# taz.de -- Plötzlich auf sich allein gestellt: Leben als „Care Leaver“
       
       > Patrizia ist gerade aus ihrer Jugendwohngruppe ausgezogen. Das war hart.
       > Andere Anfang 20 erhalten oft noch Unterstützung von ihren Eltern. Sie
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: In der staatlichen Wohngruppe wurde alles gemeinsam gemacht. Jetzt lebt „Care Leaver“ Patrizia in einer ganz normalen WG
       
       Erwachsen werden ist der Horror. Gestern noch aufs Ausziehen gefreut und
       heute ist schon wieder alles viel zu viel. Ablösung vom Elternhaus,
       Berufsfindung und vieles mehr: In der sogenannten Spätadoleszenz vom 18.
       bis zum 22. Lebensjahr müssen wichtige Entscheidungen getroffen und Hürden
       bewältigt werden. Aber wie ist das, wenn der Abschied von zu Hause nicht
       bedeutet: besorgte Familienangehörige und ein genervtes „Endlich weg von
       hier!“, sondern Gesetze, Fristen und Termine mit dem Jugendamt?
       
       Patrizia wohnt in einer Ecke bei Stuttgart, in der alle Ortsnamen auf
       „-ingen“ enden: Esslingen, Wendlingen, Nürtingen. Letzteres ist ein
       verwinkeltes 50.000-Einwohner-Städtchen am Neckar. Mit 16 Jahren bekam
       Patrizia, ihren Nachnamen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, hier einen
       Wohngruppenplatz. Vor einem knappen Jahr ist sie ausgezogen. Zwar war sie
       sich mit ihren Betreuern einig, dass es dafür an der Zeit war. Allerdings
       auch deshalb, weil das intensivtherapeutische Konzept der Gruppe eher für
       jüngere Personen gedacht war, wie sie erzählt.
       
       Stattdessen lebt Patrizia jetzt in einer WG in einem kleinen Anbau mit
       quietschenden Treppenstufen und weißen Häkelgardinen vorm Küchenfenster.
       Der Vermieter wohnt gleich nebenan. Gerade macht sie Abi. Ihre drei
       Mitbewohner studieren schon. Mit ihnen hat sie wenig zu tun, was ihr aber
       ganz recht ist. Denn in der Wohngruppe musste man alles gemeinsam machen:
       Tagesplanung, Wochenendausflüge und sogar Urlaub an der Nordsee. Ein
       bisschen wie in einer Familie eben. In der WG hat sie mehr Freiheit.
       
       Was auch nicht immer einfach ist: Plötzlich muss sie viele Dinge allein
       regeln. Selbstständig werden funktioniert nicht von heute auf morgen, und
       anders als die meisten jungen Erwachsenen können Care Leaver oft nicht auf
       ihre Eltern zählen – zum Beispiel bei der [1][Wohnungssuche] oder der
       Frage, wer die Kaution zahlt.
       
       Viele Altersgenossen wüssten überhaupt nicht, was für ein Privileg es sei,
       sich mit den einfachsten Sachen Zeit lassen zu können, sagt Patrizia.
       Wäschewaschen, Putzpläne einhalten, täglich aufräumen – solche Dinge macht
       sie nicht erst, seit sie hier in der WG lebt. Denn in
       [2][Jugendwohngruppen] ist so etwas ein Muss.
       
       Nur etwa 0,8 Prozent der jungen Menschen unter 18 Jahren leben in solchen
       Einrichtungen: Jährlich sind es etwa 130.000. In der Regel werden sie dort
       nach einer sogenannten [3][Inobhutnahme durch das Jugendamt] untergebracht.
       Damit geht der Schutzauftrag für eine minderjährige Person von den Eltern
       auf den Staat über. Erwachsene, die die entsprechenden Einrichtungen
       verlassen haben, nennt man Care Leaver. Der Begriff beschreibt eine harte
       Realität: Die Jugendhilfe endet. Eltern hingegen hat man für immer.
       
       ## „Viel früher viel fitter“
       
       Menschen in der Jugendhilfe müssten viel früher viel fitter gemacht werden,
       sagt Marion. Sie ist Erzieherin und arbeitet in einer stationären
       Einrichtung des SOS-Kinderdorfes in Berlin. „Andere können mit 25 noch
       nicht, was die schon mit 18 können müssen.“ Natürlich sei das unfair, denn
       andere könnten ja immer noch mal schneller bei den Eltern anrufen. Dass die
       Care Leaver sich jederzeit melden könnten, versuche man ihnen beim Auszug
       zu vermitteln. Aber die Hemmschwelle sei verständlicherweise höher als
       zwischen Eltern und Kindern.
       
       Patrizia hat für sich festgestellt, dass sie noch Unterstützung benötigt.
       Die Schule sei für sie „schon eine krasse Herausforderung“, sagt sie. Das
       ganze Soziale, fünf Tage die Woche, sechs Stunden am Tag. Dazu kommt, dass
       ihre Schule keinen eigenen Pausenhof hat. Nur die wuselige Nürtinger
       Innenstadt. Reizüberflutung pur. Auch, wie es nach dem Abi weitergehen
       soll, „mit dem ganzen Ausbildungs- und Studiumszeug“ weiß sie noch nicht –
       und ob sie überhaupt Abitur machen möchte. Und das trotz Einserschnitt.
       „Gestern gab es Halbjahreszeugnisse, meine einzige Zwei war in Bio“,
       erzählt sie – klingt dabei aber komischerweise leicht gestresst. „Ich liebe
       es zu lernen, aber die Lehrer üben einen massiven Druck auf mich aus, weil
       ich so gute Noten habe.“
       
       Care Leaver seien benachteiligt im Vergleich zu Kindern, die ihr Elternhaus
       verlassen, sagt Silvia Haßmann-Vey vom Kompetenzzentrum Pflegekinder in
       Berlin. Die Probleme? „Abrupte Übergänge und zu frühe Verselbstständigung.“
       Denn während Kinder hierzulande erst mit durchschnittlich 23,8 Jahren von
       zu Hause ausziehen, ist in der staatlichen Jugendhilfe teils schon mit 18
       Schluss.
       
       Dass Erwachsenwerden komplizierter ist, als einfach nur Geburtstag zu
       haben, hat allerdings auch der Gesetzgeber erkannt. Schon seit 1990 gibt es
       im deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz die „Hilfe für junge
       Volljährige“. Sie kann bis zum 21. Lebensjahr beantragt und in
       Ausnahmefällen sogar bis 27 verlängert werden. Doch auch das muss lange im
       Voraus geplant und akribisch begründet werden.
       
       ## Jugendhilfe kann ganz schön anstrengend sein
       
       Anders als in den meisten Familien reicht es für die Jugendämter nämlich
       kaum aus, dass sich jemand „einfach noch nicht bereit fühlt“. Jugendhilfe
       kann deshalb ganz schön anstrengend sein. Von den jungen Menschen wird
       Mitwirkung und Kooperation erwartet. Gleichzeitig funktioniert sie häufig
       „defizitorientiert“: In „Hilfeplangesprächen“ betonen die Zuständigen vom
       Jugendamt oft, was der junge Mensch alles noch nicht kann. Denn nur so kann
       der Hilfebedarf überzeugend argumentiert werden. Oft wird dabei mit
       sogenannten Verselbstständigungsbögen gearbeitet, einer Art Checkliste:
       Abgefragt wird zum Beispiel das Einhalten von Verabredungen in der
       Freizeit, die Körperhygiene oder ob das eigene Zimmer „meistens sauber“
       ist. Junge Menschen dürfen nicht entlassen werden, wenn ihnen
       beispielsweise [4][Obdachlosigkeit] oder psychische Zusammenbrüche drohen.
       Zumindest laut Gesetz.
       
       „Drei Seiten zu lesen, auf denen nur steht, wie scheiße man ist, ist schon
       brutal“, sagt Celine. „Unterschwellig kommt damit halt durch, dass man
       Hilfe nur verdient, wenn es einem wirklich schlecht geht.“ Die 21-Jährige
       war in einer Jugendhilfeeinrichtung in Schwedt in Brandenburg. Seit drei
       Jahren ist sie da raus. Objektiv betrachtet verläuft ihr Leben großartig:
       Einser-Abi, Psychologiestudium in Berlin, Auslandsaufenthalt. Und trotzdem
       beschleiche sie manchmal das Gefühl, all das reiche nicht aus, sagt sie,
       denn: „Du entwickelst diesen defizitorientierten Blick halt auch auf dich
       selbst.“
       
       Patrizia sagt, bei den Hilfeplänen müsse man immer die Waage finden
       zwischen: „Wir machen Fortschritte“ und: „Es gibt noch etwas zu tun“. Wenn
       eine Seite überwiege, dann heiße es ganz schnell entweder: „Okay, der
       Person geht's gut, die braucht das nicht mehr“ oder: „Der Fortschritt
       stagniert, es bringt nichts mehr“.
       
       Spontane Nervenzusammenbrüche und trotzige Selbstfindungsphasen können sich
       Volljährige in der Jugendhilfe kaum erlauben. Wenn man mal für einen Monat
       schludrig sei oder die zuständige Person sei im Jugendamt krank, dann könne
       das schlimm enden, sagt Patrizia. Zum Beispiel, wenn Gelder plötzlich nicht
       mehr fließen oder ein soziales Sicherheitsnetz von heute auf morgen
       wegfällt.
       
       ## Drei Monate keine Rückmeldung von Jugendamt
       
       So ging es auch ihr nach dem Auszug aus der Wohngruppe. Die Sozialpädagogen
       aus ihrer Wohngruppe hatten zwar ambulante Betreuung beantragt, doch das
       Amt meldete sich nicht zurück. Anfangs hieß es noch, das werde höchstens
       einen Monat dauern. „Ja, und dann sind es drei Monate geworden. Das war
       wirklich eine brutale Zeit für mich“, sagt die 19-Jährige.
       
       Auch die 21-jährige Celine hat ähnliche Erfahrungen gemacht, die sie im
       Nachhinein als „Fiebertraum“ bezeichnet. Kurz vor ihrem 19. Geburtstag
       beendete das Amt die Hilfe komplett ohne Vorwarnung. Die Argumentation?
       Einser-Abi, Studienplatz, das laufe doch ausgezeichnet, dann komme sie ja
       alleine klar. Doch von heute auf morgen wird kein BAföG-Antrag bewilligt,
       und eine Wohnung findet man auch nicht, und so wurde die junge Frau für ein
       paar Monate in die Obdachlosigkeit entlassen, zumindest offiziell.
       Tatsächlich übernahm ihr Träger im letzten Moment die Wohnkosten für ein
       paar Monate.
       
       Patrizia hingegen bekommt zu ihrer großen Erleichterung gerade wieder
       Unterstützung. Nach den drei Monaten Funkstille meldete sich nämlich
       endlich eine neue Sozialarbeiterin. Sie kommt seitdem einmal pro Woche
       vorbei, hilft ihr beim Einkaufen und dabei, sich davon künftig nicht mehr
       komplett überfordert zu fühlen. Vor Kurzem hat die Sozialarbeiterin auch
       dem Klassenlehrer klargemacht, dass Patrizia in der Schule einen
       Rückzugsraum braucht. „Das ist halt toll, wenn das jemand erklärt, der den
       Kram studiert hat.“ Doch gerade hängt erneut alles am seidenen Faden, denn
       es ist höchste Zeit für ein neues Hilfeplangespräch. Allerdings kein
       Zeichen vom Jugendamt, seit einem halben Jahr. „Die melden sich einfach
       nicht mehr“, sagt die 19-Jährige. Schon wieder. Das macht ihr wirklich
       Sorgen.
       
       Zum Glück ist Patrizia auch mit ihrer ehemaligen Betreuerin aus der alten
       Wohngruppe noch sehr eng. Patrizia geht manchmal für die Hausaufgaben bei
       ihr vorbei. Wenn sie über ihre Zeit in der Gruppe spricht und über das
       ganze Leben dort, dann wird sie sehr lebhaft und anschließend auch ein
       bisschen traurig. Ihre Finger wischen über den Handybildschirm: Sie und
       ihre Mitbewohner mit Gesichtsmasken, ein Gruppen-Selfie am Meer und ein
       Foto von Momo, wie er auf der Computertastatur auf einem Schreibtisch
       sitzt. Momo ist Patrizias Lieblingshund. Er sei ein Angsthund und beiße
       auch, das heißt, man müsse wirklich wissen, wie man mit ihm umgeht. Sie
       kann das, sagt Patrizia. Der Hund sei damals nur zu Besuch gewesen. Doch
       dann hätten sich seine Besitzer nicht mehr gemeldet, und deshalb ist Momo
       geblieben. Manchmal passt sie immer noch auf ihn auf, wenn ihre ehemalige
       Betreuerin im Urlaub ist. Die gibt sich große Mühe, noch für Patrizia da zu
       sein. Drei Jahre Wohngruppe gehen eben mit einer gewissen Bindung einher.
       
       Das sei definitiv so gewollt, sagt die Erzieherin Marion vom SOS-Kinderdorf
       in Berlin. Das ganze Konzept der Jugendhilfe baue darauf auf, dass hier
       eine echte Beziehungsarbeit stattfinde. Sie selbst habe ihre „Kids“ teils
       für zwölf Jahre ihres Lebens begleitet. „Wenn die Kinder dann ausziehen,
       bewegt einen das manchmal ganz schön“, sagt Marion. Natürlich habe man auch
       nach dem Auszug immer mal wieder Kontakt. Dafür wird man als Betreuerin in
       der Regel nicht bezahlt. Viele machen es dennoch, einfach weil ihnen die
       jungen Menschen am Herzen liegen und weil sie spüren, dass sie noch ein
       bisschen gebraucht werden.
       
       Der stationäre Bereich sei eine „Königsdisziplin der Pädagogik“, erklärt
       ihre Kollegin Bianca. Man sei so wahnsinnig emotional involviert, während
       man zugleich natürlich professionell bleiben müsse. Ganz kleine Kinder
       benötigten zudem noch einmal eine deutlich engere Begleitung. Eine Kollegin
       habe immer erzählt, dass die Kinder sie manchmal ganz erstaunt gefragt
       hätten: „Ja, wo arbeitest du denn?“ Irgendwann würden sie ihre
       Lebenssituation dann ein wenig besser verstehen. Aber das sei meist eher
       ein „behutsames Heranführen“ und kein schlagartiger Prozess. Denn in der
       Regel gebe es auch weiterhin einen gewissen Kontakt zu den
       Herkunftsfamilien.
       
       In der Psychologie bezeichnet man Care Leaver als „hoch vulnerabel“. Sie
       waren in der Kindheit häufiger Misshandlung und Vernachlässigung ausgesetzt
       und haben ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und dafür,
       straffällig zu werden. Wohnungs- und Obdachlosigkeit in dem Bereich ist
       wenig erforscht. Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie ergab jedoch,
       dass ganze 75 Prozent der wohnungslosen jungen Menschen in Düsseldorf in
       ihrer Vergangenheit Kontakt zu staatlicher Jugendhilfe gehabt hatten. Wie
       kann das sein? Psychologen kritisieren, dass von dieser ohnehin schon
       besonders betroffenen Gruppe dann oftmals auch noch Entwicklungsschritte
       verlangt würden, die selbst die begabtesten jungen Menschen mit
       Unterstützung aus dem Elternhaus noch gar nicht vollzogen hätten.
       
       ## Was fehlt, ist der Rat von älteren Menschen
       
       Was ihr auch heute noch fehle, sagt die 21-jährige Celine, sei der „Rat von
       älteren Menschen“. Den würden sich andere halt von ihren Eltern holen. Ein
       solches Unterstützungsnetz hat sich Patrizia hier in Nürtingen ein wenig
       aufbauen können: Neben ihrer ehemaligen Betreuerin ist da noch ihre
       Lieblingslehrerin in der Schule und das Stadtorchester, in dem sie
       Querflöte spielt. Ein Kumpel aus dem Orchester, der schon arbeitet, hat ihr
       auch mit einer Bewerbung für ein Stipendium geholfen. „Ich bin wirklich
       gerne in meinem vertrauten Umfeld“, sagt Patrizia heute. Deshalb möchte sie
       – Stand jetzt – nach der Schule auch nicht unbedingt aus Nürtingen
       wegziehen.
       
       Celine hat den Sprung ins Berliner Studi-Leben gemacht, doch sie schaue mit
       einer gewissen Melancholie zurück, sagt sie. Die Wohngruppe, die Betreuer,
       das alles sei wohl das, was einer Familie am nächsten gekommen sei.
       Allerdings: Andere könnten an Weihnachten nach Hause und sich auf ihr altes
       Bett setzen. „Ich kann nicht zurückgehen, das ist der Unterschied“, sagt
       sie. „Mein Bett ist jetzt das Bett von jemand anderem.“
       
       3 Apr 2026
       
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