# taz.de -- Stromausfall im Berliner Südwesten: Zu Hause in Blackouthausen
> Was tun ohne Strom? Unser Autor hat die Winternacht mit Campingkocher und
> Kurbelradio duchgestanden und dabei ganz besondere Wärmequellen gefunden.
(IMG) Bild: Eine Kerze steht während des Stromausfalls im Südwesten Berlins in einem Fenster
Der Anruf kommt kurz vor der Zugabfahrt zurück nach Berlin: Stromausfall
bei uns im Südwesten der Stadt, berichtet die Gattin am Telefon. Aber das
würde sicher bald wieder werden, irgendwer habe erzählt, am Samstagabend um
18.30 Uhr solle der Schaden behoben sein. Auf der Zugfahrt, als das
Internet noch geht, nicht wie später zu Hause, ist ganz anderes zu lesen:
dass zwar Haushalte in Lichterfelde abends möglicherweise wieder Strom
haben, aber nicht der große Rest in Zehlendorf und noch weiter westlich in
Nikolassee und Wannsee.
Als sich die S-Bahn Zehlendorf nähert, keimt dennoch Hoffnung auf: Zwei
Stationen vorher ist noch alles hell, in den Fensterscheiben der Häuser an
der Strecke strahlt die Weihnachtsbeleuchtung. Dann wird es plötzlich links
der Bahnlinie duster.
So muss man sich wohl eine Demarkationslinie vorstellen: Nördlich der
Brücke über die Bahnschienen völlig normales Leben, ein paar Meter weiter
südlich „Dunkeltuten“, wie Franziska Giffey [1][das mal in der Energiekrise
im Herbst 2022 ausgedrückt hat], als sie noch Berlins Regierungschefin war.
Jetzt ist sie diejenige, die als Wirtschaftssenatorin sagen muss, dass
dieser Anschlag – am [2][Sonntagmorgen wird ein Bekennerschreiben
vorliegen] – noch schwerwiegender ist [3][als der vor knapp vier Monaten in
Köpenick im Südosten der Stadt].
Zu Hause ist es heimelig von zwei Dutzend Kerzen und Teelichtern erhellt.
Trotzdem ruft das jetzt nach innerer Erbauung – um 18 Uhr ist ja der
Vorabendgottesdienst in unserer Kirchengemeinde. Ob da wirklich was los
ist? Einfach mal hinradeln an diesem Abend mit mehr Schnee als den ganzen
bisherigen Winter. Die Kirche ist tatsächlich offen und von Kerzen
erleuchtet, ein paar Leute haben ein Klavier aus einem Seitenraum nahe an
den Altar gewuchtet – die Orgel funktioniert ohne Strom ja nicht. Und vom
Klavier intoniert die Organistin [4][gleich mal Nummer 450 im Gesangbuch]:
„Gottes Sohn ist wie Licht in der Nacht“.
## Abendessen auf dem Campingkocher
Seelenlabung ist also abgehakt, jetzt muss noch was gegen den ganz profanen
Hunger her. Kein Problem, wir haben ja einen Campingkocher mit Gaskartusche
– und der ist ausnahmsweise nicht irgendwo, sondern tatsächlich in
Reichweite. So kommt auch endlich das Einweckglas mit einer Art Szegediner
Gulasch weg, das wir vor über einem Jahr geschenkt bekommen haben. Dazu ein
paar angeröstete Speckstückchen, und fertig ist die Lagerfeueratmosphäre.
Noch dazu, wo wir einen Kamin haben.
Das Skurrile: Eigentlich könnten wir uns das mit dem Campingkocher komplett
sparen und einen Kilometer weiter ganz gediegen essen gehen. Es ist ja
nicht wie in Marc Elsbergs Schreckenszenario „Blackout“ flächendeckend
Stromausfall. Ein paar Schritte aus der betroffenen Zone raus, und man kann
Leute treffen, die davon gar nichts mitbekommen haben. Keine 400 Meter
entfernt beginnt der Nachbarstadtteil Lichterfelde, der am Abend komplett
wieder mit Strom versorgt sein soll. Trotzdem bleiben wir zu Hause.
Internet gibt es nicht, aber irgendwie ploppen auf dem Handy Nachrichten
aus dem Chat unseres Triathlonvereins Weltraumjogger auf: Angebote von
Stromaufladen bis hin zum mehrtägigen Übernachten für bis zu vier Personen.
Der Gottesdienst hat ja schon für innere Wärme gesorgt, aber so was legt
emotional noch ein paar Grade drauf.
Und irgendwo muss doch dieses Kurbelradio sein, das es mal als
Werbegeschenk eines Bekleidungsversandhauses gab. Tatsächlich, hinten im
Schrank. Und das klappt wirklich. Schlauer wäre es zwar gewesen, den Akku
von diesem Ding immer mal wieder zu füllen, aber so ist das eben mit dem
ganz persönlichen Katastrophenschutz – auch an Konserven bleibt uns jetzt
nur noch eine Dose Linsensuppe, eine große immerhin. Und die
Nachfüllflasche für die beiden Öllampen für kuschelige Gartenatmosphäre ist
ebenfalls alle.
## Unsere Vorratshaltung könnte besser sein
Nach ein paar Dutzend Mal kurbeln kommen aus dem Radio tatsächlich Musik
und Nachrichten raus – auch wenn die nicht so erfreulich sind, weil da
wieder von „Stromausfall kann bis Donnerstag dauern“ die Rede ist.
Glücklicherweise halten die aufladbaren Fahrradleuchten noch als Leselampen
durch – irgendwas Nettes, die packende Hörspielfassung von „Blackout“ mit
Christoph Maria Herbst käme jetzt nicht so gut.
Sonntagmorgen: Es hat noch mehr geschneit, aber die Scheiben sind nicht
zugefroren. Weil wir um unsere Wasserleitungen fürchten, geht eine SMS an
einen befreundeten Monteur. Der gibt Entwarnung, solange wir regelmäßig
Wasser durchlaufen lassen. Falls wir uns ausquartieren, sollen wir die
Rohre leer laufen lassen. Hoffentlich hat er recht.
Auf dem Weg zur taz geht es über den Teltowkanal in Sichtweite an jener
Kabelbrücke vorbei, an dem Brandstiftung all das ausgelöst hat. Gruselig.
Hätte da jemand rund um die Uhr stehen und eine offenbar überaus
neuralgische angreifbare Stelle überwachen müssen? Nachher ist man immer
schlauer – so wie bei der nicht vorhandenen Vorratshaltung bei uns zu
Hause.
Jetzt sollen dort Experten ran, um die Stromversorgung im Südwesten wieder
komplett hinzukriegen. Vielleicht schaffen sie es ja doch schon vor
Donnerstag.
4 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Berliner-Senat-reagiert-auf-Gasknappheit/!5871850
(DIR) [2] /Stromausfall-in-Berlin-dauert-an/!6142594
(DIR) [3] /Stromausfall-in-Berlin-beendet/!6113539
(DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=pigoPp3xUrg
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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