# taz.de -- Notunterkunft nach Stromausfall: Die Solidarität ist spürbar
> Im Bürgersaal in Zehlendorf können Betroffene einen Schlafplatz für die
> Nacht finden oder ihr Handy laden. Viele bieten private Unterstützung an.
(IMG) Bild: Betroffene in der Notunterkunft im Cole Sports Center
An der S-Bahn-Brücke unter dem Bahnsteig Zehlendorf hängen etwa 15
Zentimeter lange Eiszapfen. Seit Tagen liegt Schnee. Vergangene Nacht
fielen die Temperaturen auf minus 6 Grad.
Hinter der Eingangstür des Zehlendorfer Bezirksamtes läuft der Strom,
laufen die Heizungen und die Handys laden voll. Bereits in der
Eingangshalle sitzen einige Menschen auf Treppenstufen oder Stühlen und
laden ihre Telefone an Mehrfachsteckdosen.
So wie Peter und Ingrid Lenz*. Obwohl sie einen Kamin haben, bekommt das
Ehepaar ihr Haus nicht mehr auf über 12 Grad geheizt. Die beiden sind 77
Jahre alt und haben die ersten zwei Nächte noch zu Hause geschlafen. „Für
heute suchen wir nach einem bezahlbaren Hotelzimmer“, sagt Peter Lenz.
Freunde hätten den beiden angeboten, bei ihnen zu übernachten. „Die
Hilfsbereitschaft war erstaunlich, aber wir wollen unsere Freunde auch
nicht in ihrem Alltag stören“, meint Lenz.
Am Montag [1][fehlen in Berlin aktuell noch 28.000 Haushalten und 150
Gewerbekunden der Strom.] Grund dafür ist ein Brandanschlag auf mehr als
ein Dutzend wichtige Leitungen am frühen Samstagmorgen. Die Schäden am
Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin so
schwerwiegend und die Reparatur ist so kompliziert, dass voraussichtlich
erst am Donnerstag wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden können.
Zahlreiche Schulen und Kitas im Bezirk bleiben bis einschließlich Mittwoch
geschlossen. Es gibt Notbetreuung für Grundschüler:innen an anderen
Schulen.
## Solidarität unter Berliner:innen
Zwei große mobile Schwarze Bretter hat das Bezirksamt aufgestellt. Hier
sammeln sich auf bunten Zetteln private Hilfsangebote mit Telefonnummern.
Eine Familie aus dem Kreuzberger Bergmannkiez bietet ein Zimmer zum
Übernachten für eine Familie, Senioren oder Menschen mit Haustieren. Nicola
und Andreas bieten eine Übernachtung für mehrere Tage an, inklusive
Abholservice. Constanze bietet Hausaufgabenbetreuung für Schüler an.
Über das Bezirksamt führt ein ausgeschilderter Weg in den Bürgersaal, in
dem sich auch eine der sechs Notunterkünfte befindet. Henri Moschner,
Pressesprecher der [2][Berliner Feuerwehr], ist vor Ort, um sich ein Bild
der Lage zu verschaffen.
„Heute haben hier im Bürgersaal Zehlendorf fünf Personen geschlafen“, so
Moschner, der Sprecher der Feuerwehr. Er gehe davon aus, dass einige in
ihren kalten Wohnungen und Häusern ausharren würden, dies aber nicht für
weitere Nächte tun können.
Doch nicht alle möchten ihre eigenen vier Wände verlassen, trotz Kälte. Die
Gründe dafür sind vielfältig. Einige haben Angst vor Einbrüchen, da sich
die Nachricht verbreitet, dass viele im Berliner Südwesten ihre Wohnungen
verlassen. Für Oliver Klews kommen noch weitere Gründe hinzu. Der
58-Jährige hat ein Aquarium mit einem 500-Liter-Becken.
„Das Wasser darf nicht zu kalt werden“, erklärt Klews. Er habe unter
anderem einen 30 Jahre alten Wels. „Der ist älter als meine Tochter, zu dem
habe ich eine starke Bindung. Der kann jetzt nicht draufgehen.“ Dass er
eine Lungenentzündung habe, würde ihn nicht davon abhalten, woanders zu
übernachten. Er müsse mit dem Campingkocher Wasser für seine Fische
erhitzen, um es dem kalten Wasser unterzumischen.
## Ehrenamtliche reisen deutschlandweit an
Im Bürgersaal stehen hinter Tischen Männer in blauen Westen und belegen
Brötchen. Auf ihren Westen steht [3][„Humanity First“], eine unabhängige
muslimische Hilfsorganisation. Es sind Ehrenamtliche, die hier seit Sonntag
tatkräftig Betroffene versorgen. Rizwan Ahmed leitet den Einsatz in Berlin.
„Heute haben wir mehr als 500 Brötchen belegt“, berichtet er. Ahmed kommt
gerade von einem kurzen Rundgang aus der Matterhornstraße, die die
S-Bahn-Stationen Mexikoplatz und Nikolassee verbindet. „Wir haben den
Menschen Kaffee und Brötchen gebracht. Der Kaffee ist jetzt leer“, erzählt
Ahmed. Es würde neuer Kaffee gekocht und in der Khadija-Moschee in
Berlin-Pankow kochen sie Mittag- und Abendessen.
Essen und Getränke seien durch Spenden finanziert. „Wir spenden sogar
selbst!“, sagt Ahmed lachend. Heute Abend kommen noch weitere Ehrenamtliche
von Humanity First an, um einen Schichtdienst zu ermöglichen. Dann werden
sie von Dortmund, Frankfurt, Karlsruhe und Hamburg angereist sein.
Verstärkung können sie gut gebrauchen, zumal die Feuerwehr mit einer
höheren Auslastung der Hilfsangebote rechnet.
Auf dem Weg zum Bürgersaal haben einige Fraktionen ihre Türen geöffnet. Auf
dem Tisch der SPD-Fraktion finden sich Kinderbücher zum Mitnehmen, Tee und
Kekse. Die CDU-Fraktion stellt Kaffee und Kekse bereit. Angelika Gerlach
sitzt hier, trinkt einen Kaffee und lädt ihr Handy. Die 79-Jährige erzählt,
ihr Handy bisher im BVG-Bus geladen zu haben. „Die Heizung ist jedoch das
Schlimmste. Deswegen bin ich hier, aber man kann ja nicht ewig hier
sitzen.“
Andrea Zielinski steht neben der Essensausgabe, mit einem Becher Tee in der
Hand. „Ich bin Konfliktforscherin. Hier werde ich gebraucht“, meint
Zielinski. Bis Sonntagabend sei sie auch Betroffene gewesen. Sie unterhalte
sich hier mit Menschen, um sie auch mal das Chaos vergessen zu lassen. „Die
Krise ist gut dafür, um als Gesellschaft Resilienz aufzubauen. Das ist
unsere Chance zu lernen“, positioniert sich Zielinski. An einem Tisch
hinter ihr spielt ein Kind das Brettspiel „Mensch ärger dich nicht“. Eine
passende Wahl.
* Name von der Redaktion geändert.
5 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Brandanschlag-auf-Stromnetz-in-Berlin/!6142611
(DIR) [2] https://www.berliner-feuerwehr.de/
(DIR) [3] /Katastrophenhelfer-Arzt-und-Politiker/!5914691
## AUTOREN
(DIR) Marlene Thaler
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