# taz.de -- Reform der gesetzlichen Krankenkassen: Die Versicherten haben keine Lobby
> Will man Versicherte nicht übermäßig belasten, müssen Pharmaindustrie,
> Apotheken, Ärzteschaft mehr zahlen. Aber legt sich die Koalition mit
> ihnen an?
(IMG) Bild: Vielleicht werden in den nächsten Jahren mehr Kinder mit schiefen und Erwachsene mit ein paar weniger Zähnen herumlaufen
Halten wir kurz fest: Für ein Medikament müssen Kranke möglicherweise bald
7,50 oder 15 Euro zuzahlen und nicht wie jetzt 5 Euro oder 10. Vielleicht
aber geben sie weitaus weniger für Medikamente aus, weil sie erst gar nicht
zum Arzt gehen, denn das Krankengeld könnte künftig geringer ausfallen.
Vielleicht laufen demnächst mehr auch Kinder mit schiefen und Erwachsene
mit ein paar weniger Zähnen herum – wegen eingeschränkter
kieferorthopädischer Behandlungen und Zahnzusatzleistungen. Ebenso könnten
sich Fälle von Hautkrebs häufen, denn das regelmäßige Screening steht zur
Disposition.
Zugegeben, das ist ein krasses Szenario. Und ja, es ist noch längst nicht
ausgemacht, welche der 66 Vorschläge aus dem Maßnahmenpaket der Kommission
zur [1][Reform der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV)] die
Bundesregierung überhaupt umsetzt. Ebenso klar ist, dass es Reformen geben
muss, soll das Gesundheitssystem weiterhin funktionieren. All das geht
nicht ohne Belastungen – für alle: Versicherte, Krankenkassen, Ärzteschaft,
Pharmaunternehmen. Aber es gibt eine Schieflage: Die Versicherten haben –
im Gegensatz zu Pharmakonzernen, Apotheken, Ärzteschaft – keine starke
Lobby. Den Versicherten bleibt nur, sich zu Hause über die fehlende
Zahnspange für die Tochter aufzuregen und sich klugerweise dafür zu
entscheiden, den Schoko-Osterhasen nicht zu kaufen.
Der dürfte durch die mögliche Zuckersteuer noch teurer werden, für Ärmere
nahezu unbezahlbar. Ungesunde Zuckerprodukte teurer zu machen, ist absolut
richtig, ebenso eine Alkohol- und eine Tabaksteuer. Doch Alkoholkonsum,
Rauchen und Naschen, sind – solange sie im Rahmen bleiben – Gewohnheiten,
die man selbst ändern kann (und sollte). Bestimmte Krankheiten aber kann
man nicht beeinflussen, man ist schlicht auf das System angewiesen. Wer
sich überlegen muss, darauf zu verzichten, gefährdet seine Gesundheit.
Nun muss [2][nicht jedes Zipperlein behandelt und schon gar nicht von einem
Facharzt begutachtet] werden, an dieser Stelle sind also die Versicherten
gefragt. Das ist vergleichsweise leicht umzusetzen, indem man
beispielsweise den Zugang zu Fachärzten besser steuert. Die entscheidende
Frage aber ist, ob sich die Koalition auch mit all den Lobbyverbänden für
Pharmaindustrie, Apotheken, Ärzteschaft anlegt. Die klagen ohnehin immer
über zu wenig Geld – und jetzt durch die anstehende GKV-Reform erst recht.
Die Apothekenlobby alarmiert schon, noch mehr Apotheken würden „sterben“,
Ärzte drohen damit, dass Millionen Arzttermine wegfielen, die Pharmalobby
sieht einen Arzneimittelmangel heraufziehen. Es ist pure
Standesinteressenvertretung, die mit dem lediglich vorgeschobenen
Patientenwohl die Politik erpresst. Dabei gehören gerade Ärzt:innen,
Pharmabeschäftigte, Apotheker:innen zu den Bestverdiener:innen in
diesem Land. Und alle wollen vom Kuchen der gesetzlichen Kassen ein
möglichst großes Stück. Man kennt das ja: Gejammert wird immer dort am
stärksten, wo schon viel ist. Der [3][große Verteilungskrieg] indes geht
erst los.
4 Apr 2026
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(DIR) Simone Schmollack
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