# taz.de -- Kommission zur Gesundheitsreform: Weniger Limonade, weniger Knie-OPs
       
       > Die Krankenkassen müssen sparen. Eine Kommission hat der Regierung 66
       > Empfehlungen vorgelegt. Die Gratis-Mitversicherung von Ehegatten soll
       > wegfallen.
       
 (IMG) Bild: So süß: Fanta-Abfüllung in einem Werk in Dorsten, Nordrhein-Westfalen
       
       Die Zeit für Reformen im Gesundheitswesen drängt, die Krankenkassen
       schieben ein Milliardendefizit vor sich her: Nun hat die von der
       Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission am Montag ihre mit Spannung
       erwarteten Empfehlungen vorgelegt, wo genau sie Sparpotenziale sieht. Eins
       sei klar: „Nichts tun ist keine Lösung“, heißt es vom Spitzenverband der
       Krankenkassen (GKV), „denn sonst steigen die Beiträge unvermindert weiter“.
       
       Laut Kommissionsbericht müssten die Versicherten und ihre Arbeitgeber im
       kommenden Jahr schon 260 Euro, 2030 sogar 680 Euro mehr an die Krankenkasse
       überweisen. „Die Ausgaben steigen doppelt so schnell wie die Einnahmen“,
       drängt Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auf eine Einigung über
       Reformen noch in diesem Jahr. Bis 2027 rechnen Fachleute mit einem Minus
       von rund 15 Milliarden Euro. Bis zum Ende des Jahrzehnts türmt sich das
       Defizit auf über 40 Milliarden Euro auf.
       
       ## Steuer auf Zucker und Tabak
       
       Nun präsentierten die Wissenschaftler am Montag 66 Empfehlungen, wie das zu
       verhindern wäre. So schlagen die Fachleute zum Beispiel stetig steigende
       Steuern auf Tabak und Spirituosen vor. Darüber hinaus plädieren sie für die
       Einführung einer Zuckersteuer von 32 Cent auf Getränke, die mehr als 8
       Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten. Das haben andere Länder bereits
       erfolgreich vorgemacht: „Die Fanta in Großbritannien hat nur halb so viel
       Zucker wie in Deutschland“, sagt Ferdinand Gerlach von der
       Goethe-Universität Frankfurt – ein direkter Effekt der Zuckersteuer. Aus
       medizinischer Sicht erhofft man sich so weniger Diabeteserkrankungen, was
       wiederum finanzielle Mittel für die Versorgung von Erkrankten freisetzen
       könnte.
       
       Am Leistungskatalog der Krankenkassen wollen die Fachleute nur begrenzt
       etwas ändern. Milliardeneinsparungen, so die Kommission, könnte aber eine
       verpflichtende ärztliche Zweitmeinung bei planbaren Knieoperationen
       bringen. Diese OPs werden in Deutschland überdurchschnittlich häufig
       durchgeführt, weil sie den Krankenhäusern gute Einkünfte bringen. Der
       Erfahrung nach würden sich 85 Prozent der Patienten, die eine Zweitmeinung
       einholen, danach gegen eine OP entscheiden, sagt Gerlach. Eine Knie-OP wird
       mit Kosten in Höhe von 6.500 bis 14.000 Euro veranschlagt. Ein
       Konsultationsgespräch für eine Zweitmeinung kostet 84,40 Euro.
       
       Vor allem aber kalkuliert die Expertenkommission mit den Steuerzahlenden,
       um wieder Luft ins klamme Kassensystem zu bekommen. Rund 12 Milliarden Euro
       Versicherungsbeiträge für Bürgergeldempfänger sollen künftig aus
       Steuermitteln des Bundes bestritten werden. Weitere 5,5 Milliarden Euro
       soll eine Begrenzung des Vergütungsanstiegs bei ärztlichen Leistungen
       bringen, 2,3 Milliarden Euro sollen durch einen Herstellerabschlag für
       Arzneien reingeholt werden. Nimmt man sämtliche Empfehlungen zusammen,
       könnten im Gesundheitssystem im kommenden Jahr auf diese Weise gut 42
       Milliarden Euro, bis Ende des Jahrzehnts sogar 64 Milliarden Euro
       eingespart werden. Den 470 Seiten starken Bericht hat das
       [1][Gesundheitsministerium auf seiner Webseite] veröffentlicht.
       
       Die Kommission will die Lasten auf alle Schultern verteilen. Die Patienten
       sollen beispielsweise höhere Zuzahlungen in Kauf nehmen. Werden für
       verschreibungspflichtige Arzneien derzeit 5 bis 10 Euro fällig, sollen
       Rezepte künftig 7,50 Euro bis 15 Euro kosten. Die Patienten sollen gut 4
       Milliarden Euro des Einsparvolumens tragen. Auf Ärzte, Krankenhäuser sowie
       Hersteller von Arzneien oder Hilfsmitteln entfallen 19 Milliarden Euro.
       
       ## Warken: „Gut gefüllter Werkzeugkasten“
       
       „Die Kommission hat uns einen gut gefüllten Werkzeugkasten vorgelegt“, sagt
       Gesundheitsministerin Warken. Die Ministerin will nun die geeigneten
       Instrumente heraussuchen und innerhalb der Koalition einen Kompromiss
       anstreben: „Wir werden zeitnah ein Paket vorstellen.“ Dass einige der
       Maßnahmen in der SPD wie in den eigenen Reihen auf wenig Gegenliebe stoßen
       werden, ist schon absehbar.
       
       Einen Vorgeschmack liefert bereits Bayerns Ministerpräsident Markus Söder
       (CSU). So stellt die [2][Kommission die kostenlose Mitversicherung von
       nicht arbeitenden Ehegatten] infrage, in der Regel sind das Frauen. Das
       lehnte Söder umgehend ab.
       
       Zu der umstrittenen Frage, ob es wieder eine Praxisgebühr, die heute
       Kontaktgebühr heißt, geben soll, äußerten sich die Experten nicht. Der
       Kommissionsbericht listet diese Idee zwar auf, spricht aber keine
       Empfehlung dafür aus.
       
       Die ersten Reaktionen auf die Vorschläge fallen wie erwartet gemischt aus.
       „Eine teilweise Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung,
       Teilkrankschreibungen oder erhöhte Zuzahlungen greifen die soziale
       Absicherung der Beschäftigten und ihrer Familien an“, warnt
       IG-Metall-Sozialvorstand Hans-Jürgen Urban. Die Gewerkschaft spricht sich
       für weitergehende Maßnahmen aus, etwa die Einbeziehung aller Menschen und
       weiterer Einkunftsarten in die gesetzliche Krankenversicherung.
       
       Die Arbeitgeber hingegen begrüßen den Bericht. „Es wird sich zeigen, ob die
       Koalition nur vom Handeln spricht oder tatsächlich Strukturreformen
       anpackt“, sagt Arbeitgeber-Chef Rainer Dulger: „Scheitern darf keine Option
       sein.“ Die Verbraucherorganisation Foodwatch lobt vor allem die
       vorgeschlagene Getränkesteuer. „Die Zuckersteuer könnte Hunderttausende
       Krankheitsfälle verhindern und dem Gesundheitssystem bares Geld einsparen“,
       erläutert Sprecherin Sarah Häuser.
       
       30 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/
 (DIR) [2] /Krankenkasse-und-Spardebatte/!6165683
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolfgang Mulke
       
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