# taz.de -- Malerei im Oldenburger Kunstverein: Domestizierte Pseudowelt
> Im Oldenburger Kunstverein zähmt die Berliner Malerin Babette Semmer
> Kühe, Jugend und Internet. Ein figuratives Rauschen.
(IMG) Bild: Links: „Stall“, 2025, 220 x 180 cm. Rechts: „Whenever / whatever“, 2025, 140 x 160 cm, beide: Öl und Sand auf Leinwand
Unbeobachtet kann man den [1][Oldenburger Kunstverein] nicht betreten, die
Kühe auf der großen rauen Leinwand haben sich schon nach den Besuchenden
umgedreht: Mit geduldigem Blick schauen sie direkt zurück aus ihrem
nächtlichen Stall, das Kauen für den Moment unterbrochen, die Augen
angeblitzt weiß, wie ein Nikon Coolpix Partybild von 2007. Schwarz
verschwimmt der Gang vor ihren Futtergräben, die Köpfe durch den rostigen
Stahl gedrückt, nur in der hinteren rechten Bildecke schummert
sanft-gelblich das Stalllicht vor sich hin.
[2][Die 1989 geborene Malerin Babette Semmer] hat die Tiere fast lebensgroß
ins Format gesetzt, auf mit Sand grundierten Malgrund, eine als Kitsch
verrufene Technik, doch im artifiziellen Motiv der eingesperrten Natur
gelingt der Berlinerin mehr als genug Bruch, um der Dekoration zu entgehen.
„Die Zähmung“ heißt die Ausstellung passenderweise und was sich hier,
kuratiert von der neuen künstlerischen Leitung Imke Kannegießer, an den
Wänden aufreiht, ist meist gleich mehrschichtig domestiziert.
Da finden sich [3][Meerschweinchen wie intime Ikonen], eine riesenhafte,
filmleinwandgleiche Nahaufnahme des Schauspielers Adam Driver,
fotorealistisch verschwommene Hagebutten und Interieursujets von neunziger
Jahre Jugendzimmern, die trotz der schemenhaften Technik so akkurat den
Geist des Raumes einfangen, dass man die Mischung aus Teppichauslegeware,
Turnbeutel und Vanilla-Kiss-Deodorant aus dem Bild strömen riecht. Dazu
Blumen und angeschnittene Bugholzstühle, KI-erschaffenes und
Frauenportraits. Auf den ersten Blick wahllos in Stil und Motiv bindet
Semmer durch den Sandgrund formal ihre Werke zusammen, kittet so eine
einende Schicht unter die müden Ölfarben.
Nichts ist wild auf diesen Bildern, die Tiere gezüchtet, die Teenager im
Zaum gehalten, die Stars in der Rolle, die Bildtropen intakt. Semmer
enthierarchisiert Kunstgeschichte, Popkultur, Doom-Scrollung und ihre
eigenen Erinnerungen. Sie seziert die sie umgebende Bildwelt mit
verwaschenem Pinsel.
## Die Kunst domestiziert die Betrachtenden
Gebändigt werden müssen hier nicht die eigentlichen Motive, sondern der
rasende visuelle Rausch des Spektakels und die immer kürzer werdende
Aufmerksamkeitsspanne der Betrachterinnen darin. „Alles, was unmittelbar
erlebt wurde, ist einer Vorstellung gewichen. […] Die teilweise betrachtete
Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als
abgesonderte Pseudowelt“, [4][schrieb Guy Debord] schon 1967.
Fast 60 Jahre und ein Internet später ist das unmittelbare Leben eh
verschwunden. In Oldenburg fragmentiert Semmer den visuellen Matsch einer
entfremdeten Gesellschaft in abgeschubberten Leinwandhäppchen und überführt
kollektiv konsumerable Bilder in irritierende Intimität. Die hier
ausgestellte Pseudowelt lässt sich schwer abschütteln, sie involviert durch
bestechende Schönheit, Technik und Betroffenheit. Und so blickt man auf die
Kühe und die Kühe blicken zurück – alle ganz zahm.
14 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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