# taz.de -- Behinderte und Behörden: Ignoriert statt inkludiert
> Viele Menschen mit Behinderung brauchen im Alltag eine Assistenz. Aber
> diese bekommen sie häufig nicht, weil sie als zu kostspielig gilt.
(IMG) Bild: Fehlende Barrierefreiheit schließt Menschen aus
Die Treppe runter zur U-Bahn, der Griff ins oberste Küchenregal, das Warten
im Stehen an der Supermarktkasse. Für viele Alltag und verinnerlicht. Wenn
man denn ausreichend mobil ist. Dann laufen manche sogar mal gern die halbe
Stunde nach Hause, statt den Bus zu nehmen. Der Schrittzähler freut sich,
der Körper erst recht.
Doch nicht jeder und jedem fällt der Gang zur Bushaltestelle oder der Weg
zur Arbeit so leicht. Für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung kann
es die [1][größte Herausforderung des Tages sein, eine Bahn zu erreichen].
Selbst eine Bordsteinkante und ein kleiner Treppenvorsatz können ein
Hindernis sein. Besonders betroffen sind unter anderem [2][Menschen mit
Muskeldystrophie] (Lgmd). Bei der genetisch vererbten Erkrankung bauen sich
die Muskeln fortlaufend ab. Die Folgen sind mal gravierender, mal
schwächer: Bewegungseinschränkungen und damit einhergehend in den meisten
Fällen eine schwerwiegende körperliche Behinderung.
Noch nie davon gehört? Das verwundert nicht. Denn Menschen mit dieser
körperlichen Behinderung sind im öffentlichen Raum unterrepräsentiert.
Nicht nur, weil sie nur einen Anteil der Gesellschaft ausmachen, sondern
auch, [3][weil sie nicht ausreichend inkludiert werden.] Denn oft werden
Menschen mit Behinderungen in gesonderten Bussen zu ihren Arbeitsstätten
gefahren, sie besuchen andere Schulen oder arbeiten in besonderen
Einrichtungen. Die meisten Menschen ohne Behinderung haben in ihrem Alltag
kaum oder gar nichts mit behinderten Menschen zu tun.
Hinzu kommt eine fehlende Barrierefreiheit: Es mangelt an
Behindertentoiletten, barrierefreien Universitäten und Schulen, Aufzügen in
öffentlichen Gebäuden. Sogar Behindertenparkplätze sind durch Bordsteine
oft nicht nutzbar, U- oder S-Bahnhöfe haben keine Fahrstühle. Kurz:
Körperlich behinderte Menschen fühlen sich ignoriert.
Auch bei der Einstufung zur Pflege. Ohne eine Pflegekraft könnten viele
Betroffene ihren Alltag nicht bewältigen. Sie können nicht mehr laufen,
sich nicht allein waschen, geschweige denn für sich kochen. Und doch wird
nicht wenigen von ihnen ein Pflegegrad verwehrt, mit dem sie Geld bekommen
und damit eine Pflegekraft bezahlen können.
Die Krux: Der Fragebogen zur Einstufung ist vor allem an alte Menschen
angepasst, die demenzkrank, inkontinent, psychisch labil sind – nicht aber
an Betroffene, die klar im Kopf sind, aber sich nicht mehr gut bewegen
können. Manche bezahlen eine Haushaltshilfe daher selbst. Eine nicht
genehmigte Pflegestufe ist nicht das einzige Problem. Einige
Patient*innen berichten, Ergo- oder Physiotherapie, die für
Muskelerkrankte essenziell sind, viel zu spät bewilligt zu bekommen oder
einen Rollstuhl erst nach dem vierten Antrag an die Krankenkasse zu
erhalten. Das ist fatal, weil sich der Zustand der Betroffenen rasch
verschlechtert.
Betroffene können Widerspruch einlegen, wenn ihnen eine Leistung verweigert
wird. Doch auch das ist häufig aussichtslos. Manche gehen den Klageweg, mit
ein bisschen Glück wird die Klage sogar zu ihren Gunsten entschieden. Dafür
ist nicht nur eine gute Anwältin notwendig, es kostet vor allem Nerven und
Energie. Denn auch in solchen Fällen sind die meisten auf sich allein
gestellt, Unterstützungsangebote sind rar. Da ist der Weg zum Arzt für
medizinische Atteste nur eine kleine Hürde im Vergleich zu den Anträgen an
Kranken- und Pflegekasse, der komplexen Rechtslage, den [4][Tücken bei der
Bürokratie.] Die Betroffenen werden das Gefühl nicht los, im Stich gelassen
zu sein.
## Unwissen im Umgang mit Behinderten
„Demokratie braucht Inklusion“, heißt es zuallererst bei der
UN-Behindertenrechtskonvention. Und das bedeutet: Menschen mit Behinderung
sollen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben dürfen. Dafür steht
ihnen ein Nachteilsausgleich zu. Doch der fehlt oft. Auch Bundeskanzler
Friedrich Merz scheint das nicht verändern zu wollen. So wurde er
kritisiert, als er im vergangenen Sommer auf dem Kommunalkongress des
Deutschen Städte- und Gemeindebundes in Berlin die steigenden Kosten für
Inklusion als nicht länger akzeptabel bezeichnete. Hunderttausende
unterzeichneten daraufhin eine Petition gegen die Kürzung bei der
Eingliederungshilfe. An den Schwächsten der Gesellschaft, an Menschen mit
Beeinträchtigung dürfe nicht gespart werden, entgegnete auch die
Bundesvorsitzende der Lebenshilfe Ulla Schmidt.
Bereits vor zwei Jahren erklärten die Vereinten Nationen die
Inklusionspolitik in Deutschland als unzureichend. Das Problem ist, dass
für viele Menschen ohne Behinderung die Begegnung mit Menschen mit
Behinderung unangenehm ist. Viele wissen schllicht nicht, wie sie sich
verhalten sollen. Wie spricht man sie an? Wie bietet man Hilfe an, ohne
diskriminierend zu sein? All das kann man lernen – man muss es nur wollen.
Damit Menschen mit Behinderungen – sowohl körperlichen als auch geistigen –
ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden, müssen wir ihnen
begegnen. Wir müssen mit ihnen arbeiten, mit ihnen essen gehen, mit ihnen
Sport machen und mit ihnen Bahn fahren. Wenn eine Studentin eine
Universität nicht mehr besuchen kann, weil der Aufzug fehlt oder die Wege
zu weit sind, dann scheitert das nicht an fehlendem sozialen Umdenken,
sondern bereits an elementaren strukturellen Hilfestellungen, die Teilhabe
erst ermöglichen. Es braucht politische Aufmerksamkeit, mehr Empathie und
Bewusstsein – und einen einfacheren Zugang zu ausreichender Unterstützung
für Menschen mit Behinderung. Solange aber Unterstützung für Inklusion als
zu kostspielig angesehen wird, wird das nichts mit der Integration von
Menschen, die Hilfe benötigen.
5 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Wilma Johannssen
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