# taz.de -- Berliner Bürgermeister Kai Wegner: Für einen Rücktritt ist es nie zu spät
> Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hat am Morgen des
> Stromausfalls am 3. Januar doch nicht telefoniert. Selbst hatte er
> mehrfach das Gegenteil behauptet.
(IMG) Bild: Die Tennisaffäre von Januar verfolgt Kai Wegner (CDU) bis heute
Die Eröffnung des Berliner Hoffestes fiel am Dienstagabend zunächst ins
Wasser. Ein Gewitter. Es hätte auch ein reinigendes Gewitter sein können.
Für Kai Wegner.
Als der Regierende Bürgermeister der CDU mit einer Stunde Verspätung vor
die rund 4.000 Gäste vor dem Roten Rathaus trat, hätte er die Chance nutzen
und seinen Rücktritt erklären können. Stattdessen sprach er vom
Zusammenhalt, den so ein Gewitter erzwinge. Und ein solcher
gesellschaftlicher Zusammenhalt, so Wegner, sei auch in Berlin wichtig.
Kai Wegner hat gelogen. Kurz vor Beginn des Hoffestes [1][hatte es der
Tagesspiegel vermeldet]. „Kai Wegner hat über seine Telefonate am Morgen
des Stromausfalls in der Öffentlichkeit offenbar wissentlich die Unwahrheit
gesagt.“ Das erste Telefonat des Regierenden, so hat es nun auch die
Senatskanzlei bestätigt, fand an besagtem 3. Januar 2026 um 12.45 Uhr
statt. Um diese Information zu bekommen, musste das Blatt gegen die
Senatskanzlei vor Gericht ziehen.
Kurz nach dem Stromausfall hatte Wegner in einem TV-Interview am 7. Januar
gesagt: „Ich habe in der Tat um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu
führen.“ Als sich dann herausstellte, dass er eine Stunde Tennis mit seiner
Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, gespielt
hatte, behauptete Wegner, er habe nach den vielen Telefonaten, unter
anderem mit der Bundesregierung, „den Kopf freikriegen müssen“.
Bevor das Tennisgate öffentlich wurde, war noch eine andere Variante im
Spiel gewesen. In der hatte Wegner behauptet, er habe sich den ganzen Tag
„zu Hause eingeschlossen“ und telefoniert.
## Kann ein notorischer Lügner Regierungschef bleiben?
Alles falsch. Mehr noch: Nach den ersten Berichten über die Ungereimtheiten
an jenem 3. Januar drohte Kai Wegner sogar, vor Gericht zu ziehen. Später
entschuldigte er sich damit, dass es „Fehler in der Kommunikation“ gegeben
habe.
Nun bescheinigte ihm eine Auskunft, die per Gerichtsbeschluss erzwungen
werden musste, fortwährend die Unwahrheit gesagt zu haben. Die Frage, die
sich daran unmittelbar anschließt: Kann ein notorischer Lügner Regierender
Bürgermeister von Berlin bleiben?
Kann er nicht. Politikerinnen und Politiker sind in Deutschland, auch in
Berlin, bereits wegen weitaus geringfügigerer Fehler gegangen. Der damalige
Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) war 2002 zurückgetreten, weil er die
Bonusmeilen seiner Dienstreisen privat genutzt hatte.
Dass Rücktrittsforderungen an Wegner bislang nur hinter vorgehaltener Hand
vorgebracht werden, überrascht nicht. Berlin steckt im Wahlkampf, und
keiner weiß, welche Parteien nach dem 20. September miteinander können
müssen. In solchen Fällen gibt es offenbar eine Beißhemmung, die es sonst
nicht gäbe.
Dass Wegner mehrfach gelogen hat, ist keine Lappalie. Was, wenn die nächste
Ungereimtheit ans Licht kommt? Was, wenn das nächste Krisenmanagement in
der Hauptstadt nötig wird? Wer wird ihm dann glauben? Glaubwürdigkeit ist
im politischen Geschäft die mit Abstand wichtigste Währung. Hat sie Kratzer
bekommen, kann kein Politiker mehr glaubhaft auftreten. Die Glaubwürdigkeit
von Kai Wegner hat keine Kratzer bekommen. Sie ist massiv beschädigt.
Natürlich könnte auch die Berliner CDU die Reißleine ziehen. Könnte mit
einem Kandidaten in die Wahl zum Abgeordnetenhaus antreten, dessen
Glaubwürdigkeit nicht verbraucht ist.
Doch dafür ist es zu spät. Kai Wegner wurde vom CDU-Parteitag am 9. Juni
zum Spitzenkandidaten nominiert. Knapp 93 Prozent der Delegiertenstimmen
hat er bekommen. Es war eine Augen-zu-und-durch-Nominierung aus Trotz.
Ob sie den nominierten Spitzenkandidaten auch wählen, müssen die
Berlinerinnen und Berliner entscheiden. So wie sie auch bei der Wahl 2021
und bei der Wiederholungswahl 2023 entscheiden mussten, ob man einer
Bundesministerin wie Franziska Giffey, die wegen ihrer Doktorarbeit
zurückgetreten war, als SPD-Spitzenkandidatin in Berlin die Stimme geben
kann. Der jüngste Berlin-Trend, bei dem die CDU nur noch auf Platz vier
kommt und im Vergleich zur Wiederholungswahl 11 Prozentpunkte eingebüßt
hat, gibt eine erste Antwort.
Die Kandidatur Wegners ist das eine. Das beschädigte Amt ist das andere.
Kai Wegner könnte auch für die CDU ins Rennen gehen, wenn er zuvor als
Regierender Bürgermeister zurücktritt. Es wäre das einzig glaubwürdige
Eingeständnis seiner katastrophalen Kommunikation.
8 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/anders-als-zuvor-behauptet-wegner-hat-am-morgen-des-stromausfalls-mit-niemandem-dienstlich-telefoniert-15807013.html?icid=in-text-link_15815410
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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