# taz.de -- Grüner OB zu Sozialkürzungen: „In sechseinhalb Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt“
       
       > Belit Onay ist Oberbürgermeister von Hannover und protestiert gegen
       > Sparpläne im Namen der Kommunen. Er kündigt ein Nachspiel im Präsidium
       > des Städtetags an.
       
 (IMG) Bild: „Mir bringt es nichts, wenn ich wieder eine gute Finanzlage habe, aber keine funktionierende Stadt mehr“. Belit Onay (Grüne)
       
       taz: Herr Onay, die Stadt Hannover hat rund 2 Milliarden Euro Schulden. Wie
       groß sind Ihre Geldsorgen? 
       
       Belit Onay: Die finanzielle Lage ist schon dramatisch. Die
       Gewerbesteuereinnahmen, die in der Coronapandemie ganz weggebrochen waren,
       fahren zwar Gott sei Dank wieder auf ein gutes Niveau hoch. Aber wir
       merken, dass die Finanzierung von Leistungen, zu denen wir per Gesetz
       verpflichtet sind, nicht mehr passt. Diese Finanzierung müsste von Land und
       Bund kommen.
       
       taz: Was kann sich Hannover deshalb nicht mehr leisten? 
       
       Onay: Wir mussten dem Land Niedersachsen ein sogenanntes
       Haushaltssicherungskonzept mit Sparvorschlägen vorlegen – und das Sparen
       geht nur bei sogenannten freiwilligen Leistungen. Der Begriff klingt ein
       bisschen verniedlichend. Aber das sind Leistungen, die eine Stadt erst
       lebenswert machen: Kultur, Sport, Jugendangebote. Wir versuchen noch, das
       mit Optimierungen bei den Abläufen aufzufangen. Wir entwickeln zum Beispiel
       eine Bibliothek zu einem Gemeinschaftshaus weiter und holen die AWO als
       zusätzlichen Partner rein. Dadurch sinken die Kosten ein wenig, ohne dass
       das Angebot leidet. Aber wir können uns nicht unendlich verrenken.
       Irgendwann ist die Zitrone ausgepresst.
       
       taz: Trotzdem stört es Sie, dass Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände
       [1][in einer Arbeitsgruppe Vorschläge dafür gesammelt haben,] welche
       Leistungen die Kommunen künftig nicht mehr erbringen müssen? [2][Eine
       entsprechende Liste,] die letzte Woche öffentlich wurde, umfasst über 100
       Seiten und ein Sparvolumen im Milliardenbereich. 
       
       Onay: Ich finde es grundlegend falsch, dass diese Liste in dieser Form
       erarbeitet wurde und der Eindruck erzeugt wurde, die kommunalen
       Spitzenverbände, insbesondere der Deutsche Städtetag, würden das mittragen.
       Das muss im Präsidiums des Städtetags, dem ich auch angehöre, aufgearbeitet
       werden. Ich weiß nicht, mit welchem Mandat die Kollegen da irgendwelche
       Sachen geeint haben.
       
       taz: Wer saß dort für den Städtetag und wie wurden Sie eingebunden? 
       
       Onay: Ich habe die Liste erst durch das Leak in dieser Form zu Gesicht
       bekommen. Es ist mir ein Rätsel, wie ein solcher Arbeitsstand ohne
       Rückkopplung mit dem Verband selbst erreicht werden konnte. Ich kann mir
       auch nicht vorstellen, dass das Verfahren auf volle Unterstützung des
       Präsidiums trifft.
       
       taz: Kommt so etwas öfters vor? 
       
       Onay: In sechseinhalb Jahren im Präsidium habe ich so etwas noch nie
       erlebt.
       
       taz: Was ist Ihre inhaltliche Kritik an den Vorschlägen? Erst im Herbst
       haben Sie zusammen mit den Oberbürgermeister*innen der anderen
       Landeshauptstädte [3][einen Brandbrief an den Kanzler geschrieben.] Darin
       bezeichneten Sie selbst die steigenden Sozialausgaben als „Haupttreiber“
       der kommunalen Defizite. 
       
       Onay: Es geht um Aufgaben, die von den Ländern und vom Bund beschlossen
       wurden und die wir im Maschinenraum umsetzen müssen. Wir haben gesagt, dass
       wir sie in der Sache gut finden und sogar brauchen, aber dass die
       Finanzierung nie mitgedacht wurde und wir darüber reden müssen. Dass die
       Bundesregierung als Reaktion darauf alles zusammenstreichen will, löst
       vielleicht das finanzielle Problem, aber verschärft meine kommunalen: Mir
       bringt es nichts, wenn ich wieder eine gute Finanzlage habe, aber keine
       funktionierende Stadt mehr, die Teilhabechancen garantiert. Wir reden über
       Geld, aber eigentlich geht es hier um Menschen.
       
       taz: Welcher Punkt auf der Sparliste ist für Sie der gravierendste? 
       
       Onay: Die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung ist ein echtes
       Thema. Inklusion ist kein Nice-to-have, sondern ein Menschenrecht, das wir
       umsetzen müssen. Für Kinder und Eltern wäre es genauso ein Wahnsinn, den
       Anspruch auf Ganztagsbetreuung auszusetzen. Auch in der Art und Weise wäre
       es absolut unseriös: Hannover und viele andere Kommunen haben sich
       jahrelang auf den Rechtsanspruch vorbereitet und wie verrückt investiert,
       um die Infrastruktur zu schaffen. Ich möchte aber gar nicht so sehr auf
       einzelne Punkte der Liste gehen und um diesen oder jenen feilschen. Wir
       müssen grundsätzlich darüber reden, die Kommunen finanziell so
       auszustatten, dass sie ihre Aufgaben erledigen können.
       
       taz: Woher sollen Bund und Länder mehr Geld für sie holen? 
       
       Onay: Es gibt einige Möglichkeiten, deren Einnahmeseite zu verbessern.
       
       taz: Konkrete Vorschläge wollen Sie nicht machen? 
       
       Onay: Erst mal nicht. Das muss man intern besprechen. Eine Idee, die man
       öffentlich platziert, überlebt nicht lange.
       
       taz: Und auf der Ausgabenseite sehen Sie gar keine Möglichkeit? Auf der
       Streichliste keinen einzigen guten Vorschlag? 
       
       Onay: Man kann optimieren, aber dafür braucht es andere Vorschläge. Wir
       haben zum Beispiel eine Wahnsinnsbürokratie, weil wir für jeden Cent mit
       der Bundesebene und den Ländern verhandeln müssen, wie wir ihn ausgeben.
       Das frisst Personalressourcen. Und wir könnten natürlich vor Ort angepasst
       an die jeweiligen Rahmenbedingungen gucken, wie sich Leistungen digitaler,
       moderner und effizienter umsetzen lassen. Aber in diesem Papier geht es
       nicht um Effizienzsteigerung, sondern um die grundsätzliche Aufkündigung
       solcher Leistungen. Das führt am Ende eher zu einem Schaden für die Städte
       als zu einer ernsthaften Entlastung.
       
       24 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/paritaetischer_drohender-kahlschlag-2026.pdf
 (DIR) [3] /Oberbuergermeister-Bund-und-Laender-prellen-regelmaessig-die-Zeche/!6125774
       
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 (DIR) Tobias Schulze
       
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