# taz.de -- Kulturstaatsminister Wolfram Weimer: Der Fisch stinkt vom Kopf her
> Wer glaubte, Weimer sei kein rechter Hardliner, sieht sich endgültig
> getäuscht. Viele müssen nun befürchten, unter seinen Hammer zu kommen.
(IMG) Bild: Der Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ in der Kastanienallee, Berlin, stand mit auf Weimers Ausschlussliste
Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Schulhofschläger einmal zu einem
netten jungen Mann heranwächst. Es ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, dass
ein Student, [1][der Verse schreibt über eitertriefende Vergewaltigungen
von Schwangeren,] nicht doch zu Gott oder Einsicht finden wird. Doch wenn
sich ein 54-jähriger Mann [2][in einem „Konservativen Manifest“] Sorgen
macht um den Fortbestand des eigenen Blutes, des Stammes, der Nation, dann
darf man annehmen, dass das Weltbild sitzt.
Wolfram Weimer, seines Zeichens Kulturstaatsminister, Lyriker und Gründer
des rechten Cicero-Magazins, ist ein Mann der Mitte. Sagt er von sich.
Wohlwollend hatte man annehmen können, sein Herz schlage zwar eher rechts,
aber für alle links davon sei auch noch Platz auf unseren deutschen „Wiesen
der blauen Blumen“, die Literaturfreund Weimer gern beschwört.
Dass eben nicht für alle Platz an der Sonne ist, lässt sich an der
[3][Debatte um den Buchhandlungspreis] ablesen. Drei linke Buchläden in
[4][Bremen], Göttingen und [5][Berlin], die Preisgelder zwischen 7.000 und
15.000 Euro erhalten sollten, wurden auf Geheiß Weimers von der
Preisträgerliste gestrichen. Geschäfte also, wo Druckerzeugnisse ausliegen,
die auch jeder andere Buchladen für seine Kund:innen bestellen kann. Grund
für den Ausschluss: Weimer hatte im sogenannten „Haber-Verfahren“ die
Buchläden beim Verfassungsschutz abgefragt und „Erkenntnisse“ erlangt.
Zu frech kommt dem Minister [6][die Fassade des „Golden Shops“ in Bremen]
daher. „Deutschland, verrecke bitte“, prangt dort als Schriftzug, ungleich
höflicher formuliert als [7][im zitierten Punksong von Slime]. Einer der
Buchhandlungen wird laut Süddeutscher Zeitung zudem eine Rolle im
„Kommunikationsnetzwerk der RAF“ nachgesagt, jener Gruppe, die vor 28
Jahren ihre Auflösung bekannt gegeben hatte.
Auf die Vorwürfe reagieren konnten die Buchhandlungen nicht, denn von dem
politischen Hintergrund ihres Ausschlusses erfuhren sie erst aus den
Medien. Erreicht hatte den „Golden Shop“, die „Rote Straße“ und „Zur
schwankenden Weltkugel“ bloß eine automatisierte Absagemail. Sie wurden
leider „von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt“,
hieß es. Was nicht der Wahrheit entspricht: [8][Ebenjene Jury wollte die
drei Buchhandlungen sehr wohl auszeichnen.]
Zu denken, niemand würde aufdecken, dass Weimer in die Preisvergabe
zensorisch eingegriffen hat, ist unklug. Vielleicht noch unklüger als zu
glauben, Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abzusetzen, würde keinen Wirbel
verursachen. In dem Fall war [9][die gesamte Filmbranche auf die Barrikaden
gestiegen,] sodass der Kulturstaatsminister zurückrudern musste.
Angesichts der Buchhandelspreisaffäre ist nun der Literaturbetrieb in
Aufruhr. Die Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse sagte Weimer ab,
man hätte mit Tumulten rechnen dürfen. Rücktrittsforderungen wurden laut,
auch in dieser Zeitung. Aber: Wozu soll das gut sein? Was bei Forderungen
dieser Art stets mitschwingt, ist eine gewisse Sehnsucht nach Anstand.
Doch die Erfahrung spricht gegen den Vertrauensvorschuss, dem man somit dem
Kabinett Merz und auch der mitregierenden CDU gewährt: Irgendeinen Besseren
werdet ihr doch wohl haben. Mit wem aber darf man dann rechnen? Wer findet
Platz neben Gaslobbyistinnen und Nius-Fangirls, hinter Maskenprinzen und
Blackrock-Kanzlern?
Auch wär’s mit einem Rücktritt nicht getan, denn glaubt man der
Süddeutschen Zeitung, ist klar: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Deren
Recherche zufolge wirbt das Bundesinnenministerium bei Ministerien und
Bundesbehörden dafür, Informationen zu Fördergeldanwärtern regelmäßiger
beim Verfassungsschutz abzufragen.
Während Experten Zweifel an der Rechtmäßigkeit des „Haber-Verfahrens“
generell anmelden, würde Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) es am
liebsten routinemäßig anwenden. Ausdrücklich solle dabei vor
Fördergeldempfängern verheimlicht werden, dass es eine Abfrage beim
Verfassungsschutz gab.
Nun muss jede:r Linke für sich eine Haltung zur Konsequenz finden. Die in
der Debatte bereits berührte Frage, ob Linke wirklich Fördergelder vom
Staat annehmen sollten, mutet in einer Welt, in der keine Subventionierung
auch schnell keine Buchhandlung bedeuten kann, zynisch an. Doch auch
darüber lässt sich sicher streiten.
Dass die Erprobung eines Werkzeugs gefährlich ist, das das Zeug hat zur
routinierten Lahmlegung jeglichen zivilgesellschaftlichen Engagements,
sollte außer Frage stehen. Denn man hat zumindest eine Ahnung, in welche
Hände in den nächsten Jahren der Hammer fallen könnte – und wen er dann
alles treffen wird.
14 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Alte-Gedichte-des-Kulturstaatsministers/!6132059
(DIR) [2] /Kulturstaatsminister-Wolfram-Weimer/!6081483
(DIR) [3] /Ausschluss-von-Szene-Buchhandlungen/!6159898
(DIR) [4] /Ausschluss-vom-Buchhandlungspreis/!6160382
(DIR) [5] /Besuch-der-Buchhandlung-Zur-schwankenden-Weltkugel-Was-stoert-Minister-Weimer-an-diesem-Laden/!6161698
(DIR) [6] /Ausschluss-vom-Buchhandlungspreis/!6160382
(DIR) [7] /Rockband-Slime/!5669664
(DIR) [8] /Affaere-um-Buchhandlungspreis/!6161668
(DIR) [9] /Daniel-Kehlmann-Meinungsklima-in-Gefahr/!6158268
## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
## TAGS
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Tricia Tuttle
(DIR) Schwerpunkt Berlinale
(DIR) Buchladen
(DIR) Preisverleihung
(DIR) Buchhandel
(DIR) Schwerpunkt Leipziger Buchmesse
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) GNS
(DIR) Meinungsfreiheit
(DIR) Schwerpunkt Leipziger Buchmesse
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Volkswagen
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Kulturpolitik
(DIR) Buchhandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Abschluss der Leipziger Buchmesse 2026: Es weimerte sehr
Auf der Buchmesse wurde branchenweit Solidarität mit den vom
Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Buchläden bekundet. Auch sonst zeigte
man sich geschlossen.
(DIR) Leipziger Buchmesse ohne Weimer: Kulturkämpfer ohne Rückgrat
Kulturstaatsminister Weimer trifft unpopuläre Entscheidungen und entzieht
sich dann der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie feige ist das denn?
(DIR) VW, Kernkraft, Weimer: Der Kulturgesinnungswart
Ein Traditionsautohersteller vor dem Abgrund, die Abkehr von Kernkraft als
strategischer Fehler – und eine schwere Zeit für den Kulturstaatsminister.
(DIR) Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“: Revolutionen aus der Kiste für zwei Euro
Stöbern, was Kulturstaatsminister Weimer hier wohl stört: ein Besuch im
Berliner Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“, der nun viele neue
Besucher zählt.
(DIR) Affäre um Buchhandlungspreis: Falsche Absage aus dem Hause Weimer
In der Affäre um den Ausschluss dreier Buchläden vom Buchhandlungspreis
wächst der Druck auf den Kulturstaatsminister. Stolpert er über eine
E-Mail?
(DIR) Buchhandelspreis ohne Verleihung: Ein unwürdiges Ende
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Veranstaltung zum Deutschen
Buchhandlungspreis abgesagt. Nicht nur dem Preis hat er nachhaltig
geschadet.