# taz.de -- Anschlag auf Stromnetz in Berlin: „Es gibt keine absolute Sicherheit“
       
       > Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz hat eine Schwachstelle getroffen,
       > sagt Energieexperte Kai Strunz. Es brauche mehr dezentrale Netzwerke.
       
 (IMG) Bild: Baustelle an der ausgebrannten Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde
       
       taz: Herr Strunz, nach dem [1][Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz]
       sind weiter zehntausende Haushalte ohne Strom. Wie kann es sein, dass ein
       Feuer an nur einer Stelle einen derart großen Stromausfall verursacht? 
       
       Kai Strunz: Das betroffene Netzgebiet wurde über Hochspannungskabel in
       einer Kabeltrasse über den Teltowkanal versorgt. Alle Kabel dieser Trasse
       wurden beim Sabotageakt zerstört. Weil es keinen alternativen
       Versorgungsweg für das Gebiet gab – eine sogenannte Redundanz – führte die
       Zerstörung der Kabeltrasse zwangsläufig zu einem großflächigen Blackout.
       
       taz: Dabei heißt es doch oft, das Stromnetz funktioniere nach dem Prinzip
       n-1: Wenn eine Komponente ausfällt, springt eine andere ein. 
       
       Strunz: Das gilt tatsächlich nur für das bundesweite und europäische
       Übertragungsnetz im Höchstspannungsbereich. Das ist sozusagen „vermascht“,
       sodass es immer eine Redundanz gibt. Im regionalen Verteilungsnetz wie
       jenem in Berlin gibt es hingegen nicht zwingend überall Redundanzen. Damit
       ist im Übertragungsnetz die Sicherheit grundsätzlich höher als im
       Verteilungsnetz.
       
       taz: Ist Berlins Stromnetz also [2][nicht widerstandsfähig genug]? 
       
       Strunz: Wenn man den Ausfall in Berlin analysiert, muss man selbstkritisch
       sagen: Ja, es war nicht widerstandsfähig genug. Das bedeutet aber nicht,
       dass das Berliner Stromnetz insgesamt von keiner guten Qualität wäre. In
       Kennzahlen zur Zuverlässigkeit hat das Berliner Stromnetz jahrelang auch im
       weltweiten Vergleich Spitzenwerte aufgewiesen. Aber es gibt eben auch
       einige weniger geschützte Anlagen, durch die das Stromnetz leider auch zu
       einem einfachen Anschlagsziel wurde. Da gibt es eine deutliche Parallele
       zum [3][Anschlag vom vergangenen September], bei dem auch eine
       vergleichsweise schwach geschützte und zugleich wichtige Stelle getroffen
       wurde.
       
       taz: In Berlin verlaufen bereits 99 Prozent des Stromnetzes unter der Erde.
       Das restliche Prozent soll nach und nach folgen, um für besseren Schutz
       solcher neuralgischen Punkte zu sorgen. Ist das der richtige Weg hin zu
       einem robusten Netz? 
       
       Strunz: Es ist gut, dass der größte Teil des Berliner Netzes bereits unter
       der Erde liegt. Das trägt zum Schutz gegen Sabotage bei. Aber auch
       oberirdische Anlagen müssen gegen äußere Eingriffe jeder Art und eben auch
       Brände und Explosionen geschützt werden. Es kommt jedoch nicht allein auf
       Einzelmaßnahmen an.
       
       taz: Was heißt das? 
       
       Strunz: Für das Stromnetz ist Robustheit natürlich zentral. Wichtig sind
       aber auch die Faktoren Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit. Nur wenn man das
       gesamte System betrachtet, kann man die Entwicklung der Infrastruktur
       sinnvoll koordinieren. Und die funktioniert über mehrere Sparten hinweg:
       Strom, Wärme und Verkehr müssen zusammen gedacht werden. Nur aus einer
       solchen Analyse lassen sich Maßnahmen ableiten und priorisieren, wo man den
       Hebel zuerst ansetzt.
       
       taz: Was wären das für Maßnahmen, um künftig besser gegen Sabotageakte oder
       Unfälle gewappnet zu sein? 
       
       Strunz: Wir unterscheiden zwischen präventiven und reaktiven Maßnahmen.
       Zunächst wollen wir ja verhindern, dass es überhaupt zu einem Ausfall
       kommt. Also: Schutz vor Sabotageakten aller Art, inklusive Cyberangriffen,
       und eben die Schaffung von Redundanzen. Die reaktiven Maßnahmen greifen
       dann, wenn es trotzdem zu einem Ausfall kommt. In dem Fall kommt es darauf
       an, das Netz wieder rasch herzustellen. Hier sollten dezentrale Erzeuger
       und Speicher eine wichtige Rolle spielen. Ein Stichwort sind sogenannte
       Inselnetze, die bei einem Ausfall auch dezentral Netzspannung
       bereitstellen. Diese sind technologisch durchaus anspruchsvoll.
       
       taz: Warum? 
       
       Strunz: Die Systeme müssen automatisiert funktionieren: Sie müssen
       erkennen, wenn es einen Netzfehler gibt und automatisch in Betrieb gehen.
       Die dezentralen Einheiten sind entsprechend zu regeln. Als Teil eines
       Gesamtpakets sind Inselnetze eine wirklich gute und sinnvolle Maßnahme. Wir
       erarbeiten solche Lösungen an unserem [4][Forschungscampus Mobility2Grid]
       der TU Berlin.
       
       taz: Die Bundesregierung hat im September [5][das sogenannte
       Kritis-Dachgesetz] zum Schutz von kritischer Infrastruktur beschlossen.
       Wird dadurch das Stromnetz sicherer? 
       
       Strunz: Das Gesetz verpflichtet alle Betreiber kritischer Infrastruktur,
       Pläne für die Resilienz zu erstellen, umzusetzen und auch nachzuweisen. In
       diesem Sinne ist das Gesetz positiv zu bewerten, gerade auch hinsichtlich
       einer Verbesserung der Sicherheit. Es sieht auch eine Risikoanalyse vor,
       die mögliche Schwachstellen identifizieren kann. Und hier ist es eben
       zentral, das gesamte System über Sektoren hinweg zu betrachten. Eine
       Garantie für absolute Sicherheit gibt es nicht, es gilt
       Ausfallwahrscheinlichkeiten zu minimieren.
       
       5 Jan 2026
       
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 (DIR) [4] https://mobility2grid.de/
 (DIR) [5] /Kritis-Dachgesetz-der-Bundesregierung/!6113183
       
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 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
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