# taz.de -- Berliner Abgeordnetenhauswahl: Wegner zumindest formal Spitze
       
       > Berlins CDU wählt ihren Landesvorsitzenden Kai Wegner erneut zum
       > Spitzenkandidaten – und hofft, dass der trotz aller Patzer Regierungschef
       > bleibt.
       
 (IMG) Bild: Kai Wegner während seiner 45 Minütigen Rede, der Beifall war nicht besonders euphorisch
       
       Das sollte anders laufen. 75 Minuten hat Kai Wegner geredet, minutenlang
       klatschen die fast 300 Delegierten am Dienstagabend in der Halle des
       CDU-Landesparteitags in Neukölln – auch wenn ihre Gesichter weithin
       deutlich weniger Begeisterung als ihre Hände ausdrücken. Jetzt sieht die
       Tagesordnung unter Punkt 5 eine üblicherweise kurze „Aussprache“ vor und
       danach ein möglichst einstimmiges Abstimmungsergebnis, Wegner, den
       Landesvorsitzenden und Regierenden Bürgermeister, nun auch offiziell zum
       Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl zu machen.
       
       Doch dann steht da plötzlich bei eben dieser Aussprache ein älterer Herr am
       Redepult. Und der sagt: „Ich finde, wir bräuchten eigentlich einen anderen
       Spitzenkandidaten.“ Und dass er sich nun mal „ganz locker“ eben dafür
       bewerbe. Das ließe sich noch verkraften, wenn der Mann, 85 Jahre, zu Hause
       im Kreisverband Mitte und in der Senioren Union, nicht einen großen Namen
       und einen in der CDU übergroßen Großonkel hätte. Wolfram Wickert heißt er,
       sein Bruder Ulrich war bis vor 20 Jahren einer der bekanntesten deutschen
       Journalisten – und sein Großonkel Konrad Adenauer, Bundeskanzler von 1949
       bis 1963.
       
       Das sorgt immerhin für echte Emotionen bei einem bis dahin eher müde
       verlaufenden Parteitag, bei dem Wegner über lange Phasen seiner Rede einen
       reinen Bilanzbericht seiner drei Jahre als Regierungschef abgeliefert hat.
       „Unverantwortlich“ nennt es der Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak,
       wenn Wickert sich mal „eben locker“ bewerbe.
       
       So unerwartet passiert das, dass die Parteitagsdelegierten auf die Schnelle
       noch eine sechsköpfige Zählkommission wählen müssen, weil die nun nötige
       geheime Wahl offenbar gar nicht vorgesehen war und Wegner durch reines
       Händeheben nominiert werden sollte. Da wirken manche Parteioffizielle
       plötzlich ganz unruhig. Schließlich läuft die Nominierung Wegners ohnehin
       eher unter „Augen zu und durch“: Viel, sehr viel ist schiefgelaufen in
       diesem Jahr und zulasten der CDU-Umfrageergebnisse – von Wegners Verhalten
       beim Blackout über die CDU-Förderaffäre bis hin zur Entlassung des
       umstrittenen Staatssekretärs Matthias Hundt.
       
       Es stand und steht bloß kein Ersatz zur Verfügung. Einzige Alternative wäre
       Finanzsenator und Vizeregierungschef Stefan Evers gewesen, bis 2023 vier
       Jahre lang Generalsekretär von Parteichef Wegner. Doch bei dem waren vor
       dem Parteitag [1][keine Absetzbewegungen wahrzunehmen].
       
       Wegner wird schließlich doch, wenn auch mit einer Stunde Verspätung,
       Spitzenkandidat, mit knapp über 92 Prozent. 103 Tage hat er bis zum 20.
       September noch, um eine wenig aussichtsreich wirkende Stimmungslage zu
       drehen. Geht es nach [2][der jüngsten Wahlumfrage von Mitte Mai], dann
       lässt sich der Titel des 163-seitigen CDU-Wahlprogramms „Berlin wird“ mit
       einer Dreiwortkopplung fortsetzen: Rot-Rot-Grün. Denn derzeit würde es für
       SPD, Linkspartei und Grüne zu einer Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus
       reichen.
       
       Der Regierungschef beschäftigt sich in seiner Rede lange mit seiner Bilanz.
       Visionen hält er gar nicht für die Aufgabe des Senats, sondern jedes
       Einzelnen in der Stadt. Und schließlich spricht er von einer
       „Schicksalswahl“: Die CDU als, aus seiner Sicht, pragmatische Kraft der
       Mitte, die sich AfD und Linkspartei als extreme Kräfte von rechts und links
       entgegenstellt. Die Grünen schlägt er mit „links-grün“ der Linkspartei zu.
       
       Ein Novum ist es zumindest in der jüngeren Berliner Wahlgeschichte, dass in
       ein vor seiner Rede eingespieltes Video wenig schmeichelhafte Bilder der
       Konkurrenz von Linkspartei und Grünen eingebaut sind: Deren Spitzenpersonal
       [3][Elif Eralp] und Werner Graf sind mit verkniffen wirkendem
       Gesichtsausdruck vor rotem und grünem Hintergrund zu sehen. Gleich mehrfach
       spricht Wegner von „linker Ideologie“ und „grünen Spinnereien“.
       
       ## Sanfter Umgang mit der SPD
       
       Wenig Kritik übt Wegner an der SPD als seinem derzeitigen Koalitionspartner
       – allein [4][bei der Ausbildungsplatzabgabe] sieht er sie klar auf dem
       falschen Dampfer. Und natürlich bei einer möglichen Linkskoalition: „Stolze
       Sozialdemokraten würden sich wünschen, dass die SPD die Kraft findet, eine
       Koalition mit dieser radikalen Linkspartei auszuschließen“, sagt Wegner.
       
       Die Grünen derart kritisieren, die SPD weithin unbehelligt lassen – nach
       einem schwarz-rot-grünen Bündnis im Parlament, einer Kenia-Koalition,
       klingt das nicht. Steuert Wegner etwa eine Deutschlandkoalition mit der FDP
       an, über die 2021 schon die spätere Berliner Regierungschefin Franziska
       Giffey (SPD) kurz und gegen den erfolgreichen Widerstand ihrer
       Parteifreunde verhandelte? Immerhin sind die zwischenzeitlich fast gar
       nicht mehr wahrnehmbaren Liberalen mit 4 Prozent wieder in die Nähe jener 5
       Prozent gerückt, mit denen sie wieder ins Parlament einziehen würden.
       
       Der nun als Letzter bei den im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien auch
       offiziell zum Spitzenkandidaten gewählte Wegner nimmt seine Wahl, plötzlich
       in eine Sportjacke gekleidet, an, wie sie bei US-Baseball-Teams üblich ist.
       Tatkraft Richtung Wahlkampf soll das offenbar symbolisieren.
       
       Zügig zieht die CDU dann noch den Punkt „Beratung“ ihres Wahlprogramms
       durch. Ihr Koalitionspartner SPD hatte dafür bei ihrem Parteitag fast einen
       ganzen Tag veranschlagt, obwohl es dort [5][mit 65 Seiten noch nicht mal
       halb so lang] war – die CDU erledigt das in siebeneinhalb Minuten. Sie ist
       sich zumindest im Titel eines Wahlerfolgs am 20. September sicher: Das
       163-Seiten-Papier heißt nicht etwa Wahl-, sondern Regierungsprogramm.
       
       9 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Abgeordnetenhauswahl-in-Berlin/!6180423
 (DIR) [2] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
 (DIR) [3] /Landesparteitag-der-Berliner-Linken/!6130051
 (DIR) [4] /Berliner-Abgeordnetenhaus/!6118853
 (DIR) [5] /Landesparteitag-der-SPD/!6176121
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Alberti
       
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