# taz.de -- Karl-Hofer-Retrospektive in Halle: Wichtig, doch unscharf
       
       > Karl Hofer vertrat über die Diktaturen hinweg eine eigenständige, moderne
       > Malerei. Eine Ausstellung in Halle wird ihm nur teilweise gerecht.
       
 (IMG) Bild: In der DDR war der Maler dann als bürgerlicher Formalist verpönt: Karl Hofer, „Die Brücke“, 1946/47, Öl auf Leinwand
       
       Karl Hofer gilt zu Recht als bedeutender Künstler der ersten Hälfte des 20.
       Jahrhunderts in Deutschland. Mit einem eigenen, expressiv-klassizistischen
       Stil war er schon zu Zeiten des Kaiserreichs ein Exponent der
       Modernebewegung. Gut, dass ihm [1][die Moritzburg Halle] mit „Karl Hofer.
       Zwischen Schönheit und Wahrheit“ eine umfangreiche Ausstellung ausrichtet.
       Und schade, dass die Schau trotzdem an einer tragischen Stelle seiner
       Biografie unscharf bleibt.
       
       Hofer, 1878 im Großherzogtum Baden geboren, war der deutschen
       Kunsttradition verbunden, aber nie Nationalist. Ausgebildet an der
       Karlsruher und der Stuttgarter Akademie, zog es ihn für mehrere Jahre nach
       Rom und Paris, in die damalige Kunstmetropole Europas.
       
       In seinen Porträts oder Landschaftsbildern ging es ihm um die Wahrnehmung
       seiner Umwelt, er malte Menschen im geselligen Gespräch am Tisch, beim
       Kartenspiel oder Figuren in schweigender Haltung.
       
       Seine expressive Bildsprache, die scharf umrissenen Körpersilhouetten, die
       schattigen Augenhöhlen vieler Figuren, die erdig angetönten Farben behält
       er über die unterschiedlichen politischen Zeitgenossenschaften hinweg bei.
       
       ## Subtile Arbeit am Menschenbild
       
       1920 wurde er an die Berliner Kunsthochschule berufen. Als öffentlich
       bekennender Gegner der Nazis wie als expressiver Maler musste er mit dem
       Machtwechsel schon in der ersten „Säuberungswelle“ im April 1933 seine
       Lehrtätigkeit beenden.
       
       Erst 1945, nach Kriegsende, kehrte er in die Lehre zurück, erhielt den Ruf
       als Direktor der Hochschule der bildenden Künste Berlin. Diese richtete er
       [2][in den Nachkriegsjahren ganz auf die als unbelastet geltenden Künstler
       der Moderne aus]. Subtil versuchte Hofer in seiner Kunst am Menschenbild zu
       arbeiten. So indem er Motive immer wieder neu aufnahm und im veränderten
       Zeitkontext variierte.
       
       Seinen nächtlichen „Rufer“ von 1924 malte er in ganz ähnlicher Weise 1935
       neu. Nun aber stand das Gemälde in Spannung zu den Grenzsetzungen des
       ästhetischen Akademismus, der vielen Nazis das Mittel einer „deutschen
       Kunst“ war. Hofer blieb ein eigenständig Moderner.
       
       Wie Hofer trotz der sich ändernden Bedingungen durch die
       nationalsozialistische Kunstpolitik eine eigene künstlerische Haltung
       bewahrte, reflektiert die Ausstellung nicht. Als sein Berliner Atelier 1943
       mit der dort gelagerten Kunst abbrannte, erarbeitete er noch während des
       Kriegs neue Fassungen seiner Gemälde.
       
       Sein Bild „Böse Nacht“ von 1946, das eine Landschaft mit Ruinen und
       bedrohlichen, wolfsähnlichen Raubtieren zeigt, muss man wohl als dunkles
       Sinnbild für seine Gefühlsverfassung während der Nazi-Herrschaft und in der
       Nachkriegszeit deuten.
       
       Schwierig wird es, wenn der Katalog zur Ausstellung eine tragische Stelle
       in Hofers Biografie zu sehr vereinfacht und ihm Schuld an der Ermordung
       seiner ersten Frau durch die Nazis zuschreibt. Seit 1903 war er mit der
       Sängerin Mathilda Scheinberger verheiratet, sie hatten drei Kinder.
       Einvernehmlich trennten sich die beiden Mitte der 1920er Jahre. Sie stammte
       aus einer protestantisch assimilierten Familie jüdischer Herkunft.
       
       Um eine neue Beziehung Karl Hofers in „wilder Ehe“ zu legalisieren, bat er
       1931 und 1933 Mathilda vergeblich um Scheidung. Unterdessen engte ihn die
       NS-Kunstpolitik zunehmend ein. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigte
       1937 neun von Hofers Werken, weitere 311 hatte man aus staatlichen
       Sammlungen geholt, um sie in der Schweiz zu verkaufen.
       
       ## Die erste Ehefrau wird in Auschwitz ermordet
       
       Hofer drohte das Ende seiner Berufstätigkeit als bildender Künstler.
       Nachdem er neue Arbeiten eingereicht hatte, bekam er 1938 von einer
       Künstlerkommission der Reichskammer der bildenden Künste [3][seine
       Zugehörigkeit zur „deutschen Kunst“ anerkannt]. Im selben Jahr willigte
       Mathilda in die Scheidung ein. Unmittelbar danach heiratete Hofer seine
       zweite Frau Elisabeth Schmidt.
       
       Mathilda Scheinberger hingegen, in der deutschen Gesellschaft als
       „nicht-arisch“ ausgegrenzt, sah sich zur Auswanderung gezwungen. Vergeblich
       hoffte sie auf eine Einladung durch das Museum in Pittsburg, um in den USA
       eine neue Existenz als Musikerin beginnen zu können. Warum ihre Bitte dort
       abgelehnt wurde, ist unerforscht. Sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet.
       
       Kann man Hofer vorwerfen, dass er diese furchtbare Entwicklung im Jahr 1938
       nicht vorhergesehen hatte? Erst im November 1941, mit dem Kriegseintritt
       der USA, entschied Hitler die systematische Vernichtung aller europäischen
       Juden einzuleiten, das hat der Historiker Hans Mommsen in den 2000ern
       präzise erforscht.
       
       Diese unheilvolle Verstrickung von Beruflichem und Privatem im Leben Hofers
       genauer darzustellen, unterlässt der Katalog. Stattdessen verlässt er sich
       auf einfache Schuldzuweisungen mit dem Wissen im Nachhinein.
       
       ## Seine Rolle im geteilten Deutschland
       
       „Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit“ ist trotzdem eine
       eindrucksvolle Ausstellung. Sie arbeitet zwar weniger die ästhetische
       Eigenständigkeit Hofers heraus, die er über die Zeiten und politischen
       Regime hinweg behalten hat, dafür aber sehr wohl seine Rolle im geteilten
       Deutschland.
       
       Für einige Künstler in Halle galt er in den ersten Nachkriegsjahren noch
       als Vorbild. In der [4][Formalismusdebatte der 1950er Jahre in der DDR]
       wurde er mit dem Etikett eines „bürgerlichen Künstlers“ ausgegrenzt und
       nicht mehr ausgestellt. Erst zum 100. Geburtstag 1978 erhielt der Maler
       wieder eine große Retrospektive, in Halle ebenso wie in Westberlin.
       
       19 Jan 2026
       
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