# taz.de -- Physische Digitalkunst in Berlin: Unheimliche Utopien
> Der Gothaer Künstler Konrad Hanke übersetzt gebrochene
> (West-)Werbeversprechen in digitale Illusionen. Heraus kommen moderne
> Trompe l'oeil-Varianten.
(IMG) Bild: Echte DDR-Ware: Gully aus der Serie „Mellow Fields“
Beim Betreten der Ausstellungsräume der Galerie Kai Erdmann in
Berlin-Halensee fühlt man sich erst einmal wie in einer etwas zu groß
geratenen und unfertigen Umgebungssimulation eines 3D-Programms. Graue,
unmöglich verformte Gullydeckel liegen auf dem ebenfalls grauen Boden der
Galerie, in demselben matten Grau steht da ein leeres Billboard gegen die
weiße Wand gelehnt.
In Grau gehalten sind auch die scheinbar aus sprödem Holz gefertigten
Bilderrahmen an den Wänden, die ausnahmslos magentafarbene Drucke fassen.
Im nächsten Raum wieder Holzoptik, diesmal in Form eines Lattenzauns,
darauf ein gerahmtes Plakat. Es zeigt den Schriftzug „Mellow Fields“ auf
einem Spruchband über einem leeren Meer. Und natürlich: Das Holz ist
Mausgrau. Der Druck Telekom-Magenta.
Der Künstler Konrad Hanke hat das alles erschaffen. Die nahezu perfekte
Illusion der Gegenstände und ihre Faktur sind frappierend. Wüsste man
nicht, dass all diese Gegenstände abgeformt sind, würde man ihre
Beschaffenheit nur durch einen Blick hinter die angelehnte Zaunlatte
entdecken. Gedanken über Walter Benjamin und den Verlust der Aura werden
verworfen, passender erscheint der Begriff des Uncanny Valley, der das
Unbehagen benennt, das einen überfällt, wenn [1][Simulationen] – eigentlich
des Menschen – der Wirklichkeit 'unheimlich’ nahekommen.
Der mit mattem Spritzspachtel beschichtete Epoxidharz ersetzt die
eigentliche Materialität so vollkommen, dass die abblätternde Lackierung am
verrottenden Holz spürbar wird, ohne dass sie vorhanden ist. Oder
berührbar. „Was ja auch im Kunstkontext meistens nicht gewollt und deswegen
nicht möglich ist“, wie Hanke später treffend über Kaffee in den
Ausstellungsräumen ergänzt. „Die Illusion der Malerei wird heute im
digitalen Bereich angewendet.“
Hanke, 1987 in Gotha geboren, interessiert sich für die digitale
Generierung von Realität. Programmierfehler und ihre Kennzeichnung in
diesem digitalen generativen Raum überträgt er in unsere gegenwärtige,
alltägliche Umgebung und berührt damit gesellschaftspolitische und
philosophische Fragen.
## Farbe signalisiert Verlust
Die auffällige, auf zwei Farben reduzierte Gestaltung der Ausstellung
beruht zum einen auf einem Grau, in dem Figuren im 3D-Programm erscheinen,
deren Form bereits bestimmt ist, denen aber noch keine Oberflächentextur
durch eine Bilddatei zugewiesen wurde. Das Magenta wiederum signalisiert,
dass die bereits zugewiesene Verknüpfung mit einem Bild verloren gegangen
ist. Die Farbe von Hankes Prints weist also auf einen Verlust und eine
fehlerhafte Abwesenheit hin.
Aber was fehlt hier? Im Print auf dem Lattenzaun wird die empfundene
Leerstelle unter dem Spruchband durch eine Aufhellung betont, die auf einen
Glitch, einen bewusst eingesetzten Programmierfehler zurückgeht: ein
bedeutungsvoller Lichtstrahl, der ins Nichts weist. Wer Terry Gilliams
kafkaeske Retro-Dystopie „Brazil“ gesehen hat, weiß, dass auf diesem Plakat
ein Kreuzfahrtschiff sein müsste auf dem Weg ins Versprechen. Hanke hat es
schlicht wegretuschiert.
Nach Textfragmenten des Films sind auch die verschiedenen Werke der
Ausstellung benannt. Darunter: „Luxury without fear“ und „Fun without
suspicion“. Es handelt sich bei Plakat und Billboard – so die Suggestion –
um Werbeflächen, deren Versprechen entfernt wurden, weil sie nicht
eingelöst werden konnten.
Die unheimliche Utopie findet sich auch in zwei weiteren Werken. Dort
erscheint die anderenorts erwartete Insel, das Gelobte Land, in Form von
Karten, die das Utopia des Renaissance-Autors und Humanisten Thomas Morus
veranschaulichen, wie er es 1516 in seinem Buch entwarf.
## Realität hinterließ Leere
Ist es das, was uns fehlt: Utopien? Frage an den Künstler. Hanke erzählt
von seiner Jugend in der [2][Post-DDR]. „Jeder versprach sich vom Westen
etwas Eigenes. Die Realität hat teilweise Leere, auch in Form verwaister
Industriestätten hinterlassen.“ Das Billboard mit Plakatresten hat er in
der Nähe seines Elternhauses gesehen. Die Gullydeckel sind auch DDR-Ware.
Man spricht über die Vorstellung des fortschrittlichen Westens, der
angesichts der Ungleichheit, der Ausbeutung von Natur und Menschen sowie
dem Wohlstand auf Basis ehemals billigen Öls nun endgültig als Illusion
entlarvt ist. Die Leere anstelle einer Vision (deretwegen uns ein
[3][ehemaliger Kanzler] zum Arzt geschickt hätte) – einer Vision darüber,
wie wir leben wollen, und nicht nur Ideen darüber, wie wir es nicht wollen
– ist unübersehbar.
Brauchen wir eine neue Utopie? „Wenn Utopien realisiert werden sollen,
schlagen sie in restriktive totalitäre Systeme um“, sagt Hanke. Man einigt
sich darauf: Es braucht ein positives Zukunftsszenario, nicht um es mit
aller Macht durchzusetzen, aber um uns auf den richtigen Weg zu begeben.
Und dann trinkt man noch einen großen Schluck Kaffee.
28 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Cora Waschke
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