# taz.de -- Grünen-Politiker zu Krankenkassenreform: „Mutige Reformen bedeuten, sich mit der Lobby anzulegen“
> Was taugen die Vorschläge zur Stabilisierung der Krankenkassen-Finanzen?
> Oppositionspolitiker Janosch Dahmen sieht Potenzial.
(IMG) Bild: Gut beraten: Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) mit Mitgliedern der Finanzkommission Gesundheit am Montag
taz: Wie nah sind wir der Rettung der Krankenkassen, Herr Dahmen?
Janosch Dahmen: Das, [1][was die Kommission am Montag vorgelegt hat], ist
eine fundierte Bestandsaufnahme der Probleme und Handlungsoptionen. Wenn
die Bundesgesundheitsministerin diesen Werkzeugkasten nun konsequent und
entschlossen nutzen würde, hätte sie es in Hand, die Krankenkassenbeiträge
stabil zu halten oder sogar zu senken.
taz: Was davon kann und sollte jetzt schnell umgesetzt werden?
Dahmen: Neben den Empfehlungen zu Einsparungen bei Klinikkonzernen, der
Pharmaindustrie und zur Reduktion von Über- und Fehlversorgung ist die
Rückkehr zur einnahmenorientierten Ausgabepolitik absolut sinnvoll. Das
bedeutet, dass die Ausgaben der Krankenkassen nur noch so stark steigen
dürfen, wie sich die Löhne entwickeln und damit Versicherungsbeiträge
eingenommen werden. Das ist fair und nachvollziehbar.
taz: Das würde bedeuten, dass in allen Bereichen die Vergütungen gedrosselt
werden – bei Krankenhäusern, Apotheken, niedergelassenen Ärzt*innen,
Arzneimitteln.
Dahmen: Ja, und die Kommission hat das nicht nur als Ziel vorgestellt,
sondern sehr konkrete Vorschläge zur Umsetzung in all diesen Bereichen
ausformuliert.
taz: 5,5 Milliarden Euro könnten laut Kommission damit im Jahr 2027
eingespart werden. Fehlen immer noch 10 Milliarden Euro, um die Beiträge
stabil zu halten. Die größte empfohlene Maßnahme – die volle Finanzierung
der Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldempfänger*innen über
Steuermittel – soll 12 Milliarden Euro jährlich einbringen.
Dahmen: Inzwischen vertreten ja alle Parteien im Deutschen Bundestag die
Ansicht, dass gesetzlich Versicherte nicht für etwas aufkommen sollten, was
eigentlich eine staatliche Aufgabe wäre. Zu dieser Debatte gehört aber auch
die Frage, wie diese 12 Milliarden staatlich gegenfinanziert werden sollen.
Es wäre naheliegend, das mit einer anderen Empfehlung der Kommission zu
beantworten, nämlich der Erhöhung der Steuern auf krankmachende Stoffe wie
Alkohol, Tabak und Zucker, deren übermäßiger Konsum zusammen jährlich rund
150 Milliarden Folgekosten verursacht.
taz: Sind bei den 66 Maßnahmen auch unerwartete Vorschläge dabei?
Dahmen: Nein, die allermeisten waren bekannt, teilweise seit Jahren.
Steigende Beiträge sind dabei erkennbar kein Naturgesetz, sondern
unmittelbare Folge politischer Untätigkeit.
taz: Wenn die Möglichkeiten so lange bekannt sind, warum haben Sie sie
nicht in der Ampelregierung selbst umgesetzt?
Dahmen: Die Ampel hat zentrale Vorhaben wie die Krankenhausreform und die
großen Digitalgesetze beschlossen, mit denen längst ein effektiveres
Gesundheitssystem möglich wäre. Die [2][Krankenhausreform wurde aber
kürzlich von Ministerin Warken teilweise zurückgedreht], was laut der
Analyse von Wirtschaftsforschungsinstituten Mehrkosten von 9 Milliarden
Euro pro Jahr verursacht. Und bei der Digitalisierung ist seit einem Jahr
Stillstand bei der Umsetzung. Jetzt haben zwar alle eine elektronische
Patientenakte, die hat aber kaum Inhalte und ist deshalb weitestgehend
nutzlos. Am Tag des Ampelbruchs hatten wir im Gesundheitsausschuss außerdem
die Reform der Notfallversorgung beschlussfertig – alle Experten und selbst
die CDU waren sich einig, dass diese nun schnell kommen muss. Damit könnte
nicht nur die Versorgung verbessert werden, sondern es könnten auch 5
Milliarden Euro gespart werden.
taz: Das sind tiefgreifende strukturelle Reformen – die jetzt vorgestellten
Maßnahmen sollen erst einmal schnell Kosten sparen. Müsste man nicht
eigentlich beides zusammen denken?
Dahmen: Auf jeden Fall. Der Koalition fehlt es an einem ambitionierten
Zeitplan. Erst Ende des Jahres soll ihre Kommission in einem zweiten
Bericht Vorschläge für umfassende Strukturreformen der gesetzlichen
Krankenversicherung vorlegen. Es ist deshalb fraglich, ob die dann in
dieser Legislaturperiode überhaupt noch umgesetzt werden.
taz: Schon bei dem kleinen Sparpaket, das Ende 2025 beschlossen wurde, gab
es Gerangel mit der Lobby aus Ärzte- und Krankenhausvertreter*innen. Wie
schnell ist jetzt eine Einigung zu erwarten?
Dahmen: Die Gesundheitsministerin ist bisher stets im Vagen und Ungefähren
geblieben. Um die Beiträge für 2027 stabil zu halten, ist es aber
erforderlich, entsprechende Maßnahmen bereits bis zum Sommer auf den Weg zu
bringen. Mutige Reformen bedeuten dabei übrigens nicht, denen etwas
wegzunehmen, die sowieso schon wenig haben. Sondern sich mit der
einflussreichen Lobby anzulegen, die jedes Jahr Milliarden im
Gesundheitswesen verdient – also mit der Pharmaindustrie, den
Klinikkonzernen, aber auch der Alkohol-, Tabak- und Zuckerindustrie. Bisher
scheut die Union diese Auseinandersetzung. Die Zeche dafür [3][zahlen
Beitragszahler und Betriebe durch steigende Krankenkassenbeiträge] und
höhere Lohnnebenkosten.
31 Mar 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Streit-zwischen-Warken-und-Krankenkassen/!6140658
## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
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