# taz.de -- Brandanschlag auf Stromnetz in Berlin: Ohne Netz und Boden
       
       > Der andauernde Strom-Blackout in Teilen des Berliner Südens zeigt, wie
       > angreifbar und verwundbar die Infrastruktur der Hauptstadt ist.
       
 (IMG) Bild: Zappenduster ist es hinter vielen, vielen Fenstern in Berlin-Lichterfelde
       
       Ein Feuer, ein Bekennerschreiben, ein massiver Stromausfall: Nach einem
       Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Süden waren am Sonntag
       weiterhin zehntausende Haushalte in dem Gebiet ohne Strom. „Wir haben einen
       akuten, sehr, sehr großen Schaden“, sagte Berlins Wirtschaftssenatorin
       Franziska Giffey (SPD), die auch für Infrastruktur und damit das Stromnetz
       zuständig ist. Die Reparaturarbeiten werden voraussichtlich bis Donnerstag
       dauern, wohl dann erst wird der Großteil der insgesamt 45.000 betroffenen
       Haushalte sowie 2.000 Gewerbekunden wieder versorgt werden.
       
       Am frühen Samstagmorgen hatten Brandsätze an einer Kabelbrücke über den
       Teltowkanal im Ortsteil Lichterfelde fünf Hochspannungskabel sowie einige
       Mittelspannungskabel zerstört. Die Brücke liegt in unmittelbarer Nähe zum
       Heizkraftwerk Lichterfelde, das den Berliner Süden mit Strom und Fernwärme
       versorgt. Die Folge: der [1][Blackout bei teils heftigem Schneefall und
       Temperaturen um den Gefrierpunkt].
       
       Die anarchistische „[2][Vulkangruppe]“ bekannte sich wenig später zu dem
       Brandanschlag. Das Bekennerschreiben stuft die Berliner Polizei
       mittlerweile als authentisch ein. In [3][dem Pamphlet] behauptet die
       Gruppe, dass Stromausfälle nicht das Ziel der Aktion gewesen seien, sondern
       die fossile Energiewirtschaft. „Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in
       Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert“, heißt es darin.
       
       Die „Vulkangruppe“ [4][verübt seit 2011 immer wieder Anschläge gegen das
       Stromnetz] in Berlin und Brandenburg. Diese richteten sich mal gegen
       Bahn-Infrastruktur, mal gegen Forschungsinstitute – und 2024 auch [5][gegen
       das Tesla-Werk in Grünheide].
       
       Erst vergangenen September hatte ein Brandanschlag auf zwei Strommasten im
       Ortsteil Johannisthal [6][die Stromversorgung im Südosten Berlins
       lahmgelegt]. Auch damals waren die Täter äußerst planvoll vorgegangen und
       hatten sich anschließend per Bekennerschreiben zu Wort gemeldet. Es ist
       zwar nicht final geklärt, ob die „Vulkangruppe“ auch hinter jenem Anschlag
       steckt. Ermittler gehen aber zumindest von einem Zusammenhang aus, zumal
       das aktuelle Bekennerschreiben auch den vorigen Anschlag erwähnt.
       
       Für die Sicherheitsbehörden ist bis heute unklar, wer hinter der
       „Vulkangruppe“ steckt – und ob es überhaupt immer dieselben Personen sind.
       Der Berliner Verfassungsschutz geht von einem zumindest „(teil-)identischen
       Autorenkreis“ der Bekennerschreiben aus, da diese sich in mindestens acht
       Fällen in Aufbau, Stil und Inhalt ähnelten.
       
       „Es ist inakzeptabel, dass erneut offenkundig Linksextreme unser Stromnetz
       angreifen und damit Menschenleben gefährden“, sagte Berlins Regierender
       Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Sonntag. Der Schutz der kritischen
       Infrastruktur habe für den Senat oberste Priorität, so Wegner.
       
       ## Geringer Aufwand, große Wirkung
       
       Doch diesen Schutz zu garantieren ist offensichtlich nicht so einfach. Zwar
       hat Berlin im Vergleich zu Flächenländern den Vorteil, dass hier bereits 99
       Prozent der 35.000 Kilometer Stromleitungen unterirdisch oder durch Häuser
       verlaufen. Doch der kleine Rest, der überirdisch liegt, bietet Punkte, die
       sich mit relativ geringem Aufwand und großer Wirkung stören lassen: „Wenn
       jemand weiß, wo die Kabeltrassen verlaufen und die Umspannwerke stehen,
       kennt er die verwundbaren Punkte des Systems“, sagte der Energieexperte
       Philipp Blechinger nach dem Blackout [7][im September zur taz].
       
       Es ist Wissen, über das die „Vulkangruppe“ offenkundig verfügt. Bei der
       Kabelbrücke am Kraftwerk handele es sich um eine Konstruktion, wie es sie
       rund 400-mal in Berlin gebe, erläuterte Wirtschaftssenatorin Giffey: „Das
       sind Kabelverlegungen, die über eine Brücke das Wasser überqueren, weil das
       technisch nicht anders möglich ist.“
       
       Wie auch schon beim Anschlag im September 2025 hat wohl erneut die
       sogenannte Redundanz versagt. Redundanz bedeutet, dass beim Ausfall der
       Hauptleitung sofort eine zweite Leitung die gesamte Last übernimmt. Letztes
       Jahr beschädigten die Täter einen zweiten Strommast, der diese Funktion
       erfüllen sollte. In Lichterfelde könnte es sein, dass die Leitungen
       nebeneinander verliefen, sodass es womöglich besonders einfach war, beide
       gleichzeitig zu zerstören.
       
       Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin arbeitet jetzt auf zwei Wegen an der
       Wiederherstellung der Stromversorgung. Während die beschädigte Kabelbrücke
       repariert wird, soll gleichzeitig eine provisorische Lösung für die
       betroffenen Haushalte entstehen. Dafür sollen zwei Leitungen
       zusammengeführt werden, erklärte ein Stromnetz-Sprecher.
       
       Das sei sehr kompliziert, weil hier zwei verschiedene Kabeltechnologien im
       Einsatz seien. Für die Verbindungen brauche es speziell ausgebildete
       Experten, Plusgrade, eine rund 14 Meter lange, tiefe Baugrube und eine
       möglichst staubfreie Umgebung, so der Sprecher.
       
       Bis zum Sonntagnachmittag konnten so rund 10.000 Haushalte und 300
       Gewerbekunden wieder mit Strom versorgt werden. Allerdings verschärfte sich
       unterdessen die Lage in den verbliebenen rund 35.000 Haushalten, weil es in
       den Wohnungen immer kälter wird. Um Hilfsangebote besser koordinieren zu
       können und auch Bundeswehr, Bundespolizei und Hilfsorganisationen
       einzubeziehen, hat Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Sonntag
       die sogenannte Großschadenslage ausgerufen.
       
       4 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Stromausfall-im-Berliner-Suedwesten/!6142629
 (DIR) [2] /Vulkangruppe/!t5996802
 (DIR) [3] https://knack.news/14715
 (DIR) [4] /Anarchistische-Brandleger/!5996893
 (DIR) [5] /Bekennerschreiben-der-Vulkangruppe/!5996808
 (DIR) [6] /Nach-Brandanschlag-auf-Strommasten-/!6109290
 (DIR) [7] /Vulnerable-Stromnetze/!6110102
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
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