# taz.de -- Abgeordnetenhauswahl in Berlin: Wackelkandidat oder Spitzenkandidat?
       
       > Die CDU will Kai Wegner trotz Pannen und Umfrage-Misere zum
       > Spitzenkandidaten küren. Doch Wegner könnte sich selbst eine Stolperfalle
       > gestellt haben.
       
 (IMG) Bild: Regierungschef Kai Wegner soll nach Plan am 9. Juni erneut zum CDU-Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl werden
       
       Es ist eingewisser Etikettenschwindel, als [1][Kai Wegner zu Wochenbeginn
       bei einer Spitzenkandidatenrunde auf dem Euref-Campus auftritt.] Denn
       offiziell ist Wegner noch gar nicht Spitzenkandidat der CDU. Das ist erst
       für den 9. Juni geplant – und schien ja auch lange eine bloße Formalie,
       gerne genutzt, um bei einem kurzen Abendparteitag schöne Bilder für den
       Wahlkampf zu produzieren. So wie schon an diesem Dienstagabend, als die
       Fraktion 1.300 Gäste zum Empfang in das Backstein-Ambiente der früheren
       Mälzerei in Tempelhof lud.
       
       Nun aber hängt zwar nicht ein Damoklesschwert, aber vielleicht doch ein
       kleines Küchenmesser über der vermeintlichen Formalie. Denn für Wegner, den
       Regierenden Bürgermeister, ist das Wahljahr bisher kein gutes gewesen. Bis
       Ende 2025 lag seine CDU deutlich vor der Konkurrenz, wenn auch unter dem
       eigenen Wahlergebnis von 2023, das ihn ins Rote Rathaus brachte. Es gab
       zwar viel Kritik außerhalb der CDU, gerade an ihrer Verkehrspolitik, aber
       das störte naturgemäß die Partei selbst nicht, und man schien auf gutem
       Kurs Richtung Abgeordnetenhauswahl am 20. September.
       
       Dann aber kamen gleich zu Jahresbeginn Stromausfall und Blackout – und
       Wegners teils misslicher Umgang damit. Es folgten Personalentscheidungen,
       bei denen sich die Fraktion nicht eingebunden fühlte, und zunehmend das
       Gefühl, dass Wegner die Fördergeldaffäre aus dem Ruder lief. Tiefpunkt war
       ein Bericht der Rechnungshofs, der die Vergabepraxis in der CDU-geführten
       Senatsverwaltung für Kultur [2][als „evident rechtswidrig“ bezeichnete]. In
       der nächsten Umfrage landete die CDU bei gerade mal [3][19 Prozent, nur
       noch einen Punkt vor der Konkurrenz] – so wenig wie zuletzt Ende 2021.
       
       Das sorgte für mehr als ein Grummeln in der Partei. Von Panik mochte ein
       gut vernetzter CDUler der taz gegenüber zwar nicht sprechen. [4][Aber eine
       gewisse „Alarmierung“ gebe es schon]. Damit stand er nicht allein.
       Nichtsdestotrotz sei Wegners Kür zum Spitzenkandidaten am 9. Juni nicht
       gefährdet. Eine Einschränkung machte ein erfahrenes Fraktionsmitglied
       allerdings schon vor zwei Wochen: „Er wird gewählt werden, aber bis dahin
       darf nichts mehr passieren.“
       
       ## Wieder so ein Satz wie beim Blackout
       
       Nur kurz darauf aber passierte tatsächlich etwas. Denn Kai Wegner sagte im
       Abgeordnetenhaus einen Satz, der in seiner Art an jene Äußerungen beim
       Stromausfall erinnerte, die ihm seither zu schaffen machen. Er sei Zuhause
       gewesen, hatte er sich im Januar festgelegt, habe sich in seinem Büro
       eingeschlossen und: „Ich war den ganzen Tag am Telefon.“ Tatsächlich
       spielte Wegner damals zwischendurch Tennis – was an sich nicht weiter
       bemerkenswert gewesen wäre, den zitierten Sätzen aber komplett widersprach.
       
       Nun ist Kai Wegner niemand, der jedes Wort auf die Goldwaage legt – was ihn
       mit Bundeskanzler Friedrich Merz eint, von dem ihn sonst manches trennt.
       Als der schwarz-rote Senat etwa jüngst sein Olympia-Konzept beschloss,
       sagte Wegner, großzügig noch fehlende (Um-)Bauten ignorierend: „Wir könnten
       quasi morgen die Spiele ausrichten.“ Während das aber eher etwas für ein
       leichtes Kopfschütteln war, hat Wegner sich die neue Stolperfalle nun mit
       einer Festlegung zur Fördergeld-Affäre selbst aufgestellt – für ein
       Stolpern, das vor dem 9. Juni gar nicht mehr passieren dürfte.
       
       In der Fragestunde des Parlaments haben nämlich die Grünen vor zwei Wochen
       vom Regierungschef wissen wollen, wann er von der CDU-Liste zu fördernder
       Projekte gegen Antisemitismus erfahren habe. Da hätte Wegner nun
       ausweichend antworten können. Tatsächlich aber sagte er definitiv [5][und
       gut im Plenarprotokoll nachzulesen]: „Ich kenne keine Liste, die mir
       vorgelegt wurde. Die hatte ich nicht, und ich kenne sie nicht.“ Nur über
       die Medien will er davon erfahren haben.
       
       „Schauen Sie mal in die Akten, da steht anderes“, hieß es sofort aus der
       Grünen-Fraktion, und auf der Pressetribüne gab deren Sprecher zu verstehen,
       dass man Wegners gerade gehörten Worte widerlegen könne. Diesen Donnerstag
       tagt das Abgeordnetenhaus erneut, acht Tage später der
       Untersuchungsausschuss zur Förderaffäre.
       
       ## Ein Finanzsenator, der nicht wie Isnogud tickt
       
       Wobei die Grünen da nicht auf eine Aussage von Ex-Kultursenator Joe Chialo
       (CDU) zählen können: Der wurde nicht fristgerecht eingeladen und ist am
       Sitzungstermin im Ausland. Grüne und Linke legen nahe, die für die
       Einladung zuständige Senatskanzlei [6][könnte die Frist bewusst verschlampt
       haben].
       
       Offen ist, was denn passiert, falls Wegner tatsächlich über diesen selbst
       gespannten Draht stolpert. Als Ersatzmann hält man nicht nur in der CDU
       Finanzsenator Stefan Evers zwar für allemal geeignet. Dem Vernehmen nach
       hatten einige schon von ihm erwartet, dass er nach der Macht greift – nicht
       aus eigenem Interesse, sondern zum Schutz der Partei.
       
       Bloß hat Evers viele Fähigkeiten und Eigenschaften, aber eine nicht: Er ist
       nicht der Typ, der – wie in einem Goscinny-Comic über den Großwesir Isnogud
       – jeden Morgen mit dem Gedanken aufsteht: „Ich will Kalif werden anstelle
       des Kalifen!“ Evers hat es auch nicht als willkommenen Machtzuwachs
       empfunden, dass er nach der Entlassung von Kultursenatorin Sarah
       Wedl-Wilson auch noch für deren Ressort zuständig wurde. Gegenüber der taz
       wirkte er am Rand der jüngsten Parlamentssitzung weniger entspannt als
       sonst, und ein „Ach, lasst mich doch alle in Ruhe“ dabei klang auch nicht
       nur spaßig gemeint.
       
       Das war bei Wegner anders. Der hatte ein gutes Leben als
       CDU-Bundestagsabgeordneter und durchaus einflussreicher baupolitischer
       Sprecher seiner Fraktion, als er sich 2019 zu mehr berufen fühlte. Mit der
       damaligen Landesvorsitzenden Monika Grütters hielt er eine Rückkehr seiner
       Partei ins Rote Rathaus für nicht machbar – mit ihm selbst sehr wohl.
       
       ## Wegner kippte seine Vorgängerin Grütters
       
       Das traf durchaus einen Nerv in der Berliner CDU, in der Grütters als sehr
       vorzeigbare Kulturstaatsministerin, aber wenig nach innen wirkende
       Parteichefin galt. Also bereitete Wegner, als langjähriger Generalsekretär
       im Landesverband bestens vernetzt, ihre Ablösung vor.
       
       Den ultimativen Schritt, Kalif anstelle des Kalifen zu werden, machte
       Wegner 2019 passenderweise dort, wo er Montag als
       Noch-nicht-Spitzenkandidat auftrat, im gleichen Saal unter dem Wasserturm
       des Euref-Campus. Dort hätte er sich 2023 beinahe noch einen anderen Traum
       erfüllt und Berlins erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene
       vereinbart, bevor sich die SPD, davon aufgescheucht, als Juniorpartnerin
       anbot.
       
       Die führenden Grünen begrüßte er auch bei seiner Rede beim
       CDU-Fraktionsempfang ausdrücklich, fast emphatisch – und deren
       Spitzenkandidat Werner Graf war dort auch gut drei Stunden nach Beginn noch
       zu sehen. Doch sollte Wegners selbst gestellte Stolperfalle zuklappen,
       könnte ihm das auch nicht helfen.
       
       20 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Spitzenkandidatenrunde-zur-Wahl/!6178711
 (DIR) [2] /CDU-Foerdergeldaffaere-in-Berlin/!6173274
 (DIR) [3] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
 (DIR) [4] /Foerdergeldaffaere/!6174733
 (DIR) [5] https://www.parlament-berlin.de/ados/19/IIIPlen/protokoll/plen19-085-pp.pdf
 (DIR) [6] /CDU-Foerderaffaere/!6180453
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Alberti
       
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