# taz.de -- Kürzungen bei Menschen mit Behinderung: „Ein Kahlschlag bei Alltagshilfen“
> Bund, Länder und Gemeinden wollen Geld sparen. Jetzt ist eine Liste mit
> Kürzungsvorschlägen aufgetaucht, die Menschen mit Behinderung und Kinder
> treffen.
(IMG) Bild: Integrationshilfen und Schulassistenzen für Kinder mit Behinderung sollen gestrichen werden
Als „Vorschlagsbuch“ wird ein internes Papier einer Arbeitsgruppe von Bund,
Ländern und Gemeinden bezeichnet. Vorgeschlagen werden auf 108 Seiten eine
Menge Maßnahmen, die Geld einsparen sollen – und zwar bei Leistungen für
Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen.
Das Papier war eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Aber am
Donnerstag entschied der Paritätische Gesamtverband, das ihm zugespielte
Dokument [1][zu veröffentlichen], gemeinsam mit einer fachlichen
Einordnung. Der Verband zeigte sich angesichts der Kürzungspläne entsetzt.
Die Öffentlichkeit solle sich ein eigenes Bild machen, erklärte Joachim
Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.
Das Papier enthalte 70 Kürzungsvorschläge. „Individuelle Rechtsansprüche
auf Schulbegleitung sollen gestrichen, das Wunsch- und Wahlrecht von
Menschen mit Behinderungen eingeschränkt, die Nachbetreuung junger
Erwachsener aus der Jugendhilfe abgeschafft, der Unterhaltsvorschuss für
Alleinerziehende zusammengestrichen werden“, warnt der Verband.
Es drohe „ein Kahlschlag bei Alltagshilfen, mit einschneidenden Folgen für
Betroffene und ihre Familien“, kritisierte Joachim Rock. Einige Vorschläge
widersprächen laut Verband „offen der UN-Behindertenrechtskonvention und
der UN-Kinderrechtskonvention“.
## Initiative aus dem Kanzleramt
Das Papier, über das zuerst unter anderem die [2][Tagesschau berichtete],
ist auf den 25. März datiert und stammt aus einem Abstimmungsprozess, der
im Kanzleramt initiiert wurde. Auf einer [3][Pressekonferenz am 4. Dezember
2025] erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dass Bund, Länder und
Gemeinden gemeinsam Vorschläge erarbeiten werden, um künftig dafür zu
sorgen, „dass die Leistungsgesetze gezielt angewendet werden können“.
Damit sollen laut Merz die Ausgaben, „die insbesondere auf der kommunalen
Ebene in den letzten Jahren wirklich im zweistelligen Prozentbereich pro
Jahr in die Höhe geschnellt sind, unter Kontrolle gebracht werden“. An der
Arbeitsgruppe sind verschiedene Bundesländer, Bundesministerien und
kommunale Spitzenverbände beteiligt. Die Gemeinden klagen schon länger,
dass sie Bundesgesetze umsetzen müssen, ohne dass der Bund die
vollständigen Kosten dafür übernimmt.
Ob und welche Vorschläge wirklich umgesetzt werden, ist offen. Nicht alle
betreffen Leistungskürzungen. Das veröffentlichte Papier mit dem Titel
„Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ ist als Entwurf
gekennzeichnet und liest sich wie eine erste Sammlung. Die Vorschläge
wurden jeweils von unterschiedlichen beteiligten Akteuren gemacht, teils
gibt es auch zu einem Thema mehrere Vorschläge. Laut Tagesschau könnten
Ergebnisse der Arbeitsgruppe bis zum Sommer vorliegen.
Weniger Hilfe für Alleinerziehende
Für Aufregung sorgt unter anderem ein Vorschlag vom Deutschen Städtetag,
Deutschen Landkreistag und Deutschen Städte- und Gemeindebund. Sie wollen
den Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende deutlich einschränken. Diese
staatliche Unterstützungsleistung können Alleinerziehende bekommen, wenn
das andere Elternteil seiner Unterhaltspflicht nicht nachkommt. Der Staat
versucht dann, das Geld vom nicht-zahlenden Elternteil wieder einzuholen.
Konkret fordern die kommunalen Spitzenverbände nun, dass eine [4][Reform
von 2017, bei der der Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert wurde],
wieder rückgängig gemacht wird. Damit soll schätzungsweise 1 Milliarde Euro
eingespart werden. Bis zur Reform 2017 wurde der Unterhaltsvorschuss nur
für Kinder bis zum zwölften Lebensjahr gezahlt, und maximal sechs Jahre
lang. Seit der Reform kann der Unterhaltsvorschuss dauerhaft zwischen 0 und
18 Jahren geleistet werden.
Die Zahl der leistungsbeziehenden Kinder und Jugendlichen sei „durch diese
Reform von 427.031 im Jahr 2016 auf 855.642 im Jahr 2024 angestiegen“,
beklagen die kommunalen Spitzenverbände. Die Ausgaben hätten sich dadurch
im genannten Zeitraum von 861 Millionen Euro auf 3,24 Milliarden Euro fast
vervierfacht, heißt es in dem Papier. Der Rückgriff auf die
Unterhaltsschuldner sei aber „nur von 197 Millionen Euro im Jahr 2016 auf
544 Millionen Euro im Jahr 2024 gestiegen“.
Das Bundesfamilienministerium und das Bundesarbeitsministerium wollten sich
auf taz-Nachfrage grundsätzlich nicht zu dem Papier und einzelnen
Vorschlägen äußern.
Wegfall von Schulassistenzen
Die kommunalen Spitzenverbände wollen zudem Integrationshilfen und
Schulassistenzen für Kinder mit Behinderung streichen – sie sehen die
Schulen selbst in der Verantwortung. Die Unterstützung in Schule und
Hochschule sollte „ohne ergänzende Hilfe der Eingliederungshilfe
vollständig aus der Hand der Schule erbracht werden“, heißt es in dem
Papier. Das Einsparungspotenzial wird auf 3 Milliarden Euro beziffert.
Als Alternative dazu wird noch vorgeschlagen, stärker auf Gruppenlösungen
zu setzen. „Leistungen zur Sozialen Teilhabe sollten soweit möglich
gemeinsam in Anspruch genommen werden“, heißt es weiter. Konkret heißt das,
dass Schulbegleiter*innen künftig – anders als bisher – mehrere Kinder
und Jugendliche mit Behinderungen betreuen sollen. Den Ansatz, verstärkt
auf Gruppenlösungen statt auf Einzelfallhilfe und mehr pauschale Leistungen
zu setzen, verfolgt auch [5][das Bundesfamilienministerium unter Ministerin
Karin Prien (CDU).]
Der Paritätische Gesamtverband sieht darin einen Verstoß gegen die
UN-Behindertenrechtskonvention. Kinder in Regelschulen hätten Anspruch auf
„bedarfsgerechte Unterstützung“.
Gleich mehrere Vorschläge betreffen das Leben von Menschen mit Behinderung.
So wird gefordert, eine Liste von Hilfsmitteln zu erstellen, die bewilligt
werden dürfen, oder dafür Kostengrenzen festzulegen. Laut einem weiteren
Vorschlag soll geprüft werden, ob Vermögensgrenzen abgesenkt oder
anfallende Fahrtkosten gedeckelt werden können.
Das Bundesarbeitsministerium schlägt hingegen vor, den ÖPNV inklusiver zu
gestalten. „Eine verstärkte Inanspruchnahme von öffentlichem Nahverkehr
könnte zu Einsparung von Fahrtkosten aufseiten der Träger der
Eingliederungshilfe (EGH) und zu einer Stärkung der Teilhabe insgesamt
führen“, heißt es in dem Papier.
Der Paritätische Gesamtverband kritisiert auch diesen Vorschlag, in dem
Fall als nicht flächendeckend umsetzbar „solange der ÖPNV nicht
barrierefrei ist“.
Junge Geflüchtete schlechter stellen
Das Bundesland Sachsen fordert zudem schlechtere Standards für
minderjährige Geflüchtete. Demnach soll für Geflüchtete ab 16 Jahren „eine
Unterbringung in gesonderten Bereichen von Erstaufnahmeeinrichtungen und
kommunalen Gemeinschaftsunterkünften möglich sein, in denen reduzierte
Standards für die Unterbringung, Versorgung und Betreuung gelten“. Ab 18
Jahren sollen sie in Erwachsenenunterkünfte, auch sollen ambulante Hilfen
reduziert werden.
Der Paritätische Gesamtverband bewertet diesen Vorschlag als
„Zweiklassen-Jugendhilfe“, er widerspreche der UN-Kinderrechtskonvention.
Gerade junge geflüchtete Menschen bräuchten Unterstützung „besonders
dringend“. Eine solche Regelung könne „langfristig größere und
kostenintensivere Probleme“ erzeugen.
Kritik an dem Papier kommt von unterschiedlichen Seiten. „Uns fehlen die
Worte“, erklärt der Präsident der Arbeiterwohlfahrt, Michael Groß. „Wer
Kindern Chancen nimmt und bei der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen
sparen will, handelt sozialpolitisch zutiefst verantwortungslos“, so Groß.
Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag,
Corinna Rüffer, spricht von einem Frontalangriff auf Inklusion und
Kinderrechte. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Heidi Reichinnek,
erklärte: „Diese Liste ist eine Schande, die Regierung sollte sich in Grund
und Boden schämen.“
17 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/enthuellung-kahlschlag/
(DIR) [2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kanzleramt-streichliste-jugendhilfe-100.html
(DIR) [3] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pk-bund-laender-gespraeche-2397714#:~:text=Pressekonferenz%20von%20Bundeskanzler%20Merz,%20Ministerpr%C3%A4sident.%20Hand%20in%20Hand%20f%C3%BCr%20einen%20modernen%20und%20effizienten%20Staat
(DIR) [4] /Reform-des-Unterhaltsvorschusses/!5377257
(DIR) [5] /Reform-des-Unterhaltsvorschusses/!5377257
## AUTOREN
(DIR) Jasmin Kalarickal
## TAGS
(DIR) Soziales
(DIR) Sozialstaat
(DIR) Minderjährige Geflüchtete
(DIR) Jugendhilfe
(DIR) Menschen mit Behinderung
(DIR) GNS
(DIR) Sozialpolitik
(DIR) GNS
(DIR) Jugendhilfe
(DIR) Karin Prien
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Plötzlich auf sich allein gestellt: Leben als „Care Leaver“
Patrizia ist gerade aus ihrer Jugendwohngruppe ausgezogen. Das war hart.
Andere Anfang 20 erhalten oft noch Unterstützung von ihren Eltern. Sie
nicht.
(DIR) Familienministerin will kürzen: Kinder sollen weniger kosten
Der Berufsverband für Soziale Arbeit kritisiert die geplante Strukturreform
der Kinder- und Jugendhilfe. SPD und Grüne pochen auf individuelle Rechte.
(DIR) Behinderte und Behörden: Ignoriert statt inkludiert
Viele Menschen mit Behinderung brauchen im Alltag eine Assistenz. Aber
diese bekommen sie häufig nicht, weil sie als zu kostspielig gilt.