# taz.de -- Vorschläge zur Reform der Krankenkassen: 6 aus 66
> Die höhere Schnapssteuer ist nur einer von 66 Vorschlägen zur Rettung der
> Krankenkassen. Die sechs dicksten Sparmaßnahmen im Überblick.
(IMG) Bild: Der Absturz wird jetzt noch teurer und lässt sich damit vielleicht auch verhindern
12 Milliarden Euro: Privat Versicherte zahlen auch
Worum geht es: Wer Bürgergeld bekommt, ist in den gesetzlichen
Krankenkassen versichert. Diese erhalten dafür Geld aus dem Bundeshaushalt
– das deckt die Kosten aber nicht. Aktuell überweist der Staat pro Kopf und
Monat 144 Euro, nötig wären wohl mehr als 400 Euro.
Der Status quo ist unfair, finden die Expertinnen der Finanzkommission
Gesundheit, die [1][Anfang der Woche Vorschläge zur Stabilisierung der
Krankenkassen] vorgelegt hatte. Denn die Finanzlücke bleibt an den
Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen hängen, die entsprechend
höhere Beiträge zahlen. Zumindest, wenn sie nicht privat versichert sind.
Dabei sei die Versorgung von Bedürftigen doch eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe, für die alle Steuerzahler*innen aufkommen sollten.
Was bringt es: Würde der Vorschlag umgesetzt, hätten die Krankenkassen pro
Jahr rund 12 Milliarden Euro mehr, ohne dass die Versorgung leidet. Damit
wäre die Finanzlücke von rund 15 Milliarden Euro, die allein für das Jahr
2027 droht, schon fast gefüllt.
Wie wahrscheinlich ist es: Das Sparpotenzial für die Kassen ist zwar hoch,
im Bundeshaushalt müsste das Geld aber irgendwo herkommen. Der Staat müsste
Steuern erhöhen oder Ausgaben an anderer Stelle streichen. Angesichts der
schwierigen Haushaltslage kaum vorstellbar.
Es sei denn, eine [2][laufende Klage der Krankenversicherungen] hat Erfolg
und Gerichte zwingen die Regierung zu einer Änderung. Aber solche Verfahren
sind langwierig. Das Ergebnis, so die Kommission selbst, „bleibt
abzuwarten“.
5,5 Milliarden Euro: Deckel für Kliniken und Co
Worum geht es: Wenn die Kassen künftig mit Krankenhäusern oder Ärzt*innen
über deren Vergütung verhandeln, soll gelten: Ihr kriegt nicht mehr, als
eure Kosten tatsächlich gestiegen sind, und auf keinen Fall mehr, als die
Lohnentwicklung bei den Versicherten hergibt. Einnahmenorientierte
Ausgabenfinanzierung heißt dieses Prinzip. Es soll für alle
Leistungserbringer gleichermaßen gelten, auch Arzneimittelhersteller – in
den Vergütungsverhandlungen bis 2029 zusätzlich mit einem Abschlag von 1
Prozent.
Was bringt es: Was passiert, wenn die Kosten im jeweiligen Bereich stärker
als die Lohnentwicklung steigen – etwa durch immer mehr ältere
Patient*innen? Die Kommission sieht die Gefahr einer schlechteren
Versorgung jedenfalls nicht, die Maßnahme ziele auf die Vergütung je
Leistung und nicht auf die Leistungsmenge. Mögliche Einsparungen: 5,5
Milliarden Euro für 2027 und sogar 16,6 Milliarden in 2030.
Wie wahrscheinlich ist es: Hier legt man sich wenigstens mit fast allen
Playern des Gesundheitswesens gleichermaßen an. Außerdem war das Prinzip
außer im Arzneimittelbereich schon mal etabliert, und die rechtliche
Umsetzung ist relativ einfach. Bis Oktober müsste das Ganze allerdings in
trockenen Tüchern sein – dann beginnen die nächsten
Vergütungsverhandlungen.
3,5 Milliarden Euro: Mehr Eheleute zahlen selbst ein
Worum geht es: Für gesetzlich Versicherte gibt es bislang einen kräftigen
Familienrabatt. Sowohl Kinder als auch Ehepartner*innen, die nichts bis
wenig verdienen, sind [3][gratis mitversichert]. Letzteres hält die
Kommission für ein Überbleibsel aus der Zeit der Ein-Verdiener-Ehen.
Es gebe inzwischen einen Anspruch auf Kita- und Hortplätze. Die Ehefrauen
(seltener: Ehemänner) würden nicht mehr daheim gebraucht, sondern auf dem
Arbeitsmarkt. Für Ehepartner*innen ohne Einkommen sollen daher Beiträge
von rund 220 Euro pro Monat fällig werden, mit Ausnahmen nur für Familien
mit Kindern unter 6 Jahren, Betroffene im Rentenalter und pflegende
Angehörige.
Was bringt es: 3,5 Milliarden Euro, ohne dass sich die Leistungen
verschlechtern. Betroffene Familien, die oft überdurchschnittlich
verdienen, hätten höhere Ausgaben. Alle anderen Beitragszahler*innen,
darunter auch Mehr-Verdiener-Ehen, müssten für sie aber nicht mehr
aufkommen.
Wie wahrscheinlich ist es: So mittel. CDU und SPD halten sich zurück.
CSU-Chef Markus Söder nannte die Idee schon im Voraus „absurd“. Zu seiner
Klientel gehören viele Familien mit hohen Einkommen und traditionellen
Rollenbildern. Aber auch von Grünen und Linken kommt Kritik: Es sei unfair,
dass für alle Betroffenen die gleiche Pauschale anfiele – egal, wie viel
der Gatte verdient. Und auch die Inflation spreche dagegen, Versicherte
stärker zu belasten.
1,9 Milliarden Euro: Steuer hoch für Tabak, Schnaps und Cola
Worum geht es: Was schädlich ist, soll teurer werden und damit
unattraktiver. Der Vorschlag der Kommission: höhere Abgaben auf Spirituosen
und Tabak, dazu eine neue Softdrinksteuer. Denn Tabak, Alkohol und zu viel
Zucker begünstigen Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden und
Diabetes Typ II. Das belastet das Gesundheitssystem jährlich mit
Milliarden.
Was bringt es: Eine gesunde Bevölkerung ist günstiger. Sparpotenzial: 800
Millionen Euro im Jahr. Und wer seine Gesundheit riskiert, zahlt über die
Steuer auch mehr ins System. Für 2027 berechnet die Kommission 1,9
Milliarden Euro potenzielle Einnahmen. 2030 wären es schon 5,5 Milliarden,
die den Krankenkassen zukommen sollen.
Wie wahrscheinlich ist es: Eine Tabak- und Spirituosensteuer gibt es schon,
sie müsste nur angepasst werden. Rechtlich einfach, aber für die
Käufer*innen wird es dann teurer. [4][Anders bei der Softdrinksteuer],
die nach britischem Vorbild nur für die Hersteller gelten soll. Je mehr
Zucker in der Limo, desto mehr zahlen Unternehmen. Bis zu 32 Cent pro
Liter.
Das Ziel: zuckerarme Rezepturen. Zur Umsetzung bräuchte es ein
entsprechendes Gesetz – mit der CDU in der Regierung ist das jedoch
fraglich. Beim letzten Parteitag wurde ein ähnlicher Vorschlag
abgeschmettert.
1,9 Milliarden Euro: Zuzahlungen erhöhen
Worum geht es: In bestimmten Bereichen müssen erwachsene Versicherte
zuzahlen. Mindestens 5 Euro für ein Medikament zum Beispiel und 10 Euro für
den Tag im Krankenhaus. Und zwar bis zu einer Belastungsgrenze von 2
beziehungsweise 1 Prozent (chronisch Kranke) des Jahreshaushaltseinkommens.
Seit 2004 sind die Beträge nahezu unverändert. Nun sollen sie um 50 Prozent
und künftig automatisch mit der allgemeinen Lohnentwicklung steigen. Die
[5][im Vorfeld diskutierte Zuzahlung für Arztbesuche] hat die Kommission
übrigens nicht in ihre Vorschläge aufgenommen – sie sei, wenn überhaupt,
nur eingebettet in strukturelle Reformen sinnvoll.
Was bringt es: Für Patient*innen, die ihre finanzielle Belastungsgrenze
erreichen und dann für den Rest des Jahres zuzahlungsbefreit sind, würde
sich wenig ändern – außer, dass sie schneller die Grenze erreichen.
Die Kommission fordert aber, dass die Kassen ihre Versicherten künftig
automatisch über das Erreichen der Belastungsgrenze informieren. Für
Menschen, die weniger zuzahlen, würde es schlicht teurer. Die Kommission
räumt ein, dass dann gerade Ärmere auf Leistungen verzichten könnten.
Mögliche Einsparungen für die Kassen: 1,9 Milliarden Euro in 2027.
Wie wahrscheinlich ist es: Man könnte argumentieren, dass die Versicherten
ohnehin schon die hohen Krankenkassenbeiträge zahlen müssen und hier die
Kranken einseitig belastet werden. Ob die Maßnahme durchgeht, sollte daher
von der Ausgewogenheit des Gesamtsparpakets abhängen.
1,3 Milliarden Euro: Keine Prämie für Akuttermine
Worum geht es: 2019 wurden Zuschläge für Fachärzt*innen von bis zu 100
Prozent eingeführt, wenn sie in dringlichen Fällen schnell
Patient*innen versorgen. Eine Folge: Ohne den Dringlichkeitsvermerk der
Hausärztin ist teilweise kaum mehr ein Termin beim Facharzt zu bekommen.
Dadurch wurde eine regelmäßige Sondervergütung geschaffen – ohne dass sich
kürzere Wartezeiten nachweisen ließen. Komplett streichen, sagt die
Kommission.
Was bringt es: Nach Einschätzung der Kommission verändert sich für die
Patient*innen wahrscheinlich nichts, wenn die vor allem von
HNO-Ärzt*innen, Orthopäd*innen und Neurolog*innen liebgewonnene
zusätzliche Einnahmequelle wegfällt. Einsparung: 1,3 Milliarden Euro im
Jahr 2027. Das Problem der langen Wartezeiten bleibt aber so oder so
bestehen und bedarf dringlich struktureller Reformen.
Wie wahrscheinlich ist es: Da bereits der Bundesrechnungshof die
vollständige Streichung empfohlen hat – relativ hoch.
3 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Komission-stellt-Sparplan-fuer-Krankenkassen-vor-Weniger-Limonade-weniger-Knie-OPs/!6167083
(DIR) [2] /Gesundheitskosten-fuer-Buergergeldbezieher/!6134153
(DIR) [3] /Krankenkasse-und-Spardebatte/!6165683
(DIR) [4] /Zuckersteuer-Eine-Idee-die-Krankenkassen-sowie-der-Bevoelkerung-hilft/!6167380
(DIR) [5] /Kontaktgebuehr-bei-Arztbesuch/!6141489
## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
(DIR) Manuela Heim
(DIR) Tobias Schulze
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Krankenkassen
(DIR) Reformen
(DIR) Schnaps
(DIR) Zucker
(DIR) Steuererhöhung
(DIR) Gesundheitswesen
(DIR) Krankenkassen
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) Steuern
(DIR) Krankenkassen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gesundheitsökonom zu Sparmaßnahmen: „Gut, dass das jetzt so schnell geht“
Wolfgang Greiner ist Teil der Expert*innenkommission für die Rettung
der Krankenkassen. Das sagt er zu den Plänen der
Bundesgesundheitsministerin.
(DIR) Finanzlücke im Gesundheitssystem: Warken nennt Details zu Krankenkassenreform
Die Gesundheitsministerin wird konkreter. Die beitragsfreie Mitversicherung
von Ehepartnern soll modifiziert, die Zuzahlung erhöht werden.
(DIR) Sparen im Sozialstaat: Wer zahlt die schwarz-roten Reformen?
Beim Gesundheitssystem und im Haushalt muss gespart werden. Schaffen Merz
und Klingbeil ein sozial gerechtes Paket?
(DIR) Grünen-Politiker zu Krankenkassenreform: „Mutige Reformen bedeuten, sich mit der Lobby anzulegen“
Was taugen die Vorschläge zur Stabilisierung der Krankenkassen-Finanzen?
Oppositionspolitiker Janosch Dahmen sieht Potenzial.
(DIR) Kommission zur Gesundheitsreform: Weniger Limonade, weniger Knie-OPs
Die Krankenkassen müssen sparen. Eine Kommission hat der Regierung 66
Empfehlungen vorgelegt. Die Gratis-Mitversicherung von Ehegatten soll
wegfallen.