# taz.de -- Nach Anschlag auf Stromkabel in Berlin: „Sie schreiben in epischer Ausführlichkeit“
       
       > Zu dem Anschlag in Berlin bekennt sich die Vulkangruppe. Es gibt aber
       > Gerüchte: Waren es doch die Russen? Eine Linguistin analysiert die
       > Schreiben.
       
 (IMG) Bild: Zappenduster: Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom, am 4. Januar 2026
       
       taz: Frau Müller, Sie sind Sachverständige für forensische Linguistik und
       haben für uns das Bekennerschreiben zum [1][Anschlag auf das Berliner
       Stromnetz] gelesen. Es kursiert das Gerücht, dass russische Agenten
       dahinterstecken und keine Linksradikalen. Haben Sie darauf Hinweise
       gefunden?
       
       Gudrun Müller: Ich sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass es aus dem
       Russischen übersetzt wurde. Es hat für mich den Anschein, dass sich hier
       eine Gruppe zusammengefunden hat, die mit einer immer ähnlichen Signatur
       sowohl Texte schreibt als auch Anschläge verübt.
       
       taz: Wäre es für russische Agenten nicht möglich, es mit einer KI so
       aussehen zu lassen, dass Linke für den Anschlag verantwortlich sind? 
       
       Müller: Nach meiner Erfahrung geraten Übersetzungen mit Chatbots früher
       oder später sprachlich holprig. Die verwendeten Sprachspiele wie „mann“
       statt „man“ oder Wendungen wie „den Saft abdrehen“ wären nicht so
       geschmeidig zu übersetzen gewesen. Auf der anderen Seite erstellen Chatbots
       klarere Gliederungen, die visuell strukturieren. Das passt nicht zum
       vorliegenden Schreiben, ein eher kompakter Text mit wenig erkennbarer
       äußerer Struktur.
       
       taz: Haben Sie weitere Hinweise entdeckt? 
       
       Müller: Das ausdifferenzierte Gender, das sehr bewusst eingesetzt wird.
       Frauenhasser, Macher, Schlächter sind hier immer männlich. Auf der anderen
       Seite sind zum Beispiel Kritiker:innen und Anwohner:innen immer
       auch weiblich und damit positiv konnotiert.
       
       taz: Was ist mit den Rechtschreibfehlern? Zum Beispiel wird der
       [2][US-Vizepräsident J. D. Vance als „Vans“] und Franziska Giffey als
       „Giffay“ geschrieben. 
       
       Müller: Vance als „Vans“ zu schreiben, wie die Turnschuhmarke, finde ich
       jetzt nicht typisch russisch. Außerdem kann das schon mal passieren, wenn
       man unter Druck steht und viel koordinieren muss. Das sieht man auch an den
       kleinen Tippfehlern, die immer wieder zu finden sind.
       
       taz: Sie haben sich auch in den vergangenen Jahren mit den
       Bekennerschreiben beschäftigt. Was zeichnet Texte der Vulkangruppe aus?
       
       Müller: Auf der stilistischen Ebene auffallend oft das Verb „machen“: zum
       Beispiel „öffentlich gemacht“ statt veröffentlicht – der oder die Verfasser
       sehen sich als „Macher“. Es sind Leute, die routiniert und in epischer
       Ausführlichkeit schreiben können, gerne politisieren und einen
       akademischen, kosmopolitischen Hintergrund haben. Sie erwähnen wie
       selbstverständlich die Uiguren und nehmen Bezug auf internationale
       Vernetzungen.
       
       Inhaltlich erkenne ich eine Gruppe, die unter Druck steht. Die nicht will,
       dass die Welt weiter ausgebeutet wird, und nicht mehr weiß, wie sie
       Einfluss nehmen soll. Die glaubt: Die Welt geht vor die Hunde. Gleichzeitig
       bringt sie ein gewisses Heilsdenken mit, wenn sie schreibt: „Wir sind
       zuversichtlich, dass im Dunkeln das Licht nicht weit ist.“
       
       taz: Jetzt wird es chaotisch: Nach dem ersten Bekennerschreiben erschien
       [3][eine Richtigstellung und anschließend eine Distanzierung] einer
       vermeintlich anderen Vulkangruppe. Was machen Sie daraus? 
       
       Müller: Die neuen Schreiben sind beide sehr kurz, das kann fast jeder
       geschrieben haben. Um das ausführlich zu beantworten, braucht es viel Zeit
       und ein umfassendes Gutachten. Die Schreiben zeigen aber: Die Gruppe oder
       Gruppen sind verunsichert und sorgen sich um das Echo in der Gesellschaft.
       
       taz: Was sind klassische Hinweise auf linke Bekennerschreiben? 
       
       Müller: Auf der einen Seite das klare Feindbild. Beim Bekennerschreiben
       nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk war die Sprache noch hasserfüllter. Da
       wurde Elon Musk als „Elend Musk“ bezeichnet. Beim aktuellen Schreiben sind
       es die Reichen mit den imperialen Lebensweisen, die Raubbau an der Erde
       betreiben und die Lebensgrundlagen der Bäuer:innen zerstören. Auf der
       anderen Seite zeigen sie sprachlich eine fürsorgliche Haltung, wenn sie
       betonen, sie wollten die „weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten
       Berlins“ nicht treffen. Sie rechtfertigen sich und appellieren zu
       Solidarität.
       
       taz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie Bekennerschreiben analysieren? 
       
       Müller: Ich klopfe verschiedene Kategorien ab. Ist der rote Faden
       zusammenhängend oder mäandernd? Gibt es eine bestimmte Einleitung oder
       Formeln im Text, die der Autor oft verwendet? Welche Fehler kommen
       wiederholt vor? So lassen sich Parallelen zwischen dem aktuellen
       Bekennerschreiben und denen der Vergangenheit ziehen. Ich gehe daher davon
       aus, dass die Autorenschaft des Bekennerschreibens nach dem Anschlag auf
       das Tesla-Werk mit der übereinstimmt, die sich in Berlin zu dem
       Brandanschlag bekannt hat.
       
       taz: Gibt es absolute Sicherheit in Ihrer Arbeit? 
       
       Müller: Die Arbeit mit Sprache ist immer Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten –
       100-prozentig sicher ist es nie.
       
       7 Jan 2026
       
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