# taz.de -- Abschluss der Leipziger Buchmesse 2026: Es weimerte sehr
       
       > Auf der Buchmesse wurde branchenweit Solidarität mit den vom
       > Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Buchläden bekundet. Auch sonst zeigte
       > man sich geschlossen.
       
 (IMG) Bild: Hier kann man die Treppe noch sehen: Massen an Menschen besuchten die Leipziger Buchmesse
       
       Etwas hatte es auch für sich, die große und [1][alle Gespräche
       überschattende Aufregung um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und den
       Deutschen Buchhandlungspreis:] Romance und das Wohl der Jugendlichen auf
       der als Manga-Messe verschrienen Leipziger Buchsause gerieten in diesem
       Jahr doch etwas aus dem Blickfeld.
       
       Man selbst bewundert in den Agoraphobikern unzumutbaren Comic- und
       Mangahallen die aufwendig kostümierten Jugendlichen aus japanischen
       Parallelwelten. Knappst bekleidete 15-Jährige nimmt man hin, immerhin trägt
       die Jugend nicht Thor Steinar, so denkt man sich. Und die erwachsenen
       Männer, die all diese Jugendlichen für den Heimgebrauch ablichten – nun ja,
       man übersieht sie leicht in den Fluten an Messebesucher:innen.
       
       Eine Weile bleibt man dann doch sinnierend an einem ausschließlich von
       Mädchen und Frauen frequentierten Dark-Romance-Stand stehen, im
       KI-generierten Bild einer knienden, nackten, weinenden Frau, Auge in Auge
       mit einer Pistole, nach Erkenntnis suchend. Inwieweit es sich hier um
       Literatur oder Pornografie handelt und ob Darstellungen dieser Art in
       irgendeiner Verbindung stehen zu dem Klima, das Männern erlaubt, Frauen zu
       misshandeln, etwa in Form von [2][jüngst bekannt gewordenen Fällen
       jahrelanger digitaler Vergewaltigung,] das sind Fragen, die schiebt man
       wohl besser beiseite. Denn Geld muss fließen in den krisengeplagten
       Buchmarkt, und Romance, ja, [3][Romance vermag die Schleusen zu öffnen.]
       
       ## Gelungenes Debüt aus der Donau-Region
       
       Die Donau ist in diesem Jahr Gastland, beziehungsweise Gastregion, das
       gerät mitunter vielleicht ein wenig in den Hintergrund. Passenderweise
       erhielt der bosnisch-kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović den Preis
       für europäische Verständigung. [4][Und Katerina Poladjan wurde mit dem 22.
       Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.]
       
       Aber zurück zur Donau: So stellt Maja Iskra in Leipzig ihren gelungenen
       Debütroman „Uppercut“ vor, der vom Aufwachsen in den 90er Jahren in Belgrad
       erzählt. Sie habe viel aus ihrer eigenen Jugend darin verarbeitet, erzählt
       Iskra, doch habe sie den Krieg, ihre Flucht durch Jugoslawien bewusst
       ausgeklammert.
       
       Trotzdem werde sie stets danach gefragt, als seien die Kriege das Einzige,
       was deutsche und österreichische Leser:innen an dem untergegangenen
       Konglomerat Jugoslawien interessiere, sagt Iskra. Gewalt ist omnipräsent in
       „Uppercut“, weswegen die in Wien lebende Autorin den Roman auf Serbisch
       schrieb. Auf Deutsch hätte sie die gebotene Härte und Körperlichkeit nicht
       ausdrücken können, sagt sie.
       
       Wie Körper und Sprache zusammenwirken, wird auch fernab des Messegeländes
       deutlich. In der Eisengiesserei Westwerk treffen mit [5][Wolfram Lotz] und
       David Hugendick zwei Stotternde aufeinander. Das Sprechen an sich sei das
       Zeigen der Wunde, sagt der Dramatiker Lotz und erzählt, wie der Stotternde
       und sein Gegenüber im Gespräch Zeit und somit die Gegenwart anders
       wahrnehmen. Der Journalist Hugendick bemüht das Gleichnis, Stottern fühle
       sich an, als würde man etwas sehr Großes durch einen Briefschlitz zwängen.
       
       Es sind Veranstaltungen wie diese, die zeigen, was das Messeumfeld auch
       Produktives leisten kann; zwei Autoren, die eigentlich unabhängig
       voneinander ihre Bücher präsentieren, über ein gemeinsames Thema
       zusammenführen.
       
       ## Für Konkurrenz unter Linken ist nicht die Zeit
       
       Das funktioniert auch im Kleinen. So kommen auf einem Panel die
       Literaturzeitschrift metamorphosen und die einst vom marxistischen
       Philosophen Wolfgang Fritz Haug gegründete Zeitschrift Das Argument
       zusammen. In diesen Zeiten könne man es sich nicht mehr leisten, in
       Konkurrenz zu anderen linken Zeitschriften zu gehen, sagt der neue
       Argument-Herausgeber Lukas Meisner.
       
       Im letzten Jahr fand mit der „Seitenwechsel“ [6][zum ersten Mal eine eigene
       rechte Buchmesse in Halle statt.] Die meisten rechten Verlage bleiben den
       großen Messen in Leipzig und Frankfurt mittlerweile fern, doch vereinzelt
       trifft man auch hier Stände in zweifelhafter Aufmachung. Den rechten
       Castrum Verlag etwa, der laut einem Stand-Mitarbeiter so rechts gar nicht
       sei, nein, man sei auf Nihilismus spezialisiert.
       
       Ganz vorn in der Auslage liegt [7][der Roman des AfD-Abgeordneten
       Maximilian Krah.] Dann gibt der Mitarbeiter noch vor, den ebenfalls
       ausliegenden faschistischen Autor Gabriele d’Annunzio nicht zu kennen, und
       irgendwas wird sich der Verlag wohl davon versprechen, Blödheit
       vorzuschützen, obwohl man erklärtermaßen viel Wert auf Intellektualität
       legt.
       
       Der Castrum Verlag steht ziemlich abgesondert von den anderen Verlagen und
       die Richtung auf der Buchmesse ist ohnehin klar: „Verlage gegen rechts“
       haben sich Messebesucher:innen und -teilnehmer:innen in Form eines
       Stickers ans Revers geheftet. Über die Buhrufe, die bei der Eröffnung der
       Buchmesse Wolfram Weimer entgegenschallten, [8][ist bereits ausführlich
       berichtet worden.]
       
       ## Wer weimert hier eigentlich?
       
       Im Schwedischen gibt es das Verb „wallraffa“, womit in Anlehnung an den
       Namensgeber investigative Recherche bezeichnet wird. Ob sich irgendwann
       einmal das „weimern“ durchkonjugieren lässt, wird sich zeigen, und auch
       über die genaue Bedeutung gäbe es womöglich abweichende Meinungen. Weimert
       derjenige, der sich eines Kulturstaatsministers unwürdig verhält, oder sind
       die Weimernden Vorboten eines wachsenden Repressionsapparats gegenüber
       Linken?
       
       Auf der Hanser-Taschenbuchparty, die der Verlag schließlich umwidmete,
       indem er alle prämierten Buchhandlungen (einschließlich der drei
       gestrichenen) einlud, hatte man jedenfalls eher den Eindruck, das Vor- und
       Vergehen Wolfram Weimers stelle einen groben Ausrutscher dar. Verleger Jo
       Lendle verlas unter anderem ein Grußwort von Weimers Vorvorgängerin und
       Initiatorin des Buchhandlungspreises, Monika Grütters. Laut der
       CDU-Politikerin gelte es, gemeinsam zu erreichen, „dass die Buchhandlungen
       als Ort der Debattenkultur nicht verschwinden“. Von einem Messebesuch hatte
       sie aus Gründen – man möge ergänzen: aus parteipolitischen – abgesehen.
       
       Viel Kritik zieht in der Debatte auf sich, dass Weimer beim
       Verfassungsschutz „Erkenntnisse“ über die drei Buchhandlungen erhielt – und
       ebendiese Erkenntnisse für sich behält. Seltener Thema ist: Wie würde der
       Literaturbetrieb denn auf diese wie auch immer gelagerten Erkenntnisse
       reagieren? Wie sicher könnte man sich dann der branchenweiten Solidarität
       sein?
       
       ## Geheimdienst-Fans in der Regierung
       
       Generelle Kritik am aktuell zudem in mehrere Skandale verwickelten
       Verfassungsschutz [9][gibt es zuhauf.] Die Merz’sche Regierung ist Fan des
       Geheimdienstes. Laut Süddeutscher Zeitung wirbt das Bundesinnenministerium
       unter Alexander Dobrindt (CSU) bereits bei Ministerien und Bundesbehörden
       dafür, Informationen zu Fördergeldanwärtern regelmäßiger beim
       Verfassungsschutz abzufragen.
       
       Am Samstag vermeldete überdies der Spiegel: Der sich wenig geläutert
       zeigende Wolfram Weimer lässt nun offenbar die Mitglieder sämtlicher Jurys
       im Bereich der Kulturförderung systematisch in Listen erfassen. Dass einige
       unionsgeführte Bundesländer die umstrittene US-Spionage-Software Palantir
       des rechten Tech-Unternehmers Peter Thiel verwenden, deren Einsatz Dobrindt
       gern auch auf Bundesebene durchsetzen würde, steht auf demselben Blatt.
       
       Schwerer als das Vergehen, Erkenntnisse des Verfassungsschutzes nicht zu
       veröffentlichen, wiegt also die dem Ganzen zugrunde liegende Haltung:
       Weimer imaginiert eine Bedrohung von links, weiterhin fest im Sattel seines
       Amtes, [10][das Hufeisen in der Hand.] Wer weiß, womöglich zieht in diesen
       Zeiten gar einmal diese Zeitung den Unmut der Christdemokraten auf sich.
       Z[11][um Beispiel den der Bundestagspräsidentin,] der es einfallen könnte,
       die taz mit einem rechten Hetzportal zu vergleichen.
       
       22 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Kulturstaatsminister Wolfram Weimer: Der Fisch stinkt vom Kopf her
       
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       getäuscht. Viele müssen nun befürchten, unter seinen Hammer zu kommen.