst mit Hitler verglichen und mit der
Ermordung von Millionen Drogenkonsument:innen gedroht.
Duterte wurde vor dem ICC unter anderem wegen Verbrechen gegen die
Menschlichkeit [8][angeklagt]. Für Mittwoch, den 22. April, wird in Den
Haag ein Urteil erwartet. Das sei „von monumentaler Bedeutung“, sagte
Butuyan. „Der ICC zeigt, dass das Völkerrecht kein Papiertiger ist und
niemand über dem Recht steht. Deshalb muss die internationale Gemeinschaft
den ICC vor Angriffen durch die USA, Russland und andere verteidigen.“
21 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.amnesty.de/amnesty-report/amnesty-report-2025-jahresbericht-menschenrechte-weltweit
(DIR) [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-Sudan/!t5930698
(DIR) [3] /Assoziationsrat-EU-Israel/!6071241
(DIR) [4] /Europarat-prangert-Deutschland-an/!6171265
(DIR) [5] https://www.state.gov/icc-sanctions
(DIR) [6] /US-Sanktionen-gegen-Strafgerichtshof/!6092949
(DIR) [7] /US-Sanktionen-gegen-franzoesischen-Richter-keine-Kreditkarte-kein-Amazon-kein-PayPal/!6156777
(DIR) [8] https://www.icc-cpi.int/philippines/duterte
## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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